Als am Montag nach dem Chefwechsel bei der Deutschen Bank der Parketthandel wieder eröffnet wurde, schossen die Aktien des größten deutschen Kreditinstituts innerhalb weniger Minuten in die Höhe. Am Ende des Tages notierte die Börse einen Kursanstieg von mehr als acht Prozent. In Stundenfrist hatte sich der Marktwert der Deutschen Bank um satte drei Milliarden Euro erhöht. Die Anleger der Bank haben die angekündigte Demission ihrer Doppelspitze bejubelt und Anshu Jain und Jürgen Fitschen das Vertrauen aufgekündigt.

Für viele ist die Deutsche Bank das zweifelhafte Symbol eines verwilderten Kapitalismus. Sie steht für entfesselte Märkte, gigantische Geldbewegungen und eine neue Klasse transnationaler Finanzmanager, die den Kontakt zur Realität verloren haben. Auch der Führungswechsel wird an diesem Bild nichts verändern; er ist nichts, was der Öffentlichkeit neues Vertrauen in die Deutsche Bank einflößen sollte. Sowenig wie durch den Rücktritt von Sepp Blatter aus der Fifa eine gemeinnützige Einrichtung wird, verwandelt sich die Deutsche Bank in ein solides Geldinstitut, wenn man das Führungsduo austauscht.

Mehr noch, zeigte die Hausse an der Börse nach dem Rücktritt der bisherigen Co-Vorstände doch, dass sich die Aktionärsvertreter vom Nachfolger John Cryan nur eine deutlich ertragreichere Umsetzung derselben Konzernstrategie erwarten, die unter Jain und Fitschen nicht aufgehen wollte. Auch die Erfüllung dieser Erwartungen ist nichts, wovon sich das Gemeinwesen etwas versprechen darf. Schon vor dem jüngsten "Strategiewechsel", den die letzte Führung vollzog, richtete die Deutsche Bank nur noch volkswirtschaftlichen Schaden an.

Das aber lag nicht an den Führungspersonen, die jetzt als Sündenböcke herhalten müssen, sondern an einem Geschäftsmodell, dessen effektivere Durchsetzung die Anleger sich nunmehr von dem neuen Vorstandsvorsitzenden erhoffen. Die "Strategie 2020" von Fitschen und Jain war nur der bisherige Schlusspunkt einer Fehlentwicklung, die darin besteht, die frühere Hausbank der deutschen Wirtschaft in einen Global Player auf den hochvolatilen Finanzmärkten zu verwandeln. Der Verkauf der Postbank-Tochter, die Schließung von 200 eigenen Filialen, das Zusammenstreichen des Privat- und Firmenkundengeschäfts dienen in diesem Zusammenhang vor allem dazu, das Investmentbanking zu stärken, das der Bank seit Jahren nur hohe Verluste eingebracht hat.

Den Rubel an den Finanzmärkten wieder rollen zu lassen wird daher der Auftrag sein, den der neue Mann zu erfüllen hat, damit endlich auch wieder in Frankfurt das ganze große Geld verdient werden kann. Zuletzt jedoch stand die Bank hierbei knietief im Soll. Allein in den Jahren 2012 und 2013 trug das Investmentgeschäft Einbußen von 283 Millionen Euro ein. Die Strafzahlungen und Vergleichskosten, die der Geldhandel in den vergangenen drei Jahren gerichtlich verursacht hat, dürften sich nach den jüngsten Ablässen für die Zinsmanipulationen im sogenannten Libor-Skandal auf mehr als 10 Milliarden Euro belaufen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 24 vom 11.6.2015.

Eine deutsche Bank muss als Global Player nicht unmoralisch sein

Nicht weniger ernüchternd schauen die Geschäftsergebnisse aus. Die Gesamtrendite des Unternehmens schwankte in den Jahren seit 2012 zwischen 0,5 und 1,2 Prozent, was eher dem klassischen Zinssatz eines Sparbuches entspricht. Für ein solches Ergebnis könnte man auch eine Sparkasse sein und müsste sich nicht von den 14 Millionen Kunden trennen, die ein Konto bei der Postbank besitzen. Nur würden dann kaum Vorstandsgehälter von durchschnittlich 6,9 Millionen Euro pro Jahr gezahlt werden können, davon 4,6 Millionen als "erfolgsabhängige" Boni. In selber Höhe hat auch der bankeigene Investmenthandel Bonuszahlungen erhalten, der das Institut fortwährend in eine Kette von Skandalen verwickelt.

So ist es kein Wunder, dass sich die öffentlichen Klagen über wirtschaftliche Ungerechtigkeiten heute auf den Finanzsektor konzentrieren, der wie kein anderer für die Ablösung von den meritokratischen Grundsätzen steht, auf die sich die Marktwirtschaft beruft. Im Investmentbanking und im bankeigenen Handel werden keine Leistungen für andere Teilbereiche der Wirtschaft erbracht, sondern Gewinne auf Kosten der wirtschaftlichen Umwelt erzielt. Obgleich der Finanzsektor damit eine wirtschaftliche Systemkrise ausgelöst hat, die seit 2008 allein in Deutschland circa 500 Milliarden Euro an Staatsschulden und Wohlstandseinbußen gekostet hat, bleibt er die Branche, in der die höchsten Einkommen erzielt werden können.

So widersinnig diese Entwicklung auch ist, so ist bei der Bankenkritik doch gut beraten, wer eine gewisse Obacht walten lässt – gerade bei der Deutschen Bank, die schließlich weit mehr ist als nur ein Geldinstitut. Niemand sollte Hermann Josef Abs zurückhaben wollen, um Anshu Jain oder John Cryan zu vermeiden. Die machtbewussten Bankiers unter den deutschen Kanzlern von Adenauer bis Schmidt (von anderen Zeiten zu schweigen) waren in ihrem Geschäftsgebaren im Großen und Ganzen kaum anders gestrickt als die modernen Banker aus dem globalen Investmentgeschäft. Lag der Hochfinanz früherer Zeiten daran, Unternehmensbeteiligungen zum Vorteil für sich und ihresgleichen zu nutzen, so stellen die heutigen Spielführer auf den Finanzmärkten darauf ab, im einträchtigen Derivatehandel unter sich die Gewinne und unter Dritten die Risiken zu verteilen. Zwar ist die Anklagebank lang, auf der in den letzten Jahren Vorstände und Aufsichtsräte Platz nehmen mussten: Josef Ackermann wegen Untreue im Mannesmann-Prozess, Rolf-E. Breuer wegen Schadensersatzklagen im Fall Leo Kirch und zuletzt Jürgen Fitschen wegen Prozessbetrugs. Doch haben deutsche Bankiers schon ganz anderes auf dem Kerbholz gehabt und mussten dafür nicht vor Gericht.