DIE ZEIT: Angenommen, ich liefe jetzt rot an und brächte kaum meine Frage heraus. Wäre ich dann bei Ihnen richtig?

Daniel Hell: Es kommt darauf an, wie sehr Sie darunter leiden würden. Wenn Sie das, was Sie im Innersten tun und sagen wollen, so nicht mehr umsetzen können, dann muss man sich fragen: Hat das einen Krankheitswert, der nach einer Behandlung ruft?

ZEIT: Man könnte sich auch fragen, seit wann man wegen Schüchternheit eigentlich zum Arzt rennt.

Hell: Das hat in den frühen achtziger Jahren begonnen. Im Amerikanischen spricht man seither von SAD, Social Anxiety Disorder, im Deutschen von Sozialen Phobien. Wir haben es also mit einem sehr modernen Krankheitsbild zu tun. In traditionellen Umgebungen, wo das Leben in immer gleichen Bahnen und unter nahen Bekannten verlief, spielte die Schüchternheit natürlich eine geringere Rolle.

ZEIT: Wer schüchtern ist, könnte heute vermehrt solche geregelten Bahnen aufsuchen. Ich bin mal einem sehr schüchternen Menschen im Finanzamt begegnet, er war Steuerprüfer und schien sich zwischen all den Papieren ganz wohlzufühlen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 3.6.2015.

Hell: Insgesamt sind aber die Nischen in der Arbeitswelt stark am Schwinden. Überall regiert Teamarbeit, Offenheit, Transparenz. Dazu kommen die Maßnahmen des New Managements: Mitarbeiter sollen sich stets weiterentwickeln, sich neuen Aufgaben und Projekten zuwenden, flexibel sein und werden dann in ihrer Performance evaluiert. Schüchternheit wird erst in diesem kulturellen Kontext zum verbreiteten Problem. Wer schüchtern ist, stellt sich sehr ungern einer unbekannten Gemeinschaft. Der fühlt sich sofort beobachtet, bewertet und deklassiert.

ZEIT: Als Antwort darauf hält die Pharmaindustrie Tranquilizer und Betablocker bereit. Helfen die?

Hell: Tranquilizer nehmen Ihnen die Angst vor der Demütigung und der Scham. Das ist aber heikel, weil Sie dann zunehmend mehr dieser Medikamente nehmen müssen, um die gewünschte Wirkung zu erlangen. Vor allem aber bewegen Sie sich mit Tranquilizern immer auf der Ebene der Symptombehandlung.

ZEIT: Was ist daran so falsch?

Hell: Erst mal müssen wir schauen, wer daran ein Interesse hat. Das sind unter anderem die Pharmafirmen. Der englische Psychiater David Healy hat angesichts der jüngeren Psychiatrie-Geschichte pointiert gesagt: Die Pharmafirmen würden nicht nur den Schlüssel produzieren, der die Krankheit behandelt, sondern auch gleich das passende Schloss mitliefern. Man entdeckt erst das Medikament und beeinflusst dann über psychiatrische Gremien die Diagnose! Das war bei den Sozialen Phobien und schon früher bei der Depression der Fall. Als Nächstes springen die Versicherungen auf: Die wollen Störungen am effektivsten und wirtschaftlichsten behandelt wissen und sichtbare Erfolge vorgelegt bekommen.

ZEIT: Und die Patienten?

Hell: Sie haben sich auch auf die Symptom-Diagnostik eingestellt. Das hat immerhin die Schamgrenze abgebaut, die früher den Gang zum Psychiater erschwert hat: Jetzt steht nicht mehr der ganze Mensch zur Debatte, sondern ein isolierbares Problem. Andererseits ist auch der Leistungs- und Optimierungsdruck gewachsen: Man sucht sich deshalb heute viel schneller Hilfe und oft auch eine möglichst symptomorientierte Therapie, die Effizienzsteigerung und Leidensverminderung ermöglicht. Das läuft dann so ab wie in einer Reparaturwerkstatt.