Team Obama bläst Versuchsballons auf, die nichts Gutes für Nahost verheißen, für den Irak vorweg. Der Sprecher des Weißen Hauses verkündet: "Die USA werden nicht die Verantwortung für die Sicherheit im Irak übernehmen" und "nicht noch einmal so viel Blut und Geld opfern". Verteidigungschef Ashton Carter schiebt das Alibi hinterher: Den irakischen Streitkräften "fehlt der Wille zum Kämpfen".

Also wird Amerika den neuen Siegeszug des "Islamischen Staates", der gerade Ramadi erobert hat und erneut gegen Bagdad vorstößt, nicht stoppen. Die Zahlen erhärten diese Lesart. Die Koalitionskräfte fliegen täglich 15 Angriffe in Syrien und im Irak. In Libyen waren es 50, im Afghanistan-Feldzug 85, im zweiten Irakkrieg 800.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 3.6.2015.

Die geizigen Einsätze zeichnen nicht unbedingt den Rückzug vor; immerhin hat Obama 3.000 Ausbilder entsandt. Aber sie künden von Indifferenz im Angesicht des IS-Vormarsches, etwa: Wenn die Iraker nicht kämpfen, warum sollen wir es tun? Leider gilt das Prinzip auch umgekehrt: Wenn wir es nicht tun, warum sollen die mit aller Kraft gegen einen Feind ankämpfen, der in den letzten neun Monaten um 70 Prozent gewachsen ist? In solchen Momenten will man seine Haut retten.

Der Starke muss führen; in der Innen- wie in der Außenpolitik. Doch Obamas Freunde in den Medien haben den Irak schon abgeschrieben. Der sei sowieso perdu, weil er zur Beute von Kurden, Sunniten und Schiiten geworden ist. Amerika könne "kein Land zusammenhalten, das zerfällt". Mithin: Es lohnt sich nicht, "Bye-bye, Irak".

Es hieße aber auch "Hallo, IS und Iran", dahinter Türkei und Russland, weil Saudis und Katarer kein Kräftegleichgewicht hinkriegen werden. Es wäre das erste Mal in der Staatengeschichte, dass die Vormacht nicht gezwungenermaßen, sondern freiwillig ihren Platz in einer zentralen Arena der Weltpolitik räumt. Das osmanische Imperium wurde von den Westmächten zerschlagen. England und Frankreich, die Ex-Großmächte, wurden nach dem Suez-Krieg 1956 von Amerika hinauskomplimentiert. Obama scheint den Abgang in einem Anfall von Geistesabwesenheit zu trassieren.

Kein Mensch erwartet von den USA die ganz große Ordnungspolitik in Nahost. Bei Nation-Building und Demokratisierung versagen die besten Waffen – siehe Afghanistan und Irak II. Oder Libyen. Doch ist der IS kein schlichter Terror-Trupp, der auf- und abtauchen kann. Der IS ist eine richtige Armee mit schweren Waffen, Stützpunkten und Nachschublinien. Hier begünstigen Luftherrschaft und technische Überlegenheit den Westen, hier werden keine Armeekorps gebraucht. Den nach dem Kalifat greifenden IS im offenen Gelände zu schlagen wäre möglich – aber nicht mit 15 Einsätzen pro Tag, bei denen die kreisenden Piloten, wie die New York Times berichtet, oft stundenlang auf die Angriffserlaubnis vom Hauptquartier warten müssen.

Obama könnte die IS-Killerarmee bezwingen, will aber nicht. Er betreibt die Selbsteindämmung. Verständlich nach all den vergeblichen Kriegen? Ja. Vernünftig? Das Vorbeugeprinzip gilt nicht nur in der Klimapolitik, und ein Vakuum gerät zur Einladung. IS, Iran, Russland und China haben es begriffen, und ein jeder arrondiert für sich. Die uralten Gesetze der Machtpolitik lassen sich nicht wegwünschen.