Schüler des Landesgymnasiums für Hochbegabte betrachten einen von ihnen gebauten Miniatur Formel 1 Rennwagen. © Franziska Kraufmann/dpa

Niemand wundert sich, wenn Kinder nach ihren Eltern kommen. Die Nase – ganz der Vater! Das Lachen – wie die Mutter. Auch staunt man nicht, wenn Neugierde und Schwermut oder die Anfälligkeit für Diabetes und Herzleiden vererbt werden. Weist jemand allerdings darauf hin, dass auch die Intelligenz der Menschen genetisch geprägt ist, rührt er an ein Tabu. Wird die Behauptung gar mit politischen Thesen verbunden, ist der Teufel los. Lernforscher sprechen daher lieber etwas verschämt von den "kognitiven Grundfähigkeiten", wenn sie Intelligenz meinen. Doch wie hängen diese von unseren Genen ab? Was lässt sich daraus ableiten – und was nicht? Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Zusammenhang von Intelligenz und Vererbung.

1. Was ist Intelligenz?

Tatsächlich gibt es eine Unzahl von Definitionen für Intelligenz. In der Wissenschaft durchgesetzt hat sich der Begriff general intelligence, kurz g, der auf den britischen Psychologen Charles Spearman zurückgeht. Ihm war Anfang des vorigen Jahrhunderts aufgefallen, dass sich die Leistungen einzelner Probanden bei geistigen Kernkompetenzen stark ähneln. Deshalb postulierte er, dass sie alle durch einen gleichen Faktor angetrieben werden müssen. Diese "generelle Intelligenz" ist zwar nicht deckungsgleich mit den verschiedenen Aspekten menschlichen Denkens, aber es repräsentiert sie sehr zuverlässig.

Man kann es auch so ausdrücken wie der amerikanische Psychologe Edwin Boring: "Intelligenz ist das, was Intelligenztests messen." Tatsächlich wird heute der "g-Faktor" anhand verschiedener Aufgaben gemessen. Dabei werden Grundleistungen des Gehirns abgefragt, etwa abstraktes Denken, Merkfähigkeit oder räumliches Vorstellungsvermögen, in denen g wirksam wird. Aus den Ergebnissen errechnet man dann den Intelligenzquotienten IQ. Bemerkenswert ist, dass Menschen mit hohem IQ häufiger als andere auch über hohe Kreativität verfügen und Überdurchschnittliches in künstlerischen Bereichen leisten.

Hirnforschung - Was macht ein Gehirn intelligent?

2. Was heißt hochbegabt?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 3.6.2015.

Testet man genügend Menschen mit vergleichbarem Hintergrund, bildet die Gesamtheit der Ergebnisse eine sogenannte Normalverteilung, die die Form einer Glockenkurve hat: In der Mitte liegen die meisten Werte, zu den Rändern hin nimmt die Häufigkeit immer mehr ab. Dabei wird dem Scheitelpunkt der "Glocke", der also der durchschnittlichen Intelligenz entspricht, definitionsgemäß der IQ-Wert 100 zugeschrieben. Nach den Regeln der Statistik befinden sich dann über 95 Prozent der Probanden zwischen dem IQ-Wert von 71 und 130. Dieser Bereich ist die normale Schwankungsbreite der Intelligenz. Wer unter 71 liegt, gilt als geistig behindert, wer über 131 getestet wird, zählt statistisch zu den Hochbegabten (was nicht garantiert, dass er oder sie auch Herausragendes leistet).

3. Was sagt der IQ aus?

Intelligenz ist tatsächlich ein wichtiger Erfolgsfaktor im Leben. Der IQ hat großen Einfluss auf beruflichen Erfolg und Einkommen. Ebenso sind intelligente Menschen körperlich gesünder, psychisch stabiler und dadurch im Schnitt mit einem höheren Alter gesegnet. Der IQ ist eine erstaunlich stabile Eigenschaft: Die Werte in der Kindheit bleiben über das ganze Leben ziemlich unverändert. Dabei ist ein hoher IQ ein zusätzlicher Vorteil im Alter, wie der Kognitionspsychologe Ian Deary durch Zufall herausfand. Vor Jahren entdeckten er und seine Mitarbeiter stapelweise verstaubte IQ-Tests in alten Aktenschränken. Es waren die Ergebnisse des Scottish Mental Survey aus den Jahren 1932 und 1947. Je über 70.000 Schulkinder waren damals getestet worden. Die Forscher konnten über 1.500 der inzwischen 78 und 93 Jahre alten Probanden überreden, den Test zu wiederholen. Das Ergebnis war verblüffend: Nicht Ausbildung, körperliche Fitness oder Lebensstil waren entscheidend für die geistige Leistung im hohen Alter – sondern die Intelligenz mit elf Jahren. Selbst 80 Jahre nach ihrem Test in der Schule hatten die klugen Kinder auch im Alter kaum an IQ eingebüßt, die weniger Begabten hingegen abgebaut. Hohe Intelligenz in der Jugend schützt vor geistigem Verfall im Alter, lautet das Fazit der Forscher. Dazu zitiert Ian Deary gerne Fred Astaire: "Mit dem Erfolg beginnt man am besten früh."