Eigentlich müssten wir Muslime die Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften, wie in Irland geschehen, begrüßen. Da kämpft eine Minderheit gegen Vorurteile, Verachtung und Diskriminierung. Also könnte man Partner im Geiste für eine tolerante Gesellschaft sein.

Könnte. Homosexualität und Islam, das bleibt ein schwieriges Thema. Und eine Testfrage. Der Islam sei nicht wirklich Teil Europas, sagen viele, solange er Homosexualität nicht gutheiße. Unter Druck setzen lassen sollten wir uns von solchen Argumenten nicht. Aber es gibt genügend innerislamische Gründe dafür, das Thema zu besprechen.

Vor Kurzem erhielt ich eine E-Mail von einem befreundeten Muslim – jetzt Ex-Muslim. Er schrieb, dass er den Islam verlassen habe, weil sein gesamtes Leben ein Davonlaufen vor sich selbst gewesen sei. Er ist homosexuell. Er habe sich dafür gehasst. Er glaubte, dass Gott ihn hassen müsse. Dann beschloss er, sich so zu akzeptieren, wie er ist. Da die Umma, die islamische Gemeinschaft, keine Homosexuellen akzeptiere, verließ er sie – und fand zum ersten Mal Frieden mit sich.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 3.6.2015.

Leugnen wir es nicht: Homosexuellen wird in der Umma oftmals ihr Muslimsein abgesprochen, sie werden als psychisch Kranke eingestuft und ausgegrenzt. Mancher ruft gar zu ihrer Tötung auf. Aber es kann keinen Zweifel geben: Ein homosexueller Muslim, der an Gott, an die Engel, die Offenbarungsschriften, die Propheten und den Jüngsten Tag glaubt, der seine Gebete verrichtet, der im Ramadan fastet, der die Pflichtabgabe entrichtet und die Pilgerfahrt nach Mekka unternimmt, ist Muslim und damit Teil der Umma. Außerdem wissen wir heute über Homosexualität mehr als frühere Generationen. Sie ist keine Krankheit, sondern eine angeborene sexuelle Ausrichtung.

Homosexualität ist zwar ein Randthema im Koran, es besteht jedoch kein Zweifel, dass er Homosexualität negativ beurteilt. Wichtig ist aber: Eine Bestrafung für Homosexualität als solche kennt die Offenbarung nicht. So geht es etwa bei der berühmten Geschichte von Sodom nicht um Homosexualität, sondern um sexuelle Gewalt. Das heutige Äquivalent für das Volk von Sodom wären die Islamisten von Boko Haram oder Gruppenvergewaltiger in Indien.

Wie also mit homosexuellen Muslimen umgehen? Wollen wir sie vielleicht nicht bestrafen, aber umerziehen? Erwarten wir, dass ein homosexueller Muslim seine Neigung ein Leben lang unterdrückt, eine Frau heiratet, mit ihr Kinder bekommt? Ist uns klar, welches Leid wir über solche Familien bringen? Oder erwarten wir von ihm, dass er seinen Sexualtrieb verleugnet und enthaltsam bleibt? Was bei alldem vergessen wird, ist, dass es nicht nur um einen intimen Akt geht, sondern auch um Liebe. Kein Mensch hat das Recht, zwei Menschen zu verbieten, sich zu lieben.

Die Lösung muss eine andere sein. Über Jahrhunderte war es in muslimischen Gesellschaften Sitte, Homosexualität zu dulden, solange deren Ausübung diskret geschah. Die Treibjagd gegen Homosexuelle ist jüngeren Ursprungs, sie rührt vom Einzug der Moderne, einer offensiven Liberalität in die muslimische Welt. Viele Muslime beziehen ihr Bild von homosexuellen Lebensformen allein aus TV-Bildern des Christopher Street Day. Dieser ist aber ein Zerrbild. Es gibt viele Homosexuelle, die diese schamlose Zurschaustellung ebenso ablehnen wie viele Heterosexuelle.

Die meisten Homosexuellen gehen genauso verantwortungsbewusst mit ihrer Sexualität um, wie heterosexuelle gläubige Muslime es tun. Sexualität ist für sie ein heiliger Akt, der Ausdruck einer gelebten Liebesbeziehung vor Gott ist. Dieses Verständnis verträgt sich nicht mit öffentlicher Inszenierung.

Was den meisten Muslimen fehlt, ist die direkte Begegnung mit Schwulen und Lesben. Statt einer richtenden Gemeinschaft sollten wir eine zuhörende Gemeinschaft sein. Dass ein Spannungsverhältnis zwischen dem Islam und homosexuellen Neigungen bestehen bleibt, kann ich nicht leugnen, es erscheint mir als Heterosexuellem unauflösbar. Allen Homosexuellen, denen dies ebenso wenig gelingt, sollten wir Muslime aber statt mit finsteren Blicken und blutrünstigen Drohungen mit Barmherzigkeit begegnen. Es kann nicht sein, dass homosexuelle Brüder und Schwestern in unserer Gemeinschaft in Angst vor ihren heterosexuellen Geschwistern leben müssen. Das sollte uns als Gemeinschaft beschämen.

Dies ändert nichts daran, dass die Heterosexualität die von Gott gewünschte Norm ist. Aber Er hat in Seiner Schöpfung auch Abweichungen zugelassen. Homosexualität kommt schließlich auch im Tierreich vor. Niemand von uns entscheidet sich für seine sexuelle Neigung, niemand darf deshalb diskriminiert werden. All jene, die so leichtfertig nach der Tötung von Homosexuellen rufen, möchte man gerne fragen: "Was tust du, wenn dein eigenes Kind später homosexuelle Neigungen zeigt? Würdest du deinen Sohn, deine Tochter verstoßen, gar ermorden?"

Was heterosexuelle und homosexuelle Muslime hingegen gleichermaßen achten sollen, ist, dass Gott einen verantwortungsbewussten Umgang des Menschen mit seiner Sexualität wünscht, in einer Paarbeziehung, in Treue und Dauerhaftigkeit. Eine Homo-Ehe wird es im Islam nicht geben, da diese Beziehungsform ausschließlich für Mann und Frau vorgesehen ist. Aber wenn wir von homosexuellen Geschwistern einen ebenso verantwortungsbewussten Umgang mit ihrer Sexualität erwarten, dann sollten wir in unserer Religionsgemeinschaft gleichgeschlechtliche Partnerschaften befürworten.