Pralinen anlässlich des G-7-Treffens im benachbarten Elmau © Wolfgang Rattay /Reuters

Die meisten Deutschen sind genervt vom G-7-Gipfel auf Schloss Elmau: sündhaft teuer, folgenloses Gerede, ein Affront gegen die Versammlungsfreiheit. Zugleich fixieren sich einige Militante auf die Störung des Gipfels, als hinge davon der Lauf der Welt ab. Doch was wäre eine Alternative zu diesem eingeübten Format? Das könnte nur eine Reform der Gruppe der sieben sein.

Entstanden ist die G 7 aus informellen Kamingesprächen der Finanzminister und Zentralbankchefs der USA, Deutschlands, des Vereinigten Königreichs, Frankreichs und Japans in der Bibliothek des Weißen Hauses. Hauptsorge der Washingtoner Library Group waren Währungsstabilität und Außenwirtschaftsbeziehungen, als das System von Bretton Woods zerbrochen war und die Weltwirtschaftskrise 1973 das Wachstum hemmte. Die Initiatoren des Klubs – zu dem noch Italien und Kanada, später auch Russland stießen – waren Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing und Bundeskanzler Helmut Schmidt, für den (frei nach Walther Rathenau und Ludwig Erhard) "Weltwirtschaft als Schicksal" galt. Die ökonomische Globalisierung hatte die Grenzen der nationalstaatlichen Steuerung der Weltwirtschaft deutlich gemacht, die vormaligen Finanzminister Schmidt und Giscard d’Estaing hofften, politische Gestaltungskraft gegenüber den weltweiten Marktkräften zurückzugewinnen.

Später jedoch, in den Reagan-Thatcher-Jahren, ging es eher um die politische Absicherung eines zunehmend deregulierten globalen Wirtschaftssystems. Der Staatengipfel erschien immer mehr wie eine Kapitulation des Politischen vor dem Ökonomischen und provozierte damit weltweiten Protest von Globalisierungskritikern.

Seit den Terroranschlägen von 9/11 führen die G7/8-Gipfel ein Paradox vor: Sie sollen demonstrieren, dass sich Politiker gemeinsam um die Lösung globaler Probleme bemühen, also etwas für die Völker tun. Doch zugleich halten sie die daran interessierte Weltgesellschaft und ihre Bürgerinnen und Bürger auf Distanz. Dabei ist es gut, wenn sich Staats- und Regierungschefs persönlich und vertraulich austauschen – wer war nicht erleichtert, dass Angela Merkel und François Hollande nach Moskau reisten, als eine Eskalation des Ukrainekrieges drohte? Wer miteinander redet, schießt nicht aufeinander. Insofern ist der Selbstausschluss Russlands 2014 durch die Annexion der Krim kein gutes Omen.

Die Kriege im Mittleren Osten und in der Ukraine erfordern dringend Kommunikation und Kooperation – und zwar auch gegenüber den Bürgern. Die G 7 muss sich der öffentlichen Auseinandersetzung stellen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 3.6.2015.

Nach dem Ende des Kalten Krieges 1990 ist es versäumt worden, eine neue politische Ordnung zu gestalten. Die G7/8 hätte das Rückgrat einer demokratischen Industriegesellschaft von Seattle bis Wladiwostok bilden können, die sich als "Wertegemeinschaft" ohne Selbstgerechtigkeit den Problemen des globalen Südens zuwendet. Denn die Oligarchie der westlichen Industrienationen ist zum Anachronismus geworden, seit sich mit China ein veritabler Gigant der Weltwirtschaft und eine Supermacht in spe gezeigt hat und sich Schwellenländer wie Indien, Brasilien, Indonesien, Südafrika und andere Nationen aus der "armen Welt" hervorgehoben haben. Der Aufstieg der Gruppe der 20 (G 20), in der Industrie- und Schwellenländer zusammenwirken, war insofern folgerichtig. Allerdings hat diese Entwicklung nicht die Machtverschiebung in Richtung der aufsteigenden Mächte erzeugt, die man sich im globalen Süden erhofft hatte. Zu unterschiedlich sind die Interessen und Werte der neuen Mächte. Dafür beziehen die G 7 Beobachter anderer Weltregionen (seit 2000 etwa aus Afrika) mit ein, wodurch die Grenzen zwischen den beiden Klubs fließender geworden sind.

Nicht nur die Zahl der Mitwirkenden ist gestiegen, auch die Themen gingen im Verlauf der 1990er Jahre wieder über die neoliberale Verengung der Thatcher/Reagan Ära hinaus. Mit voller Wucht kehrte 2008 die finanz- und währungspolitische Agenda auf die G7/8-Tagesordnung zurück, ohne dass auf die Banken- und Schuldenkrise eine dauerhafte Antwort gefunden worden wäre. Auf Initiative der kanadischen und deutschen Präsidentschaft sind Probleme wie Armutsbekämpfung, Entschuldung (Toronto Terms 1988, Kölner Schuldeninitiative 1999) und die Umwelt- und Klimakrise immer wieder zum Thema gemacht worden, womit der Primat der Ökonomie relativiert wurde.

Weil die Themen infolge des hohen Pensums nur noch im Minutentakt gestreift werden können, erzeugen G-7-Gipfel eine kognitive Diskrepanz: Die geballte Macht ihrer Regierungen und die Ankündigung, sich den Weltproblemen ernsthaft zuzuwenden, erzeugen eine überzogene Erwartungshaltung auf "Durchbrüche". Komplexe Probleme lassen sich aber nicht wie ein gordischer Knoten mit einem Schlag durchhauen. Deswegen sind die Vor- und Nacharbeiten der Sherpas und Sous-Sherpas so wichtig. Diese Regierungsbeamten betreiben eine kontinuierliche Gipfeldiplomatie. Das Treffen in Elmau ist nur eine Etappe, etwa auf dem Weg zum nächsten Klimagipfel. Es braucht langen Atem.