Bin früh aufgestanden. Will ein letztes Mal durchs Viertel laufen. Gehe die Gasse hinunter, schaue instinktiv in den Winkel, in dem er immer saß. Doch er ist da nicht mehr. Sein Stuhl ist verschwunden, sein Hofhaus in Schutt und Staub untergegangen.

Ich weiß nicht mehr, wann wir uns kennengelernt haben. Immer, wenn ich am Glockenturm vorbeilief, war er schon da. Mal lag er eingerollt in einer der Rikschas und döste. Mal schnitt er sich in aller Öffentlichkeit die Zehennägel. Meist aber thronte er, den gewaltigen Körper auf einen winzigen Stuhl platziert, am Gassenrand und beobachtete das Treiben auf der Straße. Ich glaube, er kannte unsere Nachbarschaft wie kein Zweiter. Er saß schließlich seit Jahrzehnten hier. Ein Chronist ohne Feder. Ein Schriftsteller ohne Roman. Ein Sitzender.

Eine Zeit lang beobachtete er nur, wie ich vorbeiging. Nach ein paar Wochen begann er, mir träge zuzunicken. Irgendwann knurrte er mich mit typisch Pekinger Liebenswürdigkeit an: "Wohin gehst du?" – "Ist das deine Schwester?" – "Was ist das für ein Kerl?" Er fragte es mit der größten Selbstverständlichkeit, natürlich hatte ihn das etwas anzugehen, so wie andere Nachbarn in meine Einkaufstasche schauten, den Inhalt hervornestelten und darüber sinnierten, ob der Preis in Ordnung sei.

In den ersten Monaten unseres Kennenlernens flogen nur kurze Sätze zwischen uns hin und her. Er stand unter der Robinie, einen Stock in der Hand, und ich fragte: "Was machst du damit? Leute verprügeln?" – "Pass auf, sonst verprügle ich dich!" – "Dann lauf ich weg." – "Und ich hinterher." – "Mich holst du im Leben nicht ein." Er schaute auf seinen dicken Bauch, über dem das weiße Unterhemd spannte, und sagte: "Hmmm, da magst du recht haben." Lautmalerisch exakter wiedergegeben sagte er: "Da magst du rrrrrrrrrrrrecht haben!" Denn er spricht Pekingerisch, und das heißt, dass die meisten seiner Sätze auf einem tief grollenden Rrrrrrr reiten.

Der Nachbar heißt Meng Fanrui. Im Winter trug er einen grünen Militärmantel, im Sommer ein weißes Unterhemd. Seine Füße steckten in alten Schlappen. Schlurfte er durchs Viertel, ein wenig wankend und mit leichten O-Beinen, erinnerte er mich an einen Bären. Er lebte allein in zwei kleinen Zimmern, nur ein paar Schritte von seinem Thron entfernt, das heißt, er teilte sie sich mit dem Chaos. Die Fenster waren mit Fliegengittern überklebt. Da er nicht genug Schränke besaß, hatte er alle Dinge aufeinandergestapelt, es sah aus, als lebte er in einer Altkleidersammlung. Hier war er geboren, hier hatte er die sechzig Jahre seines Lebens verbracht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 3.6.2015.

Irgendwann entdeckte ich, dass er beim Lammspießgrill um die Ecke arbeitete. Er räumte die Plastiktische ab, stellte die Bierflaschen weg, meist aber saß er auf seinem Plastikschemel, schaute und döste. Eines Abends wies er auf den Schemel neben sich und sagte: "Setz dich." Wir redeten, bis der Morgen graute. Seine Eltern waren arme Bauern, die es nach Peking verschlagen hatte. Zwei Erwachsene und sieben Kinder teilten sich die beiden Zimmer. Meng ist nicht lange zur Schule gegangen, eine Zeit arbeitete er auf einem Gemüsemarkt und hievte Wasserflaschen, bis der Markt zumachte. Seitdem saß er vor seinem Häuschen.

Von diesem Abend an sprachen wir immer länger. Einmal fragte ich ihn, ob er verheiratet gewesen sei. "Pah", machte er. "Wer will denn einen alten Schlucker wie mich heiraten?" – "Sei nicht so pessimistisch. Sechzig ist kein Alter." Er legte nachdenklich seinen Finger an den Kopf: "Hmmm. Vielleicht sollte ich mich ins Zeug legen."

Eines Nachts sah ich ihn ganz allein am Lammspießgrill sitzen. Er schaute auf die Straße vor sich, als wäre sie ein tiefer Fluss. Und wirkte in diesem Moment wie der einsamste Mensch der Welt. Ich nahm mir einen Schemel und schob ihn sachte neben seinen. "Warum schläfst du nicht?" – "Zu viele Gedanken." Eine Weile saßen wir schweigend da. "Hast du eigentlich einen Traum?", fragte ich irgendwann ganz leise. Und er sagte mit einer Ruppigkeit, die nicht zu seinem Blick passen wollte: "Was haben kleine Leute wie ich schon zu träumen?"

Manchmal fragte ich mich, ob er sich nicht fühlen musste wie eine aussterbende Art in der neuen Welt der Hastigen. Touristen polterten in Rikschas die Gasse entlang. Beamte zogen durchs Viertel und machten Pläne. Eine neue Welt drang herein, und man konnte schon ahnen, dass Mengs Welt eines Tages abgewickelt werden würde. Es gibt heutzutage wenige Menschen, die noch so sitzen können wie Herr Meng. Ein wahrhaft Sitzender weiß, dass es dabei um so viel mehr geht als darum, das eigene Hinterteil auf einen Stuhl zu platzieren. Es ist eine Philosophie, die, so schreibt der Schriftsteller Lin Yutang, die Weisheit des Narren feiert und die Stärke des Schwachen. "Die Grundlage des chinesischen Pazifismus liegt in dem Glauben, dass keiner einen dauernden Vorteil dem anderen gegenüber hat. Dass keiner immer der dumme Narr sein wird." Das Schicksal gibt und nimmt. Der Weise wartet, bis sein Moment gekommen ist.