Deutschland ist Europameister im Mülltrennen. Wir haben Glascontainer, Gelbe Säcke, braune, blaue und graue Tonnen, es gibt Recyclinghöfe und Rücknahmesysteme. Beim Trennen unseres Abfalls sind wir so gründlich, dass wir nicht nur Verschiedenes trennen, sondern seit 1990 sogar Gleiches: Die leere Getränketüte mit Aluminiumauskleidung und die Verpackungsfolie aus Polyethylen stecken wir in den gelben Sack, die kaputte Rührschüssel aus demselben Kunststoff und die zerkratzte Alupfanne dagegen in die Restmülltonne.

Ein neues Wertstoffgesetz soll jetzt zusammenführen, was zusammengehört. Es wird derzeit im Umweltministerium erarbeitet, die Verabschiedung ist für nächstes Jahr geplant. Kern ist die bundesweite Einführung der sogenannten Wertstofftonne. Den Verpackungsmüll, der bisher in den gelben Sack gehört, sollen wir dort hineinwerfen und gleich hinterher alle "stoffgleichen Nichtverpackungen", so der Fachausdruck für Plastikschüssel, Alupfanne und Co. Eine Studie des Umweltbundesamtes schätzt, dass sich die gesondert gesammelte Abfallmenge dank der neuen Tonne um 25 Prozent (oder sieben Kilo) pro Kopf erhöhen wird.

Nur: Einen ökonomischen oder gar ökologischen Vorteil wird diese Änderung nicht bringen. Das zeigt ein Blick in die Modellregionen, in denen zwölf Millionen Deutsche schon seit zehn Jahren den Umgang mit der Wertstofftonne proben. Jüngstes Beispiel ist seit Anfang 2013 die Hauptstadt Berlin. Eine erste Auswertung kommt dort zu niederschmetternden Ergebnissen.

Tatsächlich ist die gesondert gesammelte Abfallmenge mit der Einführung der Wertstofftonne um vier Kilo pro Kopf gestiegen. Doch ein Drittel der Gesamtmenge besteht aus Dingen, die gar nicht in die neue orange-gelbe Tonne gehören: nasser Hausmüll, dreckiges Papier, kaputte Elektrogeräte, Textilien, gebrauchte Einwegwindeln. "Fehlwürfe" nennt das der Ingenieur Alexander Gosten von der Berliner Stadtreinigung. Dazu komme ein "Fehlanreiz": Weil die Wertstofftonne kostenlos vor die Tür gestellt wird, gebe sie "keinerlei Anreize, Abfall zu vermeiden".

Besonders drastisch zeigt sich das Dilemma beim Hauptinhalt der neuen Berliner Tonne: Plastik. Gemischte Kunststoffe machen die Hälfte der getrennt gesammelten "Wertstoffe" aus – pro Kopf sind das zwölf Kilo im Jahr. Doch PET, der einzige Kunststoff, für den Recyclingbetriebe tatsächlich viel Geld bezahlen, ist kaum dabei. Den haben Flaschen- und Müllsammler nämlich schon vorab auf eigene Faust aus den Tonnen gefischt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 3.6.2015.

Über das, was übrig bleibt, rümpft die Kunststoffindustrie die Nase. Es ist eine häufig stark verschmutzte Mischung minderwertiger Plastiksorten. Weniger als zwei Prozent sind als Rohstoff für die Kunststoffherstellung geeignet. Beim Rest geht es höchstens um Downcycling statt Recycling, er kann meist nur noch als Granulat in der Bauindustrie verwendet werden.