DIE ZEIT: Herr Ernst, gibt es Menschheitsprobleme, die den Menschen überfordern?

Andreas Ernst: Sicherlich. Dazu zählen neben dem Klimawandel auch die großen Finanzkrisen, der Welthunger oder plötzlich ausbrechende Epidemien wie Ebola und Sars.

ZEIT: Woher rührt die Überforderung?

Ernst: Diese Probleme sind zu komplex für uns. Unsere Handlungen haben heute Folgen, die wir nicht überblicken. Wenn wir ins Auto steigen, beeinflussen wir das Klima, wenn wir Aktien kaufen, beeinflussen wir die Finanzmärkte, wenn wir ein in Südostasien produziertes T-Shirt kaufen oder nicht kaufen, beeinflussen wir die sozialen Gegebenheiten dort, wenn wir von einem Kontinent zum anderen fliegen, nehmen wir womöglich ein gefährliches Virus mit. Wir erzeugen quasi im Vorbeigehen Fern- und Nebenwirkungen, die wir nicht abschätzen können.

ZEIT: Warum übersteigen diese Konsequenzen unseres Handelns unser Vorstellungsvermögen?

Ernst: Die Welt hat sich gewandelt, sie ist komplizierter geworden, aber unser Gehirn ist nicht mitgewachsen. Wir versuchen das durch mehr Bildung zu kompensieren oder durch den Gebrauch technischer Denkprothesen, zum Beispiel Computersimulationen, aber das genügt nicht. Wir wissen letztlich nicht, was wir tun.

ZEIT: Und das gilt für den einzelnen Bürger ebenso wie für den Regierungschef oder Spitzenmanager?

Ernst: Das gilt für alle, nur kommt bei Politikern und Managern oftmals noch eine Kontrollillusion dazu: Sie glauben, sie hätten alles im Griff, in Wahrheit aber wissen sie gar nicht, wohin sie das Land oder den Konzern lenken.

ZEIT: Weil sie letztlich lediglich mit dem Hirn des Steinzeit-Häuptlings ausgestattet sind, der seinen Stamm noch unter Kontrolle hatte?

Ernst: Genau. Allerdings war es bei dem auch schon eine Illusion, weil zum Beispiel auch er nicht beeinflussen konnte, ob die Ernte gut oder schlecht ausfiel.

ZEIT: Angesichts dieser Überforderung ist es überraschend, dass wir nicht pessimistischer in die Zukunft schauen.

Ernst: Interessanterweise ist es sogar erwiesen, dass Depressive besser als Gesunde darin sind, Risiken objektiv einzuschätzen. Der Einzelne kommt aber leichter durchs Leben, wenn er immer glaubt, alles wird gut. Für die Gesellschaft als Ganzes ist diese positive Sicht jedoch nachteilig, weil Probleme oft nicht als solche erkannt werden. Hinzu kommt: Wir sind so strukturiert, dass uns individuelle Probleme, die uns jetzt, in diesem Moment betreffen, wichtiger sind. Da ist dann der Kita-Streik oder der Ärger mit den Arbeitskollegen dringlicher als der Klimawandel.

ZEIT: Wenn der Mensch generell ein schlechter Problemlöser wäre, gäbe es ihn vermutlich gar nicht mehr. Welche Schwierigkeiten liegen uns denn?

Ernst: Wir sind gut darin, Probleme zu lösen, die sichtbar sind, die uns direkt zum Handeln auffordern und die sich durch dieses Handeln dann auch direkt lösen lassen. Wir kriegen zum Beispiel hervorragend technische Schwierigkeiten in den Griff. Ein Computerfehler, ein ineffizientes Fahrzeug, ein unsicheres Flugzeug, das können wir sehen, das können wir reparieren. In diesem Sinn sind wir Handwerker geblieben, wir fühlen uns wohl, wenn wir etwas direkt beeinflussen können, das ist uns vertraut.

ZEIT: Eine große Umweltkatastrophe oder ein Börsencrash sind sichtbare Ereignisse. Bieten solche Krisen also die Chance, dass wir daraus lernen, weil sie sozusagen unserem Problemlösungsmuster entsprechen?

Ernst: Eine plötzlich eintretende Krise bietet in der Tat die Chance des Lernens. Theoretisch ist es denkbar, dass nach einem solchen Ereignis sozusagen der Völkerbund 2.0 entsteht, in dem die Regierungen gemeinsam Lösungen beschließen. Zu befürchten ist aber auch, dass eine große Krise alles noch schlimmer macht. Wenn etwa eine Umweltkatastrophe ein Land zerstört oder ein Finanzcrash eine ganze Region lahmlegt, können auch der Zusammenbruch des Wirtschaftssystems oder ein Krieg die Folge sein. In einer solch desaströsen Situation hätten wir schlicht nicht mehr die Kraft, etwas zu ändern. Es ist dann – für lange Zeit – zu spät.

Andreas Ernst ist Professor für Umweltpsychologie an der Universität Kassel.