Am Rande Europas herrscht ein Mann, der Brücken über die Meere spannt und Weltregionen durch Kanäle verbindet. Er trägt Berge ab und baut Gebirge aus gigantischen Wolkenkratzern. Der Mann heißt Recep Tayyip Erdoğan. Er ist Präsident der Türkei.

Die Bühne seiner Großtaten ist Istanbul. An dessen Rand liegt Garipçe, ein pittoreskes Fischerdorf am Bosporusausgang zum Schwarzen Meer. Auf einer Anhöhe die Reste einer Festung: Hier lauerten einst osmanische Soldaten auf den Feind. Heute sieht man Tanker und Frachter, die auf Erlaubnis warten, durch den Bosporus zu fahren. Auf der anderen Seite steht ein Monstrum im Meer, weiß, kantig, höher als die Berge: ein Pfeiler der neuen Bosporusbrücke. In zwei Jahren soll sie die Kontinente verbinden. Erdoğans Traum.

Vom Berg bei Garipçe führt eine Sandpiste weiter durch die Hügellandschaft. Das wird die zwölfspurige Autobahn zum neuen Großflughafen. Auch das verschlafene Zekerijaköy soll Anschluss an sie bekommen. Was vor wenigen Jahren noch ein Dorf war, wird umgebaut zu einer Trabantenstadt. Man sieht Neubauten auf den Hügelketten, Baustellen, überall Plakate von Maklern und Baufirmen. Als Europäer staunt man da nur.

Doch der Bauboom ist kein Zeichen des Aufbruchs, sondern eher der Entfremdung von der Wirklichkeit. Die Türkei lahmt, Erdoğans Monumente könnten mit dem Ende des Wirtschaftswunders zusammenfallen. Das Wachstum blieb 2014 mit 2,9 Prozent weit hinter den Erwartungen zurück, die Arbeitslosigkeit liegt bei 11 Prozent, die türkische Lira verlor seit Jahresbeginn ein Fünftel an Wert gegenüber dem amerikanischen Dollar.

Die Türkei galt lange als Liebling der Investoren: ein aufstrebendes Schwellenland mit junger Bevölkerung, dazu demokratisch. Ihre neue Schwäche passt aber ins Bild von Schwellenländern, in denen politische Verwerfungen die Wirtschaft bedrohen. Die Türken wählen am 7. Juni ein neues Parlament. Erdoğan will eine Zweidrittelmehrheit erreichen, um seine Macht als Präsident auszubauen. Er erhielte dann quasidiktatorische Befugnisse, befürchten Kritiker. Der einst angestrebte Beitritt zur EU rückt derweil in die Ferne.

Mit den Megabauten will Erdoğan Stärke zeigen. Doch die vielen Krisensymptome sind nicht zu übersehen. Der Akmerkez ist eine Shoppingmall in Istanbul, die kürzlich renoviert wurde. Malls sind die Kathedralen des türkischen Wirtschaftswunders. In ihnen verbringen viele Familien ihre freien Tage, sie essen, flanieren und kaufen ein. Doch an einem Samstag, eigentlich dem Tag der Konsumkathedralen, ist der Akmerkez fast leer.

Ahmet, Filialleiter einer Boutique, steht gelangweilt in seinem Geschäft. "Heute habe ich immerhin ein T-Shirt verkauft", sagt er ironisch. "Der Kunde zahlt es in drei Monatsraten." Das ist üblich in der Türkei. Schon beim Kauf eines besseren Kugelschreibers wird man nach taksit gefragt – ob man in Raten zahlen möchte. Viele Kunden jonglieren mit einem Dutzend Kreditkarten. So haben die Türken über die Jahre hohe Privatschulden aufgebaut. Während des Booms ging das gut. Nun aber ist das türkische Pro-Kopf-Einkommen erstmals gesunken. Auch das Bezahlen auf Pump funktioniert nicht mehr so leicht, und das spürt der Boutiquebesitzer. Und er ist nicht allein damit.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 3.6.2015.

Über Jahre sonnte sich das Land in dem Gefühl, dass es der EU, die die Türkei kühl zurückwies, schlecht ging, während man selbst ein Wirtschaftswunder erlebte. Dieser Boom ließ die Türkei in die Liga der vielversprechenden Schwellenstaaten aufsteigen. Geld strömte ins Land, allein 2011 waren es 16 Milliarden Dollar an Auslandsinvestitionen. Türkische Unternehmer fuhren mit ihren Geschäftspartnern auf Luxusjachten über den Bosporus. Danach wurden lukrative Exportverträge unterzeichnet. Davon profitierten auch die Verbraucher. Seit Erdoğans Amtsantritt als Premier im Jahr 2003 hat sich das Pro-Kopf-Einkommen der Türken fast verdreifacht, eine neue, kapitalismusgläubige Mittelklasse kam zu unverhofftem Wohlstand. Die Bürger bezogen neue Häuser in Siedlungen mit Zaun und Schlagbaum. Sie speisten in den Bosporus-Restaurants, die besten Fisch, aber keinen Alkohol mehr servierten. Konsum – oft auf Kredit – wurde eine Säule der Wirtschaft. Die Türkei hatte vor einigen Jahren mit fast neun Prozent eine der höchsten Wachstumsraten der Welt. Der Wohlstand war ein Hauptgrund dafür, dass Erdoğan Wahlen gewann.

Was läuft nun falsch in der türkischen Wirtschaft? Am Bosporus liegen mehrere Spitzenuniversitäten, an denen die türkische Elite seit Generationen ausgebildet wird. Refik Erzan leitet die Wirtschaftsfakultät der Bosporus-Universität und erklärt, warum er sich um sein Land Sorgen macht. "Der Konsum lahmt, die Investitionen sind weitgehend zum Erliegen gekommen, und der Export sinkt", sagt er. "Die drei Säulen, auf denen das türkische Wachstum des vergangenen Jahrzehnts fest stand, sind brüchig geworden." Investitionen kämen heute vor allem von der Regierung, die verzweifelt versuche, sich dem Trend entgegenzustemmen. Zugleich aber sei es gerade die politische Polarisierung in Ankara, die alle verunsichere: Erdoğan und seine konservativ-autoritäre AKP gegen Kemalisten, Kurden und Linke. Alle Hoffnungen auf eine Rechtsreform zum Besseren seien enttäuscht worden. Gerichtsurteile fielen zu oft zugunsten von Unternehmern aus, die der Regierung nahestehen. "Transparenz und Berechenbarkeit für Investoren bleiben auf der Strecke."