In ausweglosen Situationen, wenn er überfordert und hilflos ist, rettet sich der gläubige Mensch ins Gebet. Gregor Gysi rettet sich in einen Witz. Wer also bei ihm nach tragischen Momenten fahndet, der sollte sich seine je aktuellen Witze anschauen. In den letzten Tagen waren das zwei: Auf die Frage, wie lange er noch heimlicher Chef der Linken und offizieller Vorsitzender der Linken-Fraktion im Bundestag bleiben wolle, antwortete er: "Spätestens mit neunzig ist Schluss."

Die dahinter versteckte Tragik lautet so: Gregor Gysi zieht seit einem Vierteljahrhundert einen Karren mit tonnenweise deutscher Geschichte darin, mit DDR-Biografien, die ihren Sinn nicht verlieren wollen, mit vielen Menschen, die beflissen und oft vergeblich versuchen, Deutschland besser zu machen, aber auch mit vielen Sektierern, die nur recht haben und zersetzen wollen. Nun allerdings schwinden dem kleinen starken Mann die Kräfte, er ist nicht mehr der Jüngste, und, schlimmer noch, der Karren bewegt sich so langsam, dass man zuweilen denken könnte, er rolle rückwärts. Der Witz bedeutet also: Ich glaube, ich kann nicht mehr.

Die andere Witzantwort dieser Tage lautet: "Die Steuerpolitik." Die Frage hieß: Was ist das größte Hindernis für Rot-Rot-Grün im Bund? Das ist natürlich absurd, und in Wahrheit gar nicht lustig für Gysi, denn viel schwieriger als alle Steuerfragen ist etwas anderes: die Außenpolitik.

Die Außenpolitik der Linken wird – wenn nicht einschneidende Dinge geschehen – verhindern, dass Angela Merkel als Kanzlerin abgelöst werden kann, die linke Außenpolitik wird verhindern, dass Sigmar Gabriel die Chance hat, an Merkels Stelle zu treten, und dass die Linke endlich da ankommt, wo Gregor Gysi selber auch am liebsten ist: mittendrin und ganz oben. Selten war die Außenpolitik der Linken so wichtig wie heute.

Es ist nicht das erste Mal in seinem Leben, dass die Energien der Geschichte und der Macht durch Gysi hindurchlaufen. Anfang Dezember 1989 stand der damals 42 Jahre junge Notar schwitzend und gestikulierend in der Dynamo-Sporthalle in Berlin, um die vor Schuld und Schock starre SED unter dem neuen Namen PDS in die gesamtdeutsche Demokratie zu führen. Er forderte vehement Wahrhaftigkeit, erlaubte sich und seinen Genossen hier und da ein bisschen Selbstbetrug und versuchte das Parteivermögen in Sicherheit zu bringen. Man mag das bewerten, wie man will, bewundernswert jedenfalls war, wie da einer Geschichte machte, man könnte sagen: mit bloßen Händen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 3.6.2015.

Heute macht er wieder Geschichte, diesmal aber, wie es scheint, durch Unterlassung. Und durch Witze.

Was er unterlässt und verwitzelt, das ist der Versuch, die PDS, die mittlerweile die Linke geworden ist, in einem zweiten Kraftakt so weit zu verändern, dass sie regierungsfähig wird, bevor er, Gysi, pensionsreif ist.

Das klingt nun biografischer, als es ist. Denn es kann auch gut sein, dass Gysi die letzte Chance der Linken verkörpert, den entscheidenden Schritt auf dem Weg von der Ächtung zur Achtung zu gehen. Was nach ihm kommt, könnte auch eine rote Sintflut werden: ungebremster Flügelkampf, Sektierertum, Bedeutungslosigkeit.

Beim Parteitag am kommenden Wochenende will er seinen Genossen verkünden, ob er weitermacht oder nicht. Doch die viel spannendere Frage lautet: Wenn er will, was will er dann eigentlich? Den großen letzten Sprung etwa? Den Kurswechsel in der Außenpolitik? Und wenn ja, hätte er überhaupt eine Chance, sich durchzusetzen?

Es geht immerhin um die EU, deren Existenz und Erhalt längst zur deutschen Staatsräson geworden ist; auch die Frage, ob dieses Land irgendeine militärische Option haben darf, ist existenziell. Und dann ist da noch die Sache mit Russland, die gewöhnlichen Deutschen lange Zeit gleichgültig war – bis Wladimir Putin die Krim besetzte und einen hybriden Krieg in der Ostukraine befeuerte. Für die Linke ist Russland aber noch etwas anderes als ein Land, es ist eine zweite Heimat.

Und überhaupt: Außenpolitik, das sagt sich so leicht für Menschen, die niemals Genossen waren. Für die geht es aber um viel mehr als um Diplomatie und Interessen, es geht um Identität, Christen würden sagen: um den Glauben.

Wolfgang Gehrcke ist solch ein Gläubiger. Ihn einen Russland-Versteher zu nennen wäre untertrieben. Der Vizechef der Linken-Fraktion ist der einzige Außenpolitiker im Deutschen Bundestag, der fast alle Kreml-Chefs seit Nikita Chruschtschow persönlich kennenlernte. "Nur Putin fehlt leider in meiner Sammlung", sagt der 71-Jährige. 1961, als 17-Jähriger, wurde Gehrcke zum ersten Mal in Moskau offiziell empfangen, er war damals gerade rausgeflogen bei der SPD. Etwas später gehörte er zu den Gründern der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP).