DIE ZEIT: Schüler aus vietnamesischen Familien schneiden in deutschen Schulen am besten ab, türkischstämmige Schüler mit am schlechtesten. Können Sie sich das erklären?

Andreas Helmke: Zumindest überrascht es mich nicht, was die vietnamesischen Schüler angeht. Denn bei den Asian Americans in den USA oder Kanada finden sich ganz ähnliche Ergebnisse. Der wichtigste Grund für diesen Erfolg dürfte der überragende Wert sein, den Bildung und Leistung bei vietnamesischen Familien traditionell spielen.

ZEIT: Wie macht sich diese Bildungsorientierung im Alltag der Familien bemerkbar?

Helmke: Vietnamesische Eltern investieren viel in Bildung, etwa ermöglichen sie ihren Kindern den Besuch von Förderkursen, Zusatzunterricht oder Kita. Selbst wenn sie wenig Geld haben, versuchen sie, den Unterricht in einer Musikschule oder die Anschaffung eines Computers zu finanzieren. In Vietnam habe ich oft gesehen, dass die Kinder, wenn sie von der Schule nach Hause kommen, den besten und ruhigsten Platz zum Lernen erhalten. Andere Familienmitglieder verziehen sich dann. Von schnöden Aufgaben wie einkaufen, Müll wegtragen oder abwaschen sind die Schulkinder weitgehend befreit. Lernen geht immer vor.

ZEIT: Gilt das für alle vietnamesischen Eltern?

Helmke: In der Regel schon. Familien führen einen regelrechten Wettbewerb um die guten Zeugnisse ihrer Kinder. Bezeichnend dafür ist eine Grußformel. Während es im Deutschen "Guten Tag", im türkischen "Merhaba" (also "Hallo") heißt, begrüßen sich vietnamesische Eltern oft mit den Worten: "Wie lernen deine Kinder?"

ZEIT: Und woher wissen die Eltern so genau, wie gut ihre Kinder lernen?

Helmke: In Vietnam können sich Eltern online über den Leistungsstand in allen Fächern und den Rangplatz informieren, den ihr Kind in der Klasse einnimmt. In Deutschland ist das zwar nicht möglich, aber auch hier kennen vietnamesische Eltern die Noten ihrer Kinder gut und wissen genau, wann eine Klassenarbeit ansteht.

ZEIT: Welche kulturelle Erklärung gibt es für diese besondere Wertigkeit von Leistung?

Helmke: Vietnam ist – wie China, Japan, Korea und Singapur – durch das konfuzianische Erbe gekennzeichnet, das bis heute das Denken prägt. Und zwar unabhängig davon, ob die Menschen in Vietnam, den USA oder Deutschland leben. In diesem Denken spielt nicht nur das Lernen eine zentrale Rolle, sondern auch der Respekt gegenüber Älteren, insbesondere gegenüber Eltern und Lehrern. Kinder sind es den Eltern quasi schuldig, dass sie gute Noten mit nach Hause bringen.

ZEIT: Die Deutschnoten vietnamesischer Schüler sind sogar besser als die der deutschen Schüler.

Helmke: Das ist schon deshalb bemerkenswert, weil in vielen vietnamesischen Migrantenfamilien die Eltern mit ihren Kindern Vietnamesisch und nicht Deutsch sprechen. Noch beeindruckender finde ich allerdings das Fach Mathematik. Hier liegen die Vietnamesen klar an der Spitze. In einer Studie haben wir vor Jahren einmal die Rechenfähigkeiten von Grundschülern aus Hanoi und München miteinander verglichen. Dabei zeigten sich die vietnamesischen Schüler ihren Alterskameraden aus Bayern haushoch überlegen.

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ZEIT: Trotz schlechter Lernbedingungen?

Helmke: Die Schulen in Vietnam waren schlecht ausgestattet, oft stand ein Lehrer bis zu fünfzig Schülerinnen und Schülern gegenüber. Doch sogar bei Fragen, die ein tieferes mathematisches Verständnis erforderten, schnitten die Schüler aus Hanoi besser ab. Was gegen das Vorurteil spricht, dass in Asien nur stumpf auswendig gelernt wird.

ZEIT: Der neuseeländische Lernforscher John Hattie argumentiert, dass die finanziellen Rahmenbedingungen einer Schule und die Klassengröße ohnehin keine große Rolle spielen.

Helmke: Damit liegt er richtig. Wichtiger als solche Oberflächenmerkmale ist, wie ausdauernd und, vor allem, wie intensiv Schüler lernen, wie aufmerksam sie dem Unterricht folgen und wie ernst sie die Hausaufgaben nehmen.