DIE ZEIT: Professor Plomin, Sie beschäftigen sich seit mehr als 30 Jahren mit der Frage, was uns Menschen schlau macht. Eine wichtige Rolle spielt ja die Schule, die Förderung durch Lehrer, nehmen wir an.

Robert Plomin: Ich muss Sie enttäuschen: Der Unterricht ist nur für einen kleinen Teil des Unterschieds zwischen guten und schlechten Schülern verantwortlich. Ich schätze für zehn Prozent – höchstens.

ZEIT: Bitte? Wir streiten in Deutschland seit Jahren über guten Unterricht, Pisa-Tests sind ein Politikum, und Sie erklären uns, die Schule spiele keine Rolle?

Plomin: Das habe ich nicht gesagt. Alle Kinder lernen etwas im Unterricht, die Schule vermittelt Kenntnisse und Kompetenzen, ohne die niemand in der heutigen Gesellschaft zurechtkommen würde. Doch die Frage ist: Wie viel erreichen die Kinder? Ich interessiere mich dafür, warum einige Kinder mehr lernen und andere weniger. Es geht um die reale Lernleistung. Da sind zehn Prozent immens wichtig: Sie sind das, was Lehrer aus einem Kind herausholen können.

ZEIT: Also gut. Wer bestimmt denn nun in erster Linie, ob ein Schüler später studieren kann oder nur einen einfachen Schulabschluss schafft?

Plomin: Die Erbanlagen. Die Unterschiede im Lernerfolg von Kindern sind zu einem großen Teil von Genen abhängig, das weiß die Wissenschaft seit Langem. Unsere jüngste Studie zeigt nun, dass neben der Intelligenz auch andere Persönlichkeitsmerkmale, die für ein erfolgreiches Lernen bedeutsam sind – also Zuverlässigkeit, Konzentrationsfähigkeit, geistige Stabilität oder Neugierde –, einem erheblichen genetischen Einfluss unterliegen.

ZEIT: Wie hoch ist der genetische Anteil beim Lernen in der Schule?

Plomin: Wir haben die Abschlussergebnisse von insgesamt 11.000 eineiigen und zweieiigen Zwillingen beim GCSE-Test (analog dem mittleren Schulabschluss in Deutschland, Anm. d. Red.) miteinander verglichen. Dabei kam heraus, dass knapp 60 Prozent des Schulerfolgs auf genetische Faktoren zurückzuführen sind. Den Rest machen die verschiedenen Umweltbedingungen aus – Eltern, Freunde, Lebensweise oder Krankheiten. Den größten Einfluss haben die Gene dabei auf die Intelligenz, also auf das abstrakte Denkvermögen und das Gedächtnis, die räumliche Vorstellungskraft sowie verbale Fähigkeiten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 3.6.2015.

ZEIT: Sprechen intelligente Menschen besser?

Plomin: Tatsächlich gibt es einen erblichen Zusammenhang zwischen der verbalen Begabung und der Intelligenz eines Menschen, und der ist sogar sehr eng. Das verwundert viele Leute. Sprache muss man doch lernen, sagen sie. Aber genau das ist der Punkt: lernen. Ich habe zwei Enkelkinder, sieben und acht Jahre alt. Der Junge liebt nur Sport, sein Wortschatz ist furchtbar, er kommuniziert schlecht. Meine Enkelin dagegen ist das genaue Gegenteil: Sie verfügt über ein großes Vokabular und interessiert sich sogar für die Nuancen von Wortbedeutungen.

ZEIT: Ist das angeboren?

Plomin: In der Tat. Ich rede mit meiner Enkelin viel mehr. Aber nicht weil ich das Mädchen mehr fördern möchte. Sie spricht viel mehr mit mir! Mein Enkel hat dagegen keine Lust auf Konversation. Also, der genetische Einfluss äußert sich im Appetit und Geschick, mit dem die Kinder die Sprache aus der Umwelt aufsaugen.

Hirnforschung - Gene oder Umwelt – was ist wichtiger für die Intelligenz?

ZEIT: Gilt das für andere Fähigkeiten genauso?

Plomin: Die Umwelt, in der ein Kind aufwächst, bestimmt, wie sich das Potenzial entwickelt, das in den Genen steckt. Gleichzeitig aber formen die Gene wiederum die Umwelt. Sie treiben meine Enkelin ans Bücherregal und meinen Enkel auf den Sportplatz.