Das Schwein stinkt. Es ist vor allem kein Mensch, hat auch keine Chance, einer zu werden. Es wird geschlachtet. Als die ZEIT die Aussagen von 27 Politikern abdruckte, die von Morddrohungen und Angriffen auf ihre Familien berichteten, reagierte die Netzmeute mit Hassvokabeln, darunter: "Politikerschweine".

Vor wenigen Jahrzehnten sprach man von Kapitalisten- oder Kommunistenschweinen; Antisemiten reden noch heute von Judenschweinen. Oder von Zionistenschweinen, zwecks Anschlussfähigkeit an die Linke. Zu ihr wiederum zählen Leute, die alle Bullenschweine hassen.

Jetzt also sind die Politikerschweine dran. Warum dieser Hass?

Weil die Demokratie in der Krise sei: Das schreibt der französische Philosoph Jacques Rancière. Ihm zufolge verhandelt die Politik mehr und mehr Themen, bei denen sie die Einmischung des Wählervolks vermeiden will, Währungs- und Europapolitik etwa. Anstatt Konflikte öffentlich und an den Wahlurnen auszutragen, finde eine Oligarchie Kompromisse in Koalitionen oder überstaatlichen Gremien; das Schlüsselwort heißt "alternativlos". Die Demokratie leide daher an einem Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Da ist etwas dran. Doch schlägt Politikern auch in solchen Ländern Hass entgegen, wo über Alternativen gestritten und abgestimmt wird, etwa in Großbritannien. Über Deutschland wiederum lässt sich schlecht sagen, dass der Widerspruch zwischen demokratischem Anspruch und Wirklichkeit heute eklatanter sei als, sagen wir, in den sechziger oder siebziger Jahren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 3.6.2015.

Einer anderen Theorie zufolge sind die Ansprüche an die Politik nicht etwa zu hoch, sondern vielmehr zu niedrig: Politik werde stets als Machtkonkurrenz begriffen und dargestellt, und der Zynismus der kommentierenden Klasse habe inzwischen auf die Bürger abgefärbt. Auch das ist nicht ganz falsch; indessen ist "Politik als schmutziges Geschäft" ein zu altgedienter Topos, als dass er erklären könnte, warum der Hass auf Politiker ausgerechnet jetzt eskaliert.

Nach einer dritten Theorie erwächst der Hass aus Angst. Vor einer Welt, die der Bürger nicht beeinflussen könne, vor Finanzkrisen, Staatenzerfall, Terrorismus, Migration, Datenkonzernen. Doch ging nicht auch im 20. Jahrhundert Angst um, etwa vor Atomkrieg oder Inflation? Allgemeiner Politikerhass war damals gleichwohl die Ausnahme. Stattdessen bekamen es die Deutschen mit spezifischen Hassphänomenen zu tun, mit der "Aktion Widerstand" gegen die Ostverträge, mit NPD, RAF und Schwarzen Blocks.

Anders gesagt: Der Hass war immer da, nur sieht er heute anders aus. Er richtet sich nicht allein gegen Politiker im Allgemeinen, sondern auch gegen Stars und Promis, Intellektuelle oder Journalisten. Am vergangenen Wochenende zum Beispiel gegen die junge Kollegin Ronja von Rönne, die in der Welt einen schmissigen Artikel gegen Feministinnen geschrieben hatte: die ideale Zielscheibe. Einer der Angreifer zitierte das französische Revolutionslied Ça ira, das sich die Aristokraten an die Laterne wünscht.

Die Psychologie weist darauf hin, dass Hass entstehen kann, wenn jemandem ein knappes Gut vorenthalten wird. Zu diesen Gütern nun gehört die Relevanz einer Person, besonders in der heutigen Zeit des Individualkults. Zeichen dieser herausgehobenen Besonderheit können gutes Aussehen oder ein schicker Name sein, Macht, Reichtum oder mediale Aufmerksamkeit. Im Netz zum Beispiel wird niemand so gehasst wie der Popsänger Justin Bieber.

Oder eben die Politiker. Um es solchen Inhabern personaler Wichtigkeit heimzuzahlen, nutzt der Bedeutungsneid jede Rechtfertigung, zumal wenn sie Angriffsflächen bieten wie einst Guttenberg oder Wulff.

Eine den Hass rechtfertigende Erzählung bietet verlässlich das rechtsradikale Ressentiment. Es ist verbreitet, wenngleich domestiziert. Doch wenn die Sicherung schwächelt, bricht es durch. Dann verstärkt der Hass sich selbst: Wer ihn äußert, erlebt lustvolle Befreiung vom Zwang der Zivilisiertheit. Diese Enthemmung ist die eigentliche Gefahr.