Die Pubertät, eine Zeit des Irreseins: Diesem Naturgesetz entkommt auch der 15-jährige Junge aus Friedberg nicht, aus dessen Perspektive Andreas Maier seinen großangelegten Romanzyklus Ortsumgehung über seine der Auto-Ideologie geopferte Wetterauer Heimat erzählt. Oder vielmehr rekonstruiert, denn einmal heißt es "heute, im Jahr 2009". Das war vor sechs Jahren, und seltsamerweise denkt Maier von diesem Punkt aus an das Frühjahr 1983 zurück. Der kulturkritische Furor gerät etwas ins Hintertreffen, denn wie er seinen treuen Lesern mitteilt: "Ich war zu dieser Zeit in Katja Melchior verliebt."

Andreas, genannt Andy, den wir schon ein wenig zu kennen meinen, fühlt immer radikal, und zwar in erster Linie sich selbst. So führt die Verliebtheit nicht nur zu Katja hin, das auch; gleichzeitig wird eine rauschhafte Befreiung erlebt, von den Eltern, den Lehrern, die an Einfluss verlieren. Das Ich – und "Ich" waren schon Maiers Frankfurter Poetikvorlesungen (2006) betitelt –, das Ich wird plötzlich riesengroß: "Ich war allein mit diesem Friedberg, diesen Mauern, diesen alten Steinen, diesem Licht, diesem Abend, und doch umfasste das alles plötzlich viel mehr, als ich bislang in meinem Leben gesehen hatte."

Der Katja-Rausch fällt also mit dem Ich-Rausch zusammen. Ja, mit der Pubertät setzt die hastige, heftige Selbstfindung insofern überhaupt erst ein, als das Subjekt sich als begehrendes und begehrtes Wesen begreifen muss. Und man könnte denken, dass, nachdem zuletzt (in Die Straße, 2013) so viel von den ihn verstörenden Doktorspielen der Schwester und deren Freundinnen die Rede war, vom "schwarzen Loch" der Erinnerung an übelste Übergriffe alter hutzeliger Männer aus der Altstadt, nun also mit der schönen Verliebtheit in die schöne Katja Melchior eine hellere Variante des Sexus in Maiers Roman Einzug halten würde.

Aber nichts da! Zu unserem großen Erstaunen gibt sich der zur Derbheit durchaus befähigte Icherzähler diesmal fast keusch, ausgerechnet in dem Moment, in dem das Begehren erwacht. Er zeigt die Scheu auf, mit der die pubertären Körper ihre "Lebenspose" ausprobieren, eine Scheu, die unbedingt cool aussehen möchte. Die Wahrheit – also die Scheu – wird überdeckt von einer Pose infolge permanenter "Selbstbespiegelung". Als wäre das nicht schon knifflig genug, kommt hinzu: Das pubertäre Subjekt existiert vor allem als Gruppensubjekt, es agiert innerhalb einer subtilen "Choreographie", die sich nirgends trefflicher beobachten lässt als auf Partys und Schulhöfen. Nichts ist hier zufällig, alles soll aber wie Zufall aussehen. So sind denn Katja, Schülerin der Klasse 9a des Augustinergymnasiums, und Andy, der rebellische Schüler aus der Gesamtschule, nie allein, sondern umgeben von anderen; Freundinnen, Kumpels.

Wie der Autor in zartfühlender Langsamkeit die Party schildert, auf der Katja und der Icherzähler sich plötzlich, inmitten der anderen, in den Armen liegen, wie sie daraufhin wieder auseinandergehen, um magnetisch am Buffet wieder zusammenzufinden, um Nudelsalat auf ihre Pappteller zu füllen – Choreographie! –, das gehört zu den Meisterstücken dieses kleinen Romans über die irrste Zeit im Leben.

Der Ort, Friedberg in der Wetterau, bedroht von der Katastrophe der Ortsumgehung, fungiert als Bühne jugendlicher Selbsteroberung. Im "Juz", dem Jugendzentrum, treffen sich Gleichgesinnte, das heißt Jugendliche mit Vorliebe für die gleichen Posen. (Katja gehört nicht zu ihnen; sie spielt lieber im Schulorchester.) Interessant und höchst realistisch erweist sich die klare Klassenstruktur, die die Rangordnung jedes Einzelnen festlegt nach Regeln, die magischer Natur zu sein scheinen. Der Erzähler, obwohl – oder gerade weil – er sich bald als pseudokaputter Bettelmönch zu inszenieren versteht, betrunken und ausgehungert, steht ganz oben auf der sozialen Leiter; Katja dito. Und die Umarmung der beiden auf jener Party wertet ihn, dank der "Rangordnungspsychologie", noch einmal auf.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 24 vom 11.6.2015.

Dabei schrumpft die Ortschaft selbst, weil das größer werdende Ich sie gewissermaßen wegpustet. Lektüren, von Rilkes Malte über Manns Zauberberg (der Erzähler imitiert die bacchantischen Peeperkorngelage) , den frühen Hamsun und Hesses Steppenwolf bis zu Bertrand Russell, dienen als Drehbuch der neuen, bald zwischen Askese und Ekstase raffiniert hin und her schwankenden Identität. "Übrigens", resümiert der erwachsene Erzähler, "brachte mich all das Katja in diesen Wochen um kein Stück näher, aber das war offenbar auch gar nicht das Ziel. Ziel war auch nicht die kultische Verehrung Katjas um ihrer selbst willen. Das Ziel war vielmehr die mit einem solchen Kult einhergehende Veränderung meiner eigenen Person. Ich war dabei, ein Bild von mir selbst zu entwerfen, das erste Bild meiner eigenen Wahl."

Die Lust an der Autoritätsverweigerung lässt sich schließlich steigern dank eines Glücksfalls. Der Große Vorsitzende der CDU (der Name fällt nicht, aber alle wissen, wer gemeint ist) wird erwartet im Bierzelt der Stadt. Für die Jugendlichen bedeutet das, mit allem dazugehörigen Pathos, die Politisierung ihrer Körper, die sie als Störfaktor, als Zeichen der Rebellion einsetzen. Ihr Happening bringt den erwünschten Krawalleffekt: Sie bringen, jeder, einen Salatkopf mit, dürfen damit aber erwartungsgemäß nicht rein ins Zelt, sondern geben ihn dann, absurdes Theater pur, an der Garderobe ab! Da der Erzähler aus einer "CDU-Familie" stammt, rebelliert er, klar, zugleich gegen den Papa. Doch sind das recht muffige Gefechte, die da in Friedberg in der Wetterau anno 1983 ausgetragen werden. Klischierte Nazi- und RAF-Vorwürfe, drunter geht’s nicht, fliegen durchs Zelt. Andys höhnende Clique badet im "Hochgefühl". "Es war, als würden wir fliegen, so mächtig und überlegen fühlten wir uns."

Man darf gespannt sein, was im nächsten Band der Ortsumgehung an Überraschungen auf uns wartet. Inzwischen kann als Zwischenbilanz festgehalten werden, dass dem auf gut zwanzig Bände angelegten Projekt zu trauen ist. Die Melange aus Selbstanalyse, Größenwahn und einem knochentrockenen Sinn für Komik hat sich als perfekt erwiesen. Und nicht nur Friedberg in der Wetterau erkennt man wieder in diesem Ortsporträt, sondern pars pro toto den ganzen alten Westen der Republik, der, anderslautender Behauptungen zum Trotz, keineswegs auserzählt ist.