Wenige Stunden vor seinem Tod trifft sich Heinz-Joachim Neubürger mit einem Freund beim Italiener. Der wird später sagen, dass Neubürger auf ihn an diesem Abend etwas fahrig gewirkt habe, ansonsten sei ihm nichts Besonderes aufgefallen. Sie bestellen Fischfilet und eine Flasche Lugana. Gegen halb elf steigt Neubürger in die Straßenbahn und fährt nach Hause. Später setzt er sich noch mal ins Auto und fährt in Richtung Süden. Wenige Kilometer von Neubürgers Haus in München-Harlaching entfernt steht eine große Eisenbahnbrücke, unter den Gleisen verläuft ein Fußgängerüberweg. Aus 31 Metern Höhe stürzt sich Neubürger in den Tod.

Heinz-Joachim Neubürger war einmal Finanzvorstand der Siemens AG. Den Mächtigen der deutschen Industrie galt er als einer ihrer Besten. So gut, dass viele ihn schon als Vorstandsvorsitzenden des Münchner Konzerns sahen. Sogar den Chefposten der Deutschen Bank traute man ihm zu.

Doch dazu kam es nicht. Ende 2006 wurde Siemens von einer Korruptionsaffäre erschüttert, die sich zum größten Schmiergeldskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte auswuchs. Neubürger und andere Ex-Vorstände wurden beschuldigt, von dem gigantischen System schwarzer Kassen im Konzern gewusst und es sogar gedeckt zu haben. Keiner wehrte sich so vehement gegen die Vorwürfe wie der einstige Finanzchef. Bis zuletzt kämpfte er um seine Unschuld.

Die Geschichte von Heinz-Joachim Neubürger ist die vom Aufstieg und vom Niedergang eines Mannes, der alles für sein Unternehmen gegeben hat, bis ihm nichts mehr blieb, nicht einmal seine Ehre. Sie ist auch ein Lehrstück über die Gnadenlosigkeit des öffentlichen Prangers.

Neubürgers Suizid ist nur der jüngste in einer Reihe von Selbstmorden unter Topmanagern. Am 26. Januar 2014 erhängte sich der ehemalige Deutsche-Bank-Manager William Broeksmit in seiner Wohnung in London. Am selben Tag stürzte sich Tata-Motors-Chef Karl Slym aus dem 22. Stock eines Luxushotels in Bangkok. Im August 2013 erhängte sich der Finanzchef der Zurich-Versicherung, Pierre Wauthier, in seinem Haus in der Schweiz. Einen Monat zuvor war Carsten Schloter, Chef des Telekommunikationskonzerns Swisscom, zu Hause tot aufgefunden worden.

So unterschiedlich die Fälle im Einzelnen sind, sie alle fallen in eine Zeit, in der der Druck auf Manager enorm gestiegen ist. Investoren fordern mehr denn je gute Zahlen. Analysten, Regulierer, Aufsichtsräte, Kunden verlangen Rechenschaft, weltweit und jederzeit. Und wer wie Neubürger erst mal unter Verdacht gerät, wird öffentlich schnell verurteilt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 3.6.2015.

Die Geschichte von Heinz-Joachim Neubürger ist deshalb so tragisch, weil es kurz vor seinem Tod so ausgesehen hatte, als hätte sein Kampf ein Ende gefunden, mit dem der Manager hätte leben können. Nachdem die Münchner Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen längst eingestellt hatte, schloss Neubürger im Sommer 2014 auch mit Siemens einen Frieden, einen Vergleich, bei dem er zwar 2,5 Millionen Euro an den Konzern zahlen, aber keine persönliche Schuld auf sich nehmen musste. Am 27. Januar 2015 segneten die Aktionäre der Siemens AG diese Vereinbarung mit 99,6 Prozent der Stimmen ab – und der Konzern zog nach mehr als acht Jahren einen Schlussstrich unter den dunkelsten Abschnitt seiner jüngeren Firmengeschichte. Acht Tage später, in der Nacht des 5. Februar 2015, machte Neubürger Schluss: mit 62 Jahren.

Warum?

Heinz-Joachim Neubürger wird 1953 in Marl im Ruhrgebiet geboren. Der Vater ist leitender Angestellter, die Mutter Hausfrau, deutsche Mittelschicht. Der Sohn zeigt früh, dass er höher hinaus will: Abitur, Kaufmannslehre, MBA an der französischen Kaderschmiede Insead. Danach heuert er bei der Investmentbank J.P. Morgan an. Nach Stationen in New York, Frankfurt und Tokio wird Heinrich von Pierer, der damalige Siemens-Chef, auf den jungen Banker aufmerksam, der für ihn den Bau eines Kernkraftwerks in der Türkei finanziert – "und zwar ausgesprochen kreativ und obendrein hundertprozentig verlässlich", wie Pierer in seiner Biografie Gipfel-Stürme lobt. Der junge Neubürger, das ahnte Pierer schon damals, wird es einmal weit bringen.

Also holt Pierer ihn 1989 in seine Finanzabteilung, die bei Siemens immer schon eine besondere Stellung hat. Lange galt der Konzern als "Sparkasse mit angeschlossener Elektroabteilung". 1998 übernimmt Neubürger das Finanzressort. Mit gerade mal 45 Jahren sitzt er auf einem der einflussreichsten Posten der deutschen Industrie.

"Sanieren, verkaufen, schließen oder kooperieren" lautet Neubürgers abgewandelter Leitspruch der General-Electric-Legende Jack Welch. Der Finanzchef möchte den Investoren gefallen, nicht den Ingenieuren, die Siemens am liebsten auf ewig konservieren würden. Er richtet den Traditionskonzern stärker auf die Kapitalmärkte aus und macht die langweilige Siemens-Aktie zum Börsenliebling. Das beeindruckt Pierer. Zusammen bilden sie ein ideales Gespann: Pierer repräsentiert den Konzern nach außen, Neubürger fädelt die Deals im Hintergrund ein.

Viele sehen ihn schon als den zukünftigen Mr. Siemens, doch dann macht Pierer einen anderen im Vorstand zu seinem Nachfolger: Klaus Kleinfeld, der zuvor das US-Geschäft saniert hatte. Neubürger, der Finanzchef bleibt, kann mit dem machtbewussten Kleinfeld nicht. Es kommt zum Zerwürfnis. Im Frühjahr 2006 verlässt er den Industriekonzern nach 17 Jahren und heuert bei der US-Beteiligungsfirma Kohlberg Kravis Roberts & Co. (KKR) in London an. Neubürger geht als geschätzter Mann.

"Er war einer der besten Finanzvorstände, den die deutsche Wirtschaft je hatte", sagt Joachim Faber, der frühere Allianz-Vorstand und heutige Aufsichtsratschef der Deutschen Börse. "Ein Mann der Prinzipien, dazu ein absoluter Profi", urteilt Heinrich von Pierer heute. "Wir waren nicht immer einer Meinung, und wenn nicht, dann hatte er oft recht", sagt Siemens-Chef Joe Kaeser, der viele Jahre unter Neubürger gearbeitet hatte, bevor er ihn als Finanzvorstand beerbte.