Ist ja klar, dass einen wie ihn alle haben wollen, weil er smart ist und ironisch und Songs macht, die, wie er sagt, "zum Dancen gebor’n sind". Und weil er ohne Schaden diese Krawatten tragen kann, die aussehen, als ob dafür eine seltene Raubkatze sterben musste, ein Amurtiger vielleicht oder ein texanischer Ozelot. Aber man weiß genau, dass dieser Mann so was nicht tragen würde. Zu unkorrekt.

Zum Beispiel fragen Jan Delay, Hamburgs größten Hip-Hopper, fast jede Woche neue Liebende, ob er nicht auf ihrer Hochzeit ein bisschen Style zwischen die fliegenden Tauben und reimenden Tanten bringen wolle. Will er aber nicht. Er muss, obwohl er ein sehr politischer Künstler ist, auch die meisten Anfragen von Schulen ablehnen und von Flüchtlingsinitiativen und Behindertenverbänden, die Konkurrenz der Bedürftigkeit ist zu hoch.

Aber dieses Mal hat Jan Delay Ja gesagt. Ausgerechnet jenen, die sonst fast keiner beachtet.

Donnerstagnachmittag, 16 Uhr, Untersuchungshaftanstalt Holstenglacis. Ein hoher Raum, der aussieht wie eine Kapelle, aber nicht Kapelle genannt werden soll, sondern, viel ansprechender, "Multifunktionsraum". Die Wand ist bunt getüncht wie ein gigantisches Batiktuch, davor sitzen 70 Männer. Alte, Junge, Backpfeifengesichter, Türsteherstaturen, Sparkassenberatertypen, optisch ist alles dabei und vom Strafregister her gesehen auch: Mörder, Vergewaltiger, Einbrecher, Betrüger, wobei vor alle ein "mutmaßlich" gehört, schließlich haben sie die Hauptverhandlung noch vor sich. Das macht ihre Lage nicht leichter. In der Untersuchungshaft gibt es kaum Therapie, kaum Arbeit, kaum Gewissheit über die Zukunft oder das Strafmaß. Im Multifunktionsraum ist es ganz still.

Dann kommt Jan Delay herein. Schwarzer Anzug, schwarzer Hut, Ozelot-Krawatte. Die Gefangenen trampeln, klatschen, johlen. Bleiben dabei aber auf ihren Stühlen, wie festgeklebt.

"Ey, das’ ja ne Hammerstimmung", ruft Jan Delay. "Lass ma weitermachen!" Und macht weiter. Anlage voll aufgedreht, Bässe wummern, die Sängerinnen, die "Delaydies", tanzen, Jan Delay rappt: "Was geht, Leute, seid ihr mit mir down?", die ersten Zeilen aus dem Hit Türlich Türlich.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 24 vom 11.6.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die Häftlinge nicken im Takt, ansonsten bleiben sie brav sitzen. "Ihr dürft auch aufstehn, ihr dürft auch dancen. Ihr könnt aber auch erß ma kucken: Was macht der Typ da vorne", ruft Jan Delay. Die Männer gucken erst mal. Als Jan Delay den Refrain umdichtet, von "Wir brauchen Bass, Bass, wir brauchen Bass" in "Wir brauchen Bass, Bass, hier im Knast", ein paar Lacher, mehr nicht.

Aber dann endet der Song – und der Applaus ist: frenetisch, explosiv, dankbar.

So geht es weiter: Jan Delay dreht auf, gibt alles, ruft "Lasst mich ma alle eure Hände sehn", dann gehen die Hände hoch, aber gleich darauf wieder runter. Stühlekleben, und die "Delaydies" mit ihrem Tanz auf der Bühne sehen aus wie zwei übermotivierte Zumba-Trainerinnen vor einer faulen Schulklasse.

Der Applaus aber, der nach jedem Track ausbricht, ist wieder: frenetisch, explosiv, dankbar.