Juma ist vierzehn Monate alt und wird notbetreut. Was nach Krankenhausambulanz klingt, beschreibt tatsächlich das Kitaleben meiner Tochter – an guten Tagen. Gute Tage sind, wenn Juma einen Platz in der Notbetreuung hat und zumindest von neun bis zwölf Uhr zu den Elbkindern, so heißt die Kita, gehen kann. Solche guten Tage sind selten. Und ob an so einem Tag wirklich alles glatt läuft, wissen wir nie. Wie auch, wenn an dem Ort, an dem mein Kind sicher aufgehoben sein soll, alles durcheinandergeraten ist, weil Jumas Erzieherinnen ihre Arbeit niedergelegt haben.

Als ich Juma vor zwei Monaten das erste Mal zu den Elbkindern gebracht hatte, ist es mir nicht leichtgefallen, sie in die Obhut anderer zu geben. Genau wie sie brauchte ich eine Eingewöhnungsphase, um die Erzieherinnen kennenzulernen und Vertrauen zu ihnen zu fassen. Die gleichen Erzieherinnen riskieren nun, dass Juma den Bezug zu ihnen verliert. Selbst wenn jetzt eine Einigung zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern erzielt und der Streik beendet werden sollte – so schnell wird die Normalität nicht zurückkehren.

Ich fühle mich instrumentalisiert. Als der Streik vor mehr als drei Wochen begann, sind mein Freund, ich und viele andere Eltern solidarisch mit den Frauen und Männern gewesen, denen wir unsere Kinder anvertrauen. Ihr Kampf für eine Aufwertung des Berufs, für bessere Arbeitsbedingungen und natürlich auch für einen gerechten Lohn ist schließlich in unserem Interesse. Mehr und qualifiziertes Personal in den Kitas käme unseren Kindern zugute. Und Erzieher, denen Respekt entgegengebracht wird, machen ihren Job sicherlich noch lieber. Für Juma wünsche ich mir jedenfalls, dass sie von Menschen betreut wird, die mit ihrer Arbeit zufrieden sind.

Je mehr ich mich jedoch mit diesem Streik beschäftigt habe, desto bewusster wurde mir: Eigentlich geht es nur ums Geld. Mit besseren Arbeitsbedingungen ist die Eingruppierung in höhere Gehaltsklassen gemeint, um mehr Stellen und einen kindgerechteren Betreuungsschlüssel geht es gar nicht. Dabei brauchte es schon heute bundesweit 120.000 Erzieher mehr, um den derzeit empfohlenen Betreuungsschlüssel zu realisieren. Sollten die Gewerkschaften ihre Lohnforderungen durchsetzen, wird für zusätzliches Personal wohl kein Geld mehr da sein. Wir und unsere Kinder sind also nicht nur während des Streiks die Leidtragenden, sondern werden es bleiben, auch wenn er beendet wird.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 3.6.2015.

Aufwertung allein über eine Gehaltserhöhung zu definieren, wie es Gewerkschaften und Erzieher tun, in deren Folge sich die Situation in den Kitas kaum ändern wird – da stößt meine Solidarität an Grenzen. Was nutzt mehr Gehalt, wenn der Stress gleich bleibt? Warum wird nicht für den Abbau von Überstunden oder die Umwandlung von Teilzeit- in Vollzeitstellen gestreikt? Davon würden alle profitieren, Kinder, Eltern, Erzieher.

In der jetzigen Inszenierung des Streiks ist uns nur die Rolle der Leidtragenden vorbehalten. Profiteure dürften die Gewerkschaften sein. So ist zum Beispiel eine von Jumas Erzieherinnen frisch bei ver.di eingetreten, weil sie ansonsten kein Streikgeld erhalten würde. Das kann sie sich nicht leisten, ebenso wenig wie bei der Arbeitsniederlegung nicht mitzumachen. Wer möchte schon die Streikbrecherin sein?

Es ist allerdings nicht in Ordnung, dass die Streikenden sich immer noch auf die Unterstützung von uns Eltern berufen. Sie vereinnahmen mich für ihren Kampf, dabei empfinde ich den mittlerweile als rücksichtslos. Obwohl jetzt verhandelt wird, haben sie den Arbeitskampf bisher nicht ausgesetzt. Wenn sie, wie Gewerkschaften und Erzieher behaupten, auch in unserem Interesse auf die Straße gehen, wenn sie aufrichtig bedauern, dass wir die Leidtragenden sind, dann hätten sie ihren Streik längst unterbrechen müssen.

Zusammen mit anderen Eltern aus unserer Kita haben wir überlegt, wie wir reagieren können. Wir wollten das Rathaus besetzen, aber niemand von uns hat die Zeit, einen solchen Protest auf die Beine zu stellen. Wir sind jeden Tag aufs Neue damit beschäftigt, eine Betreuungsmöglichkeit zu finden und unseren Job zu stemmen. Mein Freund arbeitet auf Geschäftsleitungsebene in einer Marketingagentur, ich in Teilzeit als Grafikerin bei der ZEIT. Wir haben minutiöse Pläne entworfen, wer sich wann um Juma kümmert, sind auf die Kulanz unserer Arbeitgeber und die Hilfe unserer Freunde angewiesen. Eine Bekannte hat ihre Schwiegermutter zur Hilfe geholt, derzeit leben sie zu viert in einer Zweizimmerwohnung.

Wir sind vergangene Woche auch auf die Straße gegangen. Der Landeselternausschuss hatte zu einer Demo aufgerufen. Wir waren allerdings nicht in erster Linie da, um die Erzieher zu unterstützen. Wir haben in eigener Sache demonstriert: für ein Ende des Streiks. Das könnte nun kommen. Juma kann dann wieder in ihre Kita gehen. Unser Gefühl aber, alleingelassen worden zu sein, wird bleiben.

Nora Coenenberg ist Mutter einer kleinen Tochter und arbeitet als Grafikerin. Aufgezeichnet wurde der Text von Dagmar Rosenfeld.