Es muss einem um die Existenz der Berliner Volksbühne nicht bang sein, auch wenn ihr Intendant Frank Castorf sie 2017 verlassen und Chris Dercon in der Ruhmesgrotte etwas ganz anderes machen wird. Das Volksbühnen-Virus hat sich früh gegen seine Vernichtung gewappnet und längst neue Wirte befallen. Es ist genau genommen überall. Beispielsweise in Wien. Nehmen wir eine beliebige Theaterwoche, drei aufeinanderfolgende Abende. Erster Abend, Wiener Festwochen: Frank Castorf inszeniert Dostojewskis Brüder Karamasow; die Wiener Kritik ist begeistert. Zweiter Abend, ebenfalls Festwochen: Frank Castorfs einstiger Schlüsselschauspieler Martin Wuttke spielt die Titelrolle in John Gabriel Borkman; die Wiener Kritik ist entfesselt. Dritter Abend, Burgtheater: Carl Hegemann, Frank Castorfs langjähriger Wegbegleiter, verantwortet als Dramaturg die Antigone nach Sophokles; die Wiener Kritik ist ernüchtert. Carl Hegemann hat schon vor Jahren gesagt, was die Volksbühne heute tue, werde von den übrigen Theatern morgen kopiert; die Volksbühnen-Erfindungen landeten sozusagen in den Ausschüssen. Und natürlich, Hegemann hat recht. Aber der Reihe nach.

Erster Abend: Die Brüder Castorf

Castorf hat, nachdem er Dostojewskis Dämonen, Erniedrigte und Beleidigte, Schuld und Sühne und Der Spieler auf die Bühne gebracht hatte, nun den letzten großen Dostojewski-Roman Die Brüder Karamasow inszeniert, ein Unterfangen, welches im Programmheft als Castorfs "Jahrhundertwerk" bezeichnet wird. Man hätte nicht damit gerechnet, ein so schweres, mit Brokat überzogenes Wort je im Zusammenhang mit diesem Mann zu hören, aber nun ist es so weit: Castorf hat sich damit abgefunden, ein Klassiker zu sein, es gefällt ihm, zum "Kanon" zu gehören.

So sind Die Brüder Karamasow, die am südlichen Stadtrand in der ehemaligen städtischen Wiener Sargfabrik vonstattengehen, weniger ein Theaterspiel als ein gemeinsames Aushalten von Zeit, schauspielerischem Beharren und Nicht-enden-Können im Geiste von Marina Abramovićs legendärer Performance The Artist Is Present. Keiner wäre überrascht gewesen, wenn nach der knapp sieben Stunden langen Aufführung Castorf auf die Bühne getreten wäre, um uns mit den Worten "Ende des Prologs" in eine erfrischende Pause zu schicken.

Dostojewskis Roman handelt von vier Brüdern, die darüber nachdenken, den verhassten Vater zu ermorden; nur einer verübt die Tat, ein anderer wird dafür verurteilt; der Regisseur spricht aus ihnen allen. Wir sehen: "Die Brüder Castorf", ein Hydra-Unternehmen für entfesselte Schauspieler. Die Uraufführung dürfte für längere Zeit auch die einzige Aufführung dieses Stücks geblieben sein: denn bei der Premiere haben zwei Schauspieler so beträchtlichen Schaden an ihrer Gesundheit genommen, dass alle weiteren Wiener Aufführungen abgesagt wurden (die nächste Vorstellung ist im Oktober in Berlin). Marc Hosemann (als Dmitrij, der älteste der Brüder), Alexander Scheer (Iwan), Daniel Zillmann (Alexej), Sophie Rois (Pawel Smerdjakow), Hendrik Arnst (der alte Karamasow) – wir sehen sie selten auf der Bühne, oft auf einer Leinwand, und meistens rasen sie, von Kameras (und vermutlich vom Leibhaftigen) verfolgt, durch die Sargfabrik oder draußen, unterm eindunkelnden Himmel, übers Fabrikgelände. Castorfs grandiose Schauspieler haben etwas von Komikern an sich, die in eine Hölle ohne Pointen geraten sind. Sie werden so lange wüten, bis ein lachender Gott sie rettet. Sie sind die tanzenden Derwische und Kamikazes der Unterhaltungskunst: Sie stürzen sich auf ihre Rollen und reiten sie entschlossen zu Tode.

Dass es in dieser Inszenierung um den Gegensatz zwischen dem Westen und dem Osten, zwischen Liberalismus und Orthodoxie gehe, ist eine Floskelweisheit des Programmheftes; eigentlich geht es um die Frage: Wer wird mich erlösen?

Kleine Abschweifung: In den Feuilletons ist derzeit viel vom schlechten Zustand der deutschen Berufskomik die Rede. Hauptvorwurf: Der typische Comedian grille immer nur andere, nie aber den eigenen Wanst; er mache sich über Schwächere lustig, erfreue sich am Jammer der Welt und wage es nicht, mit unerbittlichem Blick sein persönliches Inneres zu durchleuchten; kurzum: Er setze nie sich selbst aufs Spiel. Das ist ein Problem, welches man als TV-Zuschauer täglich erleben kann. Aber das Theater, zumindest das von Castorf geprägte, kennt dieses Problem nicht. Der deutsche Komiker mag von Schadenfreude und Neid zerfressen sein und immerzu von sich selbst ablenken. Jedoch: Die Wahrhaftigkeitsritter des Räuberhauptmanns Castorf reißen sich das Herz aus dem Leib, sie nützen jede Rolle, um "Ich bin’s doch!" in die Welt zu brüllen. Ihr Problem ist nicht ein Mangel an Mut; sie kennzeichnet eher ein Überschuss an Mut.

Die Scham angesichts der eigenen Lächerlichkeit ist ein wesentlicher Charakterzug von Dostojewskis Figuren. Sie leiden darunter, von Gott (nicht) gesehen zu werden. Castorf nimmt ihnen diese Schwäche; seine Spieler sind heilige Hooligans in einem vom Gebrüll der Insassen hallenden Kloster.

Noch braucht Castorf den großen Dostojewski, um mit dessen Worten einem abwesenden Gott zu zürnen. Es geht ihm in diesem Fall wie den deutschen Comedians: Er traut sich noch nicht, seinem ureigenen Jammer zu vertrauen. Aber man hat den Eindruck: Lange wird es nicht mehr dauern, bis er selbst spricht.