Achtzigtausend, manche sprechen auch von hunderttausend Toten, die der Drogenkrieg in Mexiko gekostet hat. Es gab sichtbare, ausgestellte Opfer: geköpfte, gehäutete Leichname, zur Abschreckung auf öffentlichen Plätzen drapiert. Und es gibt eine unbestimmte große Zahl von Verschollenen: verscharrt, in Säure aufgelöst, einfach verschwunden wie zuletzt dreiundvierzig Studenten in Iguala.

In seinem fulminanten Roman Tage der Toten hat der amerikanische Autor Don Winslow den bizarren Krieg der USA gegen die Drogen beschrieben, von 1975 bis 2004 reichte sein epischer Atem im ersten wütenden Anlauf. Der Roman wurde zu Recht als Anklage gegen eine amerikanische Politik gelesen, die mit ihren Milliarden und mit undurchsichtigen Geheimaktionen die Mafia und die mexikanischen Kartelle groß gemacht hat, während deren Kundschaft ständig wuchs: Allein in den letzten zehn Jahren hat sich der Konsum von Heroin und Kokain in den USA verdoppelt. Schon 2005 forderte Winslow halb verzweifelt, halb schicksalsergeben die Freigabe aller Drogen, um Irrsinn, Leid und Kosten zu mindern.

Seit 2004 hat sich nichts Wesentliches geändert. Daher ist es konsequent, dass Winslow die Geschichte weitererzählt. Sein neuer Roman Das Kartell ist wieder ein vielschichtiges Epos, das die realen blutigen Ereignisse zu einem fiktiven Zweikampf verdichtet. Art Keller, US-amerikanischer Drogenfahnder, und Adán Barrera, der patrón des Sinaloa-Kartells, haben für ihre an Hektor und Achill erinnernde Feindschaft bereits Hunderte von Kombattanten geopfert. "Ihre Fehde kann nur mit dem Tode enden – einer von beiden oder beide." Noch im amerikanischen Gefängnis, in das ihn Keller gebracht hat, setzt Barrera einen Kopfpreis auf den Todfeind aus. Keller hat das ungeschriebene Gesetz gebrochen, keine Familienmitglieder zu involvieren, als er Barreras Tochter nutzte, um den Vater zu fangen. Doch kurz darauf dealt sich Barrera mit Duldung der amerikanischen Behörden frei. Sein Versuch, sich in Mexiko erneut zum Boss der Bosse aufzuschwingen, heizt den Drogenkrieg der Kartelle wieder an.

Winslow hat verschiedentlich den Cowboy als Archetypus der amerikanischen Literatur bezeichnet. Art Keller agiert entsprechend als einsamer und zunehmend wahnhafter Cowboy, organisiert Lynchtrupps in Gestalt paramilitärischer Söldnerverbände und mutiert zum zombiehaften Killer mit gespaltener Seele. Wäre dies das einzige – dem Spannungsspektakel geschuldete – Erzählmuster, würde man Das Kartell als brutalen, in einzelnen Szenen empörenden, doch letztlich zweiten Aufguss lesen. Doch Winslow kann dem Widerstand, den es in Mexiko selbst gibt, ein Denkmal setzen: den Journalisten und tapferen Zivilisten, die sich gegen den bestialischen Terror zur Wehr setzen. Sie sind die wahren Helden dieser kaum erträglichen und dennoch lesenswerten Erzählung.