Knalleffekt zum Wochenbeginn: Die Regierungschefs der G 7 haben die klimapolitische Revolution der Weltwirtschaft beschlossen. Umweltverbände wie Greenpeace brechen in Beifall aus. Man muss sich zwicken: Träumen wir?

Hatten wir nicht längst aufgegeben? Haben wir nicht seit Jahren den Klimablues, nach all den vergeblichen Anläufen und Laberkonferenzen, der von Wortgirlanden umwickelten Tatenlosigkeit?

Hat nicht die ZEIT noch in der vorigen Ausgabe erklärt, die Menschheit wisse und müsse zwar, könne aber nicht?

Und jetzt das: Im Dezember wollen die G-7-Staaten auf der Klimakonferenz in Paris verbindliche Abmachungen über die "Dekarbonisierung der Weltwirtschaft" durchsetzen. Sie stecken sich selbst das Ziel, "im Laufe dieses Jahrhunderts" die Verbrennung von Kohle, Gas und Öl zu beenden; bis 2050 wollen sie die Emissionen um 40 bis 70 Prozent im Vergleich zu heute verringern und den Entwicklungsländern das Geld für den Umbau geben.

Die Teilnehmer des Gipfels stehen endlich einmal als die Guten da

Ihre Formulierungen sind unzweideutig. Gewiss, Sprache allein ändert die Welt nicht. Aber Abmachungen werden nun einmal sprachlich getroffen, also kommt es auf die Wortwahl an, und um die wurde hart gerungen, wie zu hören ist.

Kritiker wenden nun ein, das G-7-Abschlussdokument beziehe sich auf Texte, in denen die Kernenergie als Option erwähnt wird. Doch wenn man will, dass sich große Länder mit wachsendem Energiehunger am Klimaschutz beteiligen, kann man ihnen diese Wahl nicht verwehren – mag Deutschland sich auch den Kraftakt zutrauen, aus Kohle und Kernkraft zugleich auszusteigen.

Zu diesen Ländern gehört China, der schlimmste Umweltverschmutzer der Welt. Das Land hatte im Jahr 2009 zum Desaster der Klimakonferenz in Kopenhagen beigetragen. Doch in Peking hat seither ein Umdenken eingesetzt. Am Montag veröffentlichte die London School of Economics eine Studie, der zufolge China seine Treibhausemissionen schneller in den Griff bekommen werde als angenommen; in zehn Jahren sei der Umkehrpunkt erreicht, anschließend sänken sie, und das trotz extrem wachsenden Energiebedarfs.

Man darf also optimistisch sein (ist ja selten geworden in jüngster Zeit), auch weil in Elmau ein paar andere von der Bremse stiegen, Japan zum Beispiel, Kanada und namentlich die USA.

Angela Merkels stille, aber emsige Reisediplomatie hat dazu beigetragen. Die "mächtigste Frau der Welt", wie sie gern genannt wird, hat in den Hauptstädten der G 7 wissen lassen, dass es ihr ernst mit dem Klima sei. Die deutsche Energiewende gibt den Argumenten Gewicht: Gelingt sie, wird das Land auf einem wichtigen Gebiet Avantgarde sein – technisch, wirtschaftlich, politisch. Dass diesen raffinierten Deutschen so etwas tatsächlich zuzutrauen sei, hört man immer wieder im Ausland.

Obama zieht mit, nicht nur aus optischen Gründen. Amerika will aus dem Schlamassel heraus, den es im arabischen Raum angerichtet hat. Es macht sich derzeit unabhängig vom Gas und Öl, das aus dieser Weltgegend stammt, zunächst mit Fracking und Kernkraft, doch zunehmend auch mit Sonnen- und Windenergie. Ein weltweiter Abschied von fossilen Energieträgern würde zugleich das Erpressungspotenzial Russlands oder Venezuelas verringern.

Der G-7-Gipfel setzte die Beteiligten noch dazu günstig ins Licht. Sie, denen so viel – oft berechtigte – Kritik aus dem Osten und dem Süden entgegenschlägt, stehen endlich einmal als die Guten da. Ein unschätzbarer Vorteil, denn Weltpolitik ist auch Überzeugungspolitik.

Natürlich ist jetzt nicht alles getan. In dieser Woche, während sich die G-7-Lenker an ihrer Klimapolitik wärmen, kommen jene Unterhändler nicht vom Fleck, die sich auf einen weltweit gültigen Vertragstext für Paris einigen sollen. Feilschen, Tricks und Obstruktion, das alte Spiel geht noch immer weiter. Die Welt ist eben größer als die G 7.

Umweltdiplomatie folgt dem Gesetz aller Diplomatie. Die besteht zu 99 Prozent aus Geduld und zu einem Prozent aus Entschlossenheit zum richtigen Zeitpunkt. Der G-7-Gipfel war so ein Moment. Dass er genutzt wurde, ist das Wunder von Elmau.

Gegen Ende des Jahres wäre das zweite Wunder fällig. Hoffen ist erlaubt.

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