Sind Verkäufer von Rentenversicherungen unter sich, machen giftige Scherze die Runde. Einer davon geht so: Treffen sich zwei Versicherungsvertreter. Sagt der eine: "Also, meinen Kunden erkläre ich immer: Riestern lohnt auf jeden Fall." Darauf der andere: "Für mich auch."

So richtig lustig kann man das wohl nur finden, wenn man eine Provision für jeden Vertrag kassiert. Doch der schlechte Witz führt ins Herz einer Debatte, die so alt ist wie die Riester-Rente selbst. Seit der Gesetzgeber die gesetzliche Rente im Jahr 2002 absenkte und zum Ausgleich staatliche Anreize für bestimmte private Vorsorgeverträge schuf, diskutieren Befürworter und Gegner heftig darüber, wem diese Rentenwende wirklich nützt: dem Kunden oder doch nur dem Versicherungsgewerbe.

Klar ist: Ohne eine private Vorsorge wird es künftig kaum gehen. Selbst wenn die Renten in den kommenden Jahren noch steigen, wird das Rentenniveau – also das Ruhestandsgeld im Vergleich zum letzten Arbeitseinkommen – deutlich sinken. Wer anno 2015 in Rente geht, erhält laut Rentenversicherungsbericht der Regierung nach 45 Jahren Arbeit mit Durchschnittsverdienst immerhin noch 47 Prozent seines letzten Bruttogehalts als Rente. Im Jahr 2028 werden es nur noch 44 Prozent sein. Anfang des Jahrtausends lag das Rentenniveau noch bei etwa 53 Prozent. Die Schere, die sich damit bei der gesetzlichen Altersversorgung öffnet, soll Riester schließen. Wer dort regelmäßig einzahlt, der werde als Ruheständler in der Summe auch in den 2030er Jahren noch sein halbes Endgehalt haben, prognostiziert die Bundesregierung.

So gesehen, scheint eine private Zusatzrente höchst angeraten. Nur muss es dazu ausgerechnet ein Riester-Vertrag sein? Der hat auf dem Papier zumindest einen großen Vorteil: Der Staat spart mit. 154 Euro gibt es pro Person im Jahr für jeden, der vier Prozent seines Jahresgehalts zusätzlich zur gesetzlichen Rente zurücklegt. Für jedes Kind, das nach 2008 geboren wurde, gibt es weitere 300 Euro dazu, für ältere Kinder immerhin noch 185 Euro pro Jahr. Außerdem lassen sich bis zu 2100 Euro jährlich von der Steuer absetzen. Voraussetzung ist in jedem Fall, dass die Produkte, die man abschließt, ob nun Bank-Sparplan, Versicherung oder Bausparvertrag, ein bestimmtes Siegel tragen. Sie müssen Riester-tauglich sein. Selbstständige , Vielverdiener und manch andere sind von den Zulagen ausgeschlossen.

Das klingt nicht nur kompliziert, das ist es auch. Erstens sind nur Verträge mit lebenslanger Leibrente zugelassen. Stirbt der Anleger, bekommt höchstens der Ehepartner Geld zurück, erben die Kinder, müssen sie schon die Zuschüsse zurückzahlen, andere Hinterbliebene gehen ganz leer aus. Zweitens würden auf dem Markt schlicht zu viele "schlechte Produkte" angeboten, schimpft Axel Kleinlein, Vorstandssprecher des Bunds der Versicherten und einer der lautesten Kritiker des Riesterns. Seine Botschaft: Teure und teilweise schwer verständliche Policen bleiben nun einmal schlecht, auch wenn sie staatlich gefördert werden. Unterm Strich lohnt sich der Abschluss vieler Riester-Versicherungen demnach nur, wenn man uralt wird.

Tatsächlich gehen die Kosten und Renditen in der Branche massiv auseinander: So brachte das Riester-Sparen in den vergangenen zwölf Jahren nur 0,2 bis 3,5 Prozent Rendite pro Jahr ein, wenn man die staatlichen Zulagen beiseitelässt. Die schwächsten Versicherer schafften es ohne staatliche Hilfe also nicht annähernd, die Inflation auszugleichen. Das Institut für Transparenz aus Berlin, das die Daten analysierte, bekam aber überhaupt nur von zehn Anbietern Rückmeldungen – die meisten Versicherer hätten einen Einblick in die Kalkulation verweigert, bemängelt Institutsleiter Mark Ortmann.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 24 vom 11.6.2015.

Den Befürwortern des Riesterns sind solche Diskussionen egal. "Die Frage, ob sich die Riester-Rente für einen konkreten Kunden rechnet, kann ohne den Effekt der staatlichen Förderung nicht beantwortet werden", sagt Jochen Ruß, profilierter Versicherungsmathematiker und Geschäftsführer des Instituts für Finanz- und Aktuarwissenschaften: Und wenn man die Sache individuell betrachte, dann komme für die allermeisten Kunden ein sehr gutes Verhältnis von erwarteter Rendite zum Risiko heraus, sagt Ruß. Bei dieser Einschätzung folgt ihm sogar Hermann-Josef Tenhagen, langjähriger Chefredakteur der Zeitschrift Finanztest, der als scharfzüngiger Kritiker der Versicherungsindustrie bekannt ist. Doch er sagt: "Wer sich mit den Produkten beschäftigt und die richtigen Anbieter wählt, für den kann sich ein Riester-Vertrag durchaus lohnen."

Zweitens aber, und da sind sich Ruß und Tenhagen einmal mehr einig, beruht die Diskussion um den Nutzen der Riester-Rente womöglich auf einem riesigen Missverständnis. Es gehe bei den Verträgen nämlich gar nicht in erster Linie darum, auszurechnen, wie viel Rendite sie eintrügen. Tatsächlich sei das Ganze viel mehr eine Versicherung als eine Sparanlage: "Im Kern bietet die Riester-Versicherung einen Schutz gegen das Risiko, länger zu leben, als das Geld reicht", sagt Ruß. Oder, wie der Finanzjournalist Tenhagen sagt: "Die Rente ist zuallererst eine Wette aufs eigene Alter."

Die Einzigen, die von alldem gar nichts haben, sind ausgerechnet jene, die Vorsorge besonders nötig hätten, weil sie gar keine ordentliche Rente erwarten können. Wer nämlich auch mit Riester-Sparplan keine Chance hat, auf eine Rente über dem Hartz-IV-Satz zu kommen, dem greift der Staat im Alter ohnehin unter die Arme. Dann war das Zusatzsparen umsonst. Auch das wirkt wie ein schlechter Scherz – ist aber mehr ein sozialpolitisches Problem als eines der Riesterei.