Mit dem Weltuntergang kennen sich die Kirchen aus. Anschwellende Meere und unaufhaltsam versinkende Gebirge gehören zum Repertoire christlicher Warnpredigten, seit Noah mit seiner Arche die Sintflut überstand. Doch jetzt will der Papst der alten Story von der menschlichen Hybris und ihren apokalyptischen Folgen wieder Gehör verschaffen, denn sie ist real. Das Problem heißt heute Klimawandel und wird von der Politik laut gepredigt. Doch viele Bewohner der westlichen Welt scheinen sich nicht besonders zu fürchten.

Deshalb schlägt Rom Alarm: Im Juni will Franziskus eine Enzyklika zur Ökologie vorlegen, es wird eines der wichtigsten Rundschreiben seines Pontifikats. Darin geht es aber nicht nur um die Umwelt und das, was wir heute lakonisch Umweltsünden nennen, sondern ganz pathetisch um die Grundlagen unseres Zusammenlebens.

Als politischer Weltpastor kritisiert Franziskus die Rücksichtslosigkeit des Menschen gegenüber der Natur und gegenüber seinem Nächsten gleichzeitig. Als frommer Hirte fragt er, wie das gestörte Verhältnis zwischen Schöpfung und Geschöpfen zu heilen sei.

Der Titel des Papiers soll lauten: Laudate sii – Sei du gelobt, nach dem Eingangsvers der Schöpfungshymnen des Franz von Assisi aus dem 13. Jahrhundert. Doch politisch brisant ist der Untertitel, der nach Informationen der ZEIT lauten wird: "Über die Verantwortung für unser gemeinsames Wohl". Der Papst versucht hier, die von naturwissenschaftlichen Argumenten dominierte Klimadebatte auf eine sozialethische Ebene zu heben. Das Dokument soll Theologie, Naturwissenschaft, Sozial- und Morallehre verbinden. Franziskus hatte deshalb Experten der jeweiligen Bereiche um Mitarbeit gebeten, deutsche ebenso wie amerikanische, junge wie etablierte. Wichtigster Beiträger war jedoch der altbekannte brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff.

Die Hauptthese der Enzyklika lautet denn auch, linkskonservativ: Konsumismus und Kapitalismus sind Ursache eines weltweiten Klimawandels, und die Folgen treffen zuerst die Armen in den Entwicklungsländern. In deren Namen fordert der Papst nun eine internationale Allianz zum Schutz der Umwelt wie auch der Betroffenen. Sein Argument: Der Mensch solle die Natur nicht beherrschen, sondern beschützen. Die biblische Formel "Macht euch die Erde untertan" sei kein herrschaftlicher Imperativ, sondern Hüterauftrag.

Doch ist das neu? Die Ökologie ist ja längst Kirchenthema; Katholiken wie Protestanten haben geholfen, die "Bewahrung der Schöpfung" auf die politische Agenda zu setzen. Auch die Verbindung von Umwelt-, Friedens- und Menschenrechtspolitik hat unter Christen Tradition.

Trotzdem könnte der Papst dem Thema nochmals einen Schub verleihen, nicht nur weil er als Oberhaupt der Katholiken international gehört wird. Sondern weil, wie die Beiträger der Enzyklika berichten, er wieder einen eigenen Ton anschlagen wird: radikal versöhnungsorientiert und polemisch. Wer erinnert sich nicht an den Hammersatz aus Evangelii Gaudium im Herbst 2013: "Diese Wirtschaft tötet!" Es könnte gut sein, dass Franziskus mit seiner Rhetorik der frommen Provokation auch diesmal wieder Rumor macht, zumal er sich ausdrücklich an Christen und Nichtchristen wendet.

Im Sommer geht er mit der Enzyklika auf Promotion-Tour, erst nach Asien, dann zu den Vereinten Nationen und in den US-Kongress. Das gibt Streit, denn das Papier macht auch gegen die Atomenergie Front.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 3.6.2015.

Kirchenintern dürfte es provozieren, weil Franziskus aus einem ganzheitlichen Verständnis des Evangeliums heraus argumentiert. Er wird die Menschenwürde verteidigen, Katholiken zur Geburtenkontrolle ermutigen und an die Gewissensfreiheit des Einzelnen appellieren. So verortet er seine Kirche abermals als konstruktive Kraft in der Welt, nicht als Gegenkraft.

Sprechendes Detail ist der italienische Titel und Text des Öko-Papiers. Nachdem jahrzehntelang fast alle Enzykliken auf Latein erschienen, soll diese nun im Original für ein großes Publikum verständlich sein. Und die lebendige Sprache eignet sich weniger zur Aufweichung theologisch brisanter Stellen durch Übersetzung.

Klimawandel auf Katholisch: Die Enzyklika würde auch gut zum Deutschen Evangelischen Kirchentag diese Woche in Stuttgart passen. Denn Franziskus will eine volksnahe Kirche, die ihrer Zeit nicht hinterherhinkt, sondern sich aus der Schmollecke ihrer Selbstbezüglichkeit herauswagt. Eine Kirche, die nicht Moralapostel spielt, sondern vom Gipfel der eigenen Überlegenheit heruntersteigt in die Wirklichkeit.