Angenommen, die Weltgeschichte hätte einen etwas anderen Verlauf genommen. Angenommen, nicht Afrika, sondern Europa wäre unterworfen worden und die Kolonialherren aus dem Süden hätten die Mona Lisa und den Bamberger Reiter verschleppt, dazu einen Kachelofen aus Belgien, Kruzifixe aus Polen und viele weitere Kunst- und Kulturdinge. Jetzt würde, in Lagos vielleicht, ein Museum für all die Trophäen eröffnet, in einem rekonstruierten Herrscherpalast, um endlich zu begreifen, was die europäischen Eingeborenen, problembeladen, schuldengeplagt, eigentlich für Menschen sind. In Zeiten der Globalisierung, lassen Politiker verlauten, müsse man in einen Dialog der Kulturen eintreten. Von Rückgabeforderungen aber bitte man die Europäer abzusehen.

In Berlin soll ein solcher Herrscherpalast in vier Jahren eröffnet werden, an diesem Freitag feiert er sein Richtfest. Hohe Politiker werden die eigene Weltoffenheit beschwören, und das Volk ist geladen, die leeren Hallen zu besichtigen, in denen das Humboldt-Forum, das wichtigste Kulturhaus der Republik, residieren soll. Doch so groß der Festtagsjubel auch sein mag, er wird die Zweifel nicht vertreiben. Je weiter der Schlossbau vorankommt, desto obskurer erscheint die Idee, ausgerechnet hier, hinter neuen Barockfassaden, die ethnologischen und asiatischen Sammlungen auszubreiten.

Vordergründig mag es als Geste der Völkerfreundschaft durchgehen: Die Deutschen bauen sich ein Staatsschloss, und großmütig überlassen sie es den fernen Kulturen. Im Herzen Berlins herrscht die Welt! Doch hat dieser Großmut eine perfide Kehrseite. All die Trommeln und Masken, der Anhänger aus Walrosszahn, das Luf-Boot mit dem großen Ausleger und die anderen zigtausend Schaustücke werden hier, im kulturellen Zentrum der Macht, nicht um ihrer selbst willen bestaunt. Sie sollen dienen: als Kulisse von Staatsempfängen und Galadiners, eingebettet in eine große deutsche Inszenierung der Selbstverklärung.

Im Humboldt-Forum will die Nation sich feiern. Über Jahre schon verbreiten die Planer das süße Pathos der Weltgenesung, hier werde eine "Menschheitsidee" ins Werk gesetzt, von "epochaler Transformation" ist die Rede, von einer "Gleichberechtigung der Kulturen". Über all den Beglückungsfantasien wird beflissentlich übersehen, worum es sich bei den Sammlungen eigentlich handelt. Sie eignen sich nicht für rhetorische Höhenflüge. Allenfalls mit Demut ließen sich viele der wichtigen Schaustücke zeigen, in schamvoller Erinnerung an den blutigen Welterlösungsdrang, dem sie sich verdanken. Doch Scham steht nicht auf dem Programmplan.

Kurz zur Erinnerung: In ihrer vergleichsweise kurzen Kolonialgeschichte begingen die Deutschen neben vielen anderen Verbrechen, in Kamerun oder in Tansania, den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Im heutigen Namibia wurde das Volk der Herero per "Vernichtungsbefehl" ausgerottet, rund 80.000 Menschen starben. Damals herrschte der Kaiser in jenem Schloss, hinter dessen rekonstruierten Fassaden jetzt stolz auch die Relikte der afrikanischen Kulturen ausgebreitet werden sollen. Zugleich weigert sich die Bundesregierung bis heute, den grausamen Feldzug als Genozid anzuerkennen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 24 vom 11.6.2015.

Gerade deshalb, so ließe sich argumentieren, braucht es das neue Staatsschloss: Die Schuld muss zum Thema werden. Tatsächlich sollen die blinden Flecken der Kolonialgeschichte ihren Raum bekommen, sagen die Kuratoren. Noch wissen sie nicht, wie viele Sammelstücke es eigentlich sind, die ihren Besitzern abgeschwatzt und weggenommen wurden. Auch wissen sie nicht, wie viel genau über Grabräuber und Plünderer ins Museum gelangte. Doch selbst wenn sich nach Jahren der Provenienzrecherche herausstellen sollte, dass die meisten der rund 500.000 Objekte sich eher wissenschaftlichen als diebischen Interessen verdanken – die Weltneugier ist ohne Weltknechtung nicht zu denken. Nie hätte es ethnologische Sammlungen ohne das Unterwerfen und Ausbeuten indigener Völker gegeben.