Tote Wale wären gut. Die könnte man beschreiben, fotografieren, das gäbe Bilder, die den Leuten nahegehen. Wale sind beliebt. Aber hier draußen im Nordatlantik, in den Fjorden vor der norwegischen Küste, treiben keine toten Wale. Hier gibt es nur tiefe Wolken, ein paar Inseln und Wasser. Saures Wasser.

Seitdem die Menschheit begonnen hat, Kohlendioxid in die Luft zu blasen, geschieht etwas mit den Meeren. Wenn Kohlendioxid, kurz: CO₂, auf Wasser trifft, entsteht Kohlensäure, das ist im Meer wie in der Sprudelflasche. Das CO₂, das die Menschheit freisetzt, mit all ihren Autos und Flugzeugen, Kraftwerken und Fabriken, verteilt sich um die Erde, hüllt sie ein, und ein Viertel davon verschwindet im Meer. Der Atlantik wird saurer, der Indische Ozean, die Nordsee, die Ostsee, alle Meere der Welt.

Man merkt das nicht. Kohlendioxid ist unsichtbar, man kann es nicht riechen oder schmecken, und was genau unter der Oberfläche ihres Fjords passiert, wissen nicht einmal die Norweger, die hier jeden Tag auf die Wellen schauen. Tote Wale sind noch nicht aufgetaucht.

Aber jetzt geschieht etwas. Ein Motorboot gleitet über das Wasser, darin sitzen zwei junge Frauen, eingepackt in Überlebensanzüge. GEOMAR steht auf den Anzügen, Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung, Kiel. Die Forscherinnen steuern ihr Boot zu einer Stelle, wo der Fjord besonders tief ist, knapp 100 Meter. Sie werfen ein Netz aus, das so dicht geknüpft ist wie fester Stoff. Es entfaltet sich unter Wasser wie ein Fallschirm, dann verschwindet es in der Tiefe.

Die beiden Wissenschaftlerinnen wollen keine Fische fangen. Sie sind nicht Heringen oder Lachsen auf der Spur, sondern einem der kleinsten Bewohner des Meeres, der Flügelschnecke, ein Tier, zehnmal kleiner als ein Glühwürmchen. Dana Michaelis und Silke Lischka untersuchen, wie dieser Winzling auf die Versauerung der Meere reagiert.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 3.6.2015.

Wird das irgendjemanden interessieren außer ein paar Ozeanforschern?

Vor einigen Wochen, als wir hier bei der ZEIT über Themen für das Dossier sprachen, ließ ein Kollege mal wieder das Wort Klimawandel fallen. Eine naheliegende Idee. Der Klimawandel ist die vielleicht größte Herausforderung des modernen Menschen. Wenn es ein Thema gibt, über das wir Journalisten berichten sollten, dann dieses. Einerseits.

Andererseits besteht unser Beruf darin, Neues zu beschreiben, nicht Altes. Journalisten sollten keine Wiederkäuer sein. Vom Klimawandel aber weiß die ganze Welt. Das Thema ist ausgeleuchtet, seit Jahrzehnten schon.

1988 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Resolution 43/53, sie hieß "Der Schutz des globalen Klimas für die heutige und die künftige Menschheit". Die britische Premierministerin Margaret Thatcher warnte damals, die Welt sei dabei, sich in einer "Hitze-Falle" zu verfangen. Der spätere US-Präsident George H. W. Bush versprach im Wahlkampf, er werde dem Treibhauseffekt einen "White House Effect" entgegensetzen. Der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl kündigte einen "wirksameren globalen Schutz der Umwelt" an.