Bewaldete Gegend, weiter Ausblick © George Foteades/Getty Images

An einer Abzweigung stehen zwei windschiefe Schilder im Gras und weisen in entgegengesetzte Richtungen. Nach Aetorachi oder Strebenikos? Entgegen Ilias’ Beschreibung bin ich bereits zweimal links abgebogen, weil weitere Gabelungen auftauchten. Alle Pfade führen zu Aristoteles, habe ich mir gesagt. In der Philosophie gibt es ja auch keinen Weg um den Meister herum. Jetzt aber komme ich ins Grübeln.

Ein verbeulter Kleintransporter rumpelt im Schritttempo heran. Wohin ich hier mitten in den Bergen will, fragen die beiden stoppelbärtigen Männer: "Nach Stageira? Zu Fuß?" Wandern ist kein Nationalsport in Griechenland, dafür ist es viel zu heiß. "Steig ein, wir zeigen dir die Richtung", sagt Michalis, der Fahrer. Auf dem Armaturenbrett liegen lange Messer. Michalis und Tomas sind Gärtner. Alle zwei Wochen fahren sie aus Thessaloniki in die Wälder, um Pflanzen zu sammeln, Minze, Lindenblüten, wilden Knoblauch und die Früchte der Stechpalme. "Alles ist da, in der Natur", erklärt Tomas, "Esskastanien, Walnüsse, Brombeeren, Pilze, Bärlauch." Und wer was vom Jagen versteht, kann Rebhühner, Wildschweine, Wölfe und Rehe erlegen. Illegal, versteht sich.

An einem Bach tritt Michalis scharf auf die Bremse. Wo Wasser ist, wachsen Farne. Ich frage, ob ich helfen kann, und Tomas drückt mir ein Messer in die Hand. Wir wühlen uns durch Laub und Geäst, klettern den steilen Hang hinauf. In Rekordzeit schneiden die beiden ganze Bündel von Farnen, stapeln und tragen sie auf dem Rücken zum Kleintransporter. Farne haben in Griechenland Hochkonjunktur, als Dekoration bei Hochzeiten und Beerdigungen.

Ich laufe tiefer in den Wald, bis nur noch knackende Zweige unter meinen Füßen zu hören sind. Alles leuchtet, Halme, Moose, Blätter, Nadeln, Farne, Büsche – ein Grün in tausend Schattierungen, das sich wandelt, je nach Einfallswinkel der Sonnenstrahlen. Man gerät in einen wahren Chlorophyllrausch. Auch Aristoteles muss sich ihm hingegeben haben: Seine Vorstellungen von Pflanzen lesen sich stellenweise wie ein Drogentrip – sie haben Organe, die Wurzeln sind ihre Münder. Auch die Tierwelt nahm der Meister unter die Lupe, beschrieb über 500 Arten, teilte sie in Gruppen ein – und erkannte bereits, dass Wale und Delfine Säugetiere sind.

Michalis hupt. Die Männer müssen weiter, bieten an, mich nach Stageira zu fahren. Ich winke ab, berufe mich auf den Meister: Das Leben besteht aus Bewegung, alles bewegt sich, wird angestoßen von dem einen großen, unbewegten Beweger.

Schon nach der zweiten Kehre öffnet sich der Wald. Olympiada ist zu sehen, ein winziges Dorf neben Stageira, die Häuser klein und niedrig, umgeben von Gärten mit blühenden Obstbäumen. Durch Erdrutsche entwurzelte Bäume liegen in der Böschung, an manchen Stellen ist der Forstweg zur Hälfte weggebrochen: Auswirkungen der starken Regenfälle im vergangenen Winter. Plötzlich stehe ich vor einer Planierraupe. Ihr Stahlschild hat sich verhakt. Der Fahrer flucht. Woher ich komme, will er wissen. "Deutschland? Was sagt Merkel? Schickt sie das Geld, oder schickt sie es nicht?"

An einem verlassenen Schweinestall lege ich eine Pause ein. Ganz unerwartet kommt ein Jeep angerollt. Ich überlege. Noch eineinhalb Stunden laufen, oder doch besser in zehn Minuten bei einem Ouzo am Strand abhängen? Abwechslung ist süßer als alles, meinte Aristoteles. Ich hebe den Daumen. Murat und Antonis halten. Auf der Fahrt erzählen die beiden, dass sie aus Albanien stammen und im Bergbau arbeiten. Halkidiki ist reich an Metallen. Seit der Antike wird hier gegraben und geschmolzen, Gold, Kupfer, Zink, Blei, Silber. Ob sie die Krise spüren? "Nö! Unsere Löhne sind gestiegen", antwortet Murat.

Wenig später bremsen wir an einer steinigen Bucht. Ich laufe hinunter. Unten sitzen zwei Muschelzüchter in einem Holzverschlag, überdacht mit Plastikbahnen. Überall liegen Netze, Schläuche, Eimer, in Tonnen türmen sich Muschelschalen, und zwischen Pfützen und Kisten schleichen Katzen herum. Woher ich komme, fragen Janis und Stavros. Aus Stageira? Zu Fuß? "Darauf trinken wir", sagt Stavros und greift zum Tsipouro, Tresterschnaps, während Janis mit einem Messer Miesmuscheln öffnet. "So frisch aus dem Meer und roh schmecken sie am besten", sagt er. Eine Knochenarbeit sei ihr Job, sagt Stavros: junge Muscheln abfischen, in Netze umfüllen und weiter füttern; Schwimmleinen, Stangen und Bojen anbringen und immer wieder reparieren, Netze flicken. Dabei sind die beiden in Rente, haben 30 Jahre im Bergbau gearbeitet. "Das hier ist Spaß an der Arbeit", sagt Stavros. Zum Abschied schenken sie mir einen Sack Muscheln.

Vom Tsipouro ermattet, schlappe ich in mein Hotel nach Olympiada und werfe mich aufs Bett. Bis ins antike Stageira, Aristoteles’ Geburtsort, habe ich es nicht mehr geschafft. Macht nichts: Auf dem Aristotelesweg zu wandern hat ohnehin wenig mit dem Meister zu tun. Dafür aber viel mit Griechenland: Nie weiß man, was der Tag bringt, wohin der Weg führt, immer kommt es anders, alles scheint chaotisch, ständig muss man Umwege in Kauf nehmen, oft glaubt man sich verloren. Doch stets geht es irgendwie weiter, eilt Rettung herbei, und man lernt hilfsbereite Menschen kennen, unerwartet und unkompliziert. Das ist Griechenland. Und Aristoteles, der ordnungsliebende Vater der Logik, ist eigentlich alles, was das heutige Griechenland nicht ist. Morgen werde ich weiterwandern nach Stageira, ganz bestimmt: Alle Wege führen irgendwohin. Stageira liegt irgendwo. Also führen alle Wege nach Stageira. Ob Aristoteles diesem Syllogismus wohl zustimmen würde?

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