Eine Teerstraße durch den Regenwald. Nebelschwaden hängen in den Tälern. Es ist so schön, dass man sich in Erhabenheitsgefühlen verlieren könnte. Doch die Gedanken sind andere, hier im Hügelland von Ruanda, das man aus Filmen wie Gorillas im Nebel kennt – und das ich nun durchquere, um in den Kongo zu gelangen.

Kongo! Immer, wenn dieses Wort mit seinen warmen Vokalen fällt, zischt mir die gleiche Frage durchs Hirn: Warum – zum Teufel! – bin ich nur in dieses Land gereist. In dieses "Herz der Finsternis", wie Joseph Conrad einst schrieb. In dieses Land in Ostafrika, heimgesucht von zahlreichen Kriegen und Massakern, die es in bittere Armut gezwungen haben.

Dabei ist der Kongo stinkreich. An Rohstoffen. Und bietet damit lukrative Geschäfte. Auch für Firmen aus der Schweiz. Der Glencore-Konzern ist an Minen im Kongo beteiligt – und kontrolliert damit zum Beispiel fast ein Viertel des weltweiten Handels mit Kobalt. Ein Metall, das für die Herstellung von Batterien benötigt wird, die in unseren Handys, Laptops oder in Elektroautos verbaut werden.

"Hier links ginge es nach Burundi", sagt unser Fahrer, als er wieder einen der tausend Hügel von Ruanda erklimmt. Da will ich nicht hin – nicht nach den Unruhen in den vergangenen Wochen, die zahlreiche Tote gefordert hatten, und nicht vor den anstehenden Wahlen, die wieder in einen gewalttätigen Konflikt münden werden. So sagen es zumindest die hiesigen Beobachter, die ich in den nächsten Tagen kennenlerne.

Ich will in die kongolesische Grenzstadt Bukavu, um die neue Arbeit des Schweizer Regisseurs Milo Rau zu verfolgen. Tribunal sur le Congo nennt Rau sein Projekt. Anhand von drei konkreten Fällen untersucht er die Ursachen des Elends, das den Kongo seit Jahrzehnten im Würgegriff hält. Auf der Richterbank sitzen unabhängige Experten. Unter ihnen Jean Ziegler, der berühmteste Schweizer nach Sepp Blatter. Für den Berater des UN-Menschenrechtsrates ist die Veranstaltung "von höchster Wichtigkeit und Aktualität, damit den vielen Tausend gepeinigten Opfern der internationalen Minenkonzerne endlich geholfen wird".

Das Kongo Tribunal setzt eine Tradition fort, die in den 1960er Jahren begründet wurde. Damals wollten Jean-Paul Sartre und der Philosoph Bertrand Russell vor einer unabhängigen Jury aus Rechtsgelehrten und anderen Intellektuellen die Kriegsverbrechen der USA in Vietnam untersuchen – ohne juristische Handhabe, dafür unabhängig von allen Staatsmächten.

Auf das Vietnam Tribunal von Russell und Sartre folgten zahlreiche ähnliche Tribunale, die sich den Missständen dieser Welt widmeten. Darunter auch zwei von Milo Rau: 2013 richtete er in Russland die Moskauer Prozesse aus, die sich um eine Wiederaufnahme des Verfahrens gegen die Punkband Pussy Riot bemühten. Im gleichen Jahr folgten am Theater Neumarkt die Zürcher Prozesse, die sich mit der Frage beschäftigten, ob die Weltwoche sich wegen Schreckung der Bevölkerung, Rassendiskriminierung und Gefährdung der verfassungsmäßigen Ordnung schuldig gemacht hat.

Jetzt also der Kongo. Wo kriegerische Konflikte, Korruption, Misswirtschaft und Hunger in den vergangenen Jahrzehnten sechs Millionen Tote gefordert haben. Das schätzen Menschenrechtsorganisationen.

"Ein Menschenleben ist hier im Kongo so viel wert wie ein Scheißdreck", heißt es in einem Tagebuch-Artikel von Milo Rau, den ich noch vor meiner Abreise in Zürich lesen konnte. Nun hebt sich der Schlagbaum der kongolesisch-ruandischen Grenze. Ein Zollbeamter setzt mir eine taschenlampengroße "fever gun" an den Hals, die überprüfen soll, ob ich Ebola habe. Habe ich nicht. Willkommen im Kongo!

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 24 vom 11.6.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Was hat ein toter Kongolese mit meinem neuen Smartphone zu tun?

"Willkommen auf der Universität des Lebens!", ruft mir ein sichtlich gut gelaunter Milo Rau zu, als ich ihn erstmals in Bukavu treffe. Wir setzen uns auf die weißen Plastikstühle der Lodge Co-Co, einer grünen Oase in der staubigen Stadt mit ihren 800.000 Einwohnern. Betrieben wird das Hotel von Carlos Schuler, einem Schweizer, der sich hier vor dreißig Jahren aus Liebesgründen niederließ – und blieb. Auch dann, als Laurent Kabila 1996 vom Ostkongo aus den Kampf gegen das Mobutu-Regime führte: Während seine Familie sich nach Belgien in Sicherheit begab, beschützte Schuler das Lebenswerk seines Schwiegervaters: den Nationalpark in der Nähe Bukavus. Hier leben die letzten Silberrückengorillas im Osten des Landes. Keine Frage, Carlos Schuler hat seinen Lebensmittelpunkt gefunden. Aber warum sind Milo Rau und ich hier? Warum dieses Tribunal? "Wir leben in einer globalisierten Welt, in der die Politik und die Wirtschaft global agieren. Zumindest seit dem Fall der Blöcke", sagt Rau. "Zugleich gibt es noch wenige Künstler und Intellektuelle, die global denken und handeln." Für den 38-jährigen Berner Regisseur Rau ist das ein Missstand, den er durch die "Wiedergeburt" des intellektuellen Engagements aus der Welt schaffen will. Rau will die weltweiten Verstrickungen verstehen. Sartre ist sein Vorbild.