Die Hände, die Lionel Messi und Neymar aufhalten sollen, sind lang, schmal und sorgfältig manikürt. Klavierspieler-Hände, die Gianluigi Buffon gehören, dem Torwart und Kapitän von Juventus Turin. Gerade hat er sie im letzten Liga-Heimspiel seiner Mannschaft gegen den SSC Neapel eingesetzt. Außer Buffon war kaum ein Stammspieler auf dem Platz. Um gegen Neapel 3 : 1 zu gewinnen, reichte die zweite Mannschaft. Buffon parierte einen Elfmeter, eigentlich nicht seine Stärke. Juve – Napoli, in früheren Zeiten ein erbittert ausgetragenes Nord-Süd-Duell zwischen Erzrivalen, war diesmal für die Gastgeber nicht viel mehr als eine Aufwärmübung vor dem Champions-League-Finale gegen den FC Barcelona am 6. Juni im Olympiastadion von Berlin. Gefeiert wurde nach dem Schlusspfiff trotzdem. Schließlich hat Juve neben der vierten Meisterschaft in Serie auch den Pokal gewonnen. Buffon trug ihn auf den Rasen, nach getaner Arbeit kickte er dort ausgelassen mit seinen beiden Söhnen. In Berlin werden die Jungen auf der Tribüne sitzen und darum zittern, dass ihr Vater die einzige Clubtrophäe gewinnt, die ihm in seiner Karriere noch fehlt.

Gianluigi Buffon, 37, Weltmeister von 2006, sechsfacher Italienmeister, Uefa-Cup-Gewinner und zweifacher Pokalsieger, steht jetzt in einem Korridor des Juventus-Stadions. Neapel ist abgehakt, er redet über Barcelona. "Die sind die Favoriten", sagt Buffon und reckt das Kinn vor, "unsere Chance liegt bei 30 Prozent." Alles an ihm strahlt Ruhe aus, im maßgeschneiderten Clubanzug stecken 191 Zentimeter Gelassenheit. Seine Hände hat Buffon in die Taschen gesteckt, damit sie still sind. Der notorische Temperamentsbolzen Buffon gestikuliert nicht mehr in der Öffentlichkeit. Er wägt seine Worte ab und lässt seine Hände schweigen: Alles unter Kontrolle. Das hat er gelernt als Kapitän in einem Club, dem Disziplin über alles geht. "Hier gibt’s keine Extrawürste", wurde dem 23-Jährigen erklärt, als er 2001 vom Provinzclub Parma nach Turin wechselte. Da hatte Buffon, immerhin schon Nationaltorwart, den Wunsch geäußert, seine alte Trikotnummer 77 behalten zu dürfen. Er bekam die 1, wie alle Juve-Schlussmänner vor ihm – und wurde der zeitweise beste, sicher aber schillerndste Torwart der Welt.

Typen wie er sind selten geworden in einem Betrieb, der Starrollen nur für den Gegenpart vorgesehen hat, für die Messis, Neymars und für Bad Boys wie Suárez. Unter den Schlussmännern hatte sich Oliver Kahn den Titel "Titan" verdient, im Tor war er ein Gigant, aber aufregend wurde er nie. Ähnlich wie Dino Zoff, Buffons Vorvorgänger bei Juventus und im Nationalteam, der als einziger italienischer Spieler Welt- und Europameister wurde. Zoff stand elf Jahre lang ununterbrochen bei Juventus im Tor. Ununterbrochen heißt: an jedem Spieltag. Immer. Als Nationalcoach hat Zoff später Buffon trainiert. Heute hält er Iker Casillas für den besseren Torwart.

Buffon eckt immer wieder an, weil er sich nichts vorschreiben lässt

Der Spanier hat in der Tat mehr gewonnen als Buffon. Aber was den Italiener von allen Kollegen unterscheidet, ist sein buntes, bewegtes und manchmal auch verrücktes Leben neben dem Fußball. Das Leben eines Mannes, der immer wieder aneckt, weil er sich nichts vorschreiben lässt, außer vom Schiedsrichter. In Buffons Biografie sind die Brüche und Eskapaden ebenso zahlreich wie die Trophäen. Denn das ist es überhaupt, was Buffon, den alle Gigi nennen, ausmacht: Der Mann hat eine Biografie, nicht nur eine Statistik. Sein Ehrgeiz kennt, anders als etwa bei Manuel Neuer, durchaus Grenzen. Buffon sucht mehr als die Perfektion zwischen zwei Torpfosten.

Er stammt aus Carrara, jener Stadt an der Küste der Toskana, in deren Rücken sich die berühmten Marmorberge türmen. Die Arbeiter aus den Marmorsteinbrüchen machten Carrara zur Wiege des italienischen Anarchismus. Extrem harte Arbeitsbedingungen und radikale Freiheitsideen bewegten in der Vergangenheit die Stadt. Buffons Eltern waren nicht politisch aktiv, sie waren Sportler und brachten es beide in die Landesauswahl im Kugelstoßen. Gigi verließ das Zuhause mit 13 und zog ins Fußballinternat vom AC Parma. Vier Jahre später spielte er schon in der ersten Liga – aber wenn es sich vereinbaren ließ, stand er immer noch als Fan in der Kurve von Carrarese Calcio 1908, seinem alten Club. Er fuhr mit dem Zug dorthin, meistens ohne Fahrkarte: "So oft, dass es in meiner Spielerstatistik auftauchen könnte", heißt es in seiner Autobiografie Numero 1. "Gianluigi Buffon: soundso viele Elfmeter pariert, soundso viele Tore kassiert, soundso viele Schwarzfahrten absolviert."

Es war die Zeit, in der der Erstliga-Profi Buffon neben dem Trikot des Drittligisten Carrarese auch andere Hemden überstreifte. Das war erstens das von Thomas N’Kono, der Torwartlegende aus Kamerun. Der Italiener fuhr zu N’Konos Abschiedsspiel, er benannte sogar seinen ältesten Sohn nach seinem großen Idol.

Vor zwei Jahren erklärte er seine Unterstützung für Mario Monti

Dann waren da die Hemden, die ihm den Ruf einbrachten, ein Faschist zu sein. Bis heute hält sich dieses Gerücht hartnäckig, obwohl Buffon immer wieder beteuert hat, mit den Rechten nichts am Hut zu haben. Wer wirklich rechts ist, wie sein zeitweiliger Stellvertreter Christian Abbiati vom AC Mailand, dementiert gemeinhin nicht.

In Abbiatis Wohnung stehen Mussolini-Büsten, weil er den faschistischen Diktator nach eigenem Bekunden für den Größten hält. Buffon trug einmal ein T-Shirt mit der Aufschrift: "Zum Henker, wer aufgibt." Den Spruch hatte er im Fußballinternat aufgeschnappt, er gefiel ihm, er fand ihn cool. Was er nicht ahnte, war, dass mit diesem Slogan 1970 Neofaschisten in Süditalien den Aufstand geprobt hatten. "Heute gibt’s das Internet, und man kann alles schnell kontrollieren. Damals machte ich diesen Fehler." Und gleich noch einen. Denn auf der Suche nach Männlichkeitssymbolen stolperte der junge Macho Buffon über die doppelte Null: "Bedeutet zwei Eier." Die meisten Menschen interpretieren indes 00 schlicht als Synonym für Toilette, deshalb verweigerten sie ihm in Parma diese Trikotnummer. "Dann nehme ich 88", beharrte Buffon: "vier Eier." Blöd nur, dass in der rechtsradikalen Szene die zweifache 8 für HH steht: Heil Hitler. Das H ist der achte Buchstabe des Alphabets. Und so entfachte Buffon, als er sich mit der 88 ins Tor stellte, einen Sturm der Entrüstung. Er selbst fiel wieder aus allen Wolken: "Wer ahnt denn, dass hinter dieser Zahl der Hitlergruß steht?! Das wissen doch wirklich nur Nazis!"