Den Aktionären von Beijing Baofeng Technology muss die vergangene Woche abstrus vorgekommen sein: Am Donnerstag und Freitag rutschte der Kurs des Anbieters für Onlinevideos binnen 48 Stunden um fast neun Prozent ab – Neuland für die Anteilseigner. War ihr geliebtes Papier doch in den ersten 28 Tagen nach dem Börsendebüt an jedem einzelnen Tag um exakt zehn Prozent gestiegen, mehr lässt der chinesische Staat nicht zu. Das war selbst dem Management des Unternehmens unheimlich. Kürzlich rief es die Kapitalgeber öffentlich auf, "rational zu investieren und aufmerksam gegenüber Risiken zu sein".

Dann, am Montag, legte das Papier wieder zu, 5,5 Prozent, der Schlusskurs betrug 251 Yuan. Macht insgesamt 3.415 Prozent Plus seit dem Börsengang am 24. März. Da kostete die Aktie noch 7,14 Yuan.

Beijing Baofeng Technology ist der allerheißeste Titel in einem heiß gelaufenen Markt. Die kommunistische Volksrepublik China schwelgt im Börsenrausch. Seit dem vergangenen Juli sind die Kurse am wichtigsten Handelsplatz in Shanghai im Schnitt um mehr als 130 Prozent gestiegen. An der technologielastigeren Börse von Shenzhen haben sie sich binnen Jahresfrist fast verdreifacht. 100 Millionen Chinesen mischen nach offiziellen Angaben mittlerweile im Aktienmarkt mit. Das tägliche Handelsvolumen im Reich der Mitte ist bisweilen viermal so hoch wie an der Wall Street. Und Woche für Woche kommen derzeit zwischen drei und viereinhalb Millionen neue Depots dazu.

Seit vergangenen Donnerstag ist die Hochstimmung etwas getrübt. Da verlor der Shanghaier Leitindex sechs Prozent, binnen weniger Stunden wurden umgerechnet 550 Milliarden US-Dollar Börsenwert vernichtet. Tags drauf ging es nach schlechtem Start bald wieder nach oben. Aber die Angst wächst, dass der Mini-Einbruch nur das Vorspiel zum ganz großen Crash sein könnte.

"Was sich gerade an Chinas Börsen abspielt, kann nicht gesund sein", sagt Harwig Wild, Emerging-Markets-Stratege beim Frankfurter Bankhaus Metzler. "Das koppelt sich von allem ab, was sonst in der Welt geschieht." Griechenland oder der schwankende Ölpreis sind für Chinas Aktionäre kein Thema. Selbst die sich abzeichnende Wachstumsschwäche in ihrer Heimat lässt die Zocker kalt. Im Gegenteil: Sie scheint die Superhausse sogar zu befeuern.

Der Dotcom-Boom in den USA und die Neue-Markt-Blase vor der Jahrtausendwende erscheinen geradezu vernünftig, gemessen an dem, was sich gerade im "Crazy Casino" abspielt, wie das Wirtschaftsmagazin The Economist Chinas Aktienmarkt getauft hat. Im April etwa gingen laut der britischen Financial Times die Kurse sämtlicher 29 Unternehmen, die sich an den Börsen Shanghai und Shenzen erstmals listen ließen, nach oben – an jedem einzelnen Handelstag des Monats.

Von Profi-Spekulanten über Rentner bis zu Analphabeten: Alle zocken mit. Aktien kaufen wird zum Volkssport in China. Laut einer Untersuchung der Universität für Finanzwesen und Wirtschaft Südwestchinas haben mehr als zwei Drittel der Neubörsianer vor ihrem 16. Geburtstag ihre Schullaufbahn beendet. "Der Markt wird sehr stark von privaten Investoren getrieben", sagt Yanis Hübner, China-Experte der Dekabank. "Diese Leute sind offenbar auf kurzfristige Börsengewinne aus." Schließlich habe der Anteil der Käufe auf Kredit in den vergangenen Monaten stark zugenommen.