Die Tenne hat Marie* gehasst. Die Tenne sei der Ort gewesen, wo sie und die anderen Mädchen bestraft wurden. Wenn der Erzieher rief: "Tenne!", dann wusste Marie: Jetzt gibt es entweder "Strafsport" – Sport so lange, bis ihr schlecht wird. Oder stillsitzen. "Alle mussten das irgendwann mal: auf dem Boden der Scheune sitzen, nicht bewegen. Nur zur Toilette durfte man", sagt sie.

Ein knappes Jahr lebte die heute 20-Jährige in Heimen der Kinder- und Jugendhilfe Friesenhof im Kreis Dithmarschen, in denen Mädchen und junge Frauen mit schweren psychischen Problemen, Verhaltensauffälligkeiten oder kriminellem Hintergrund betreut werden. Oder besser: betreut wurden. Vergangene Woche hat das Kieler Sozialministerium zwei der drei Standorte wegen inakzeptabler Zustände geschlossen. Beim Landesjugendamt war zuvor eine Reihe von Beschwerden eingegangen, wonach Mädchen in den Friesenhof-Heimen beschimpft, gedemütigt, gefilmt und zum Ausziehen gezwungen worden sein sollen.

Erstmals melden sich die Mädchen nun selbst in den Medien zu Wort. Marie ist eins von ihnen. Sie sagt, ihr Wille sei "systematisch gebrochen" worden.

Erstmals seit der Schließung bezieht aber auch die Leiterin des Heims, Barbara Janssen, persönlich Stellung. Zuletzt hatte sie sich zurückgezogen. Sie fühlt sich als Opfer von Verleumdungen. "Mein Vertrauen ist erschüttert", sagt sie. Ihre Geschäftsgrundlage auch.

Barbara Janssens’ Geschäft basierte auf Regeln. Auf strengen Regeln, das bestreitet die 70-Jährige nicht einmal – aus ihrer Sicht brauchen die Patientinnen, bei denen bislang kaum Regeln geholfen haben, einen festen Rahmen. Nur: Wie fest darf so ein stützender Rahmen sein? Wie streng dürfen Regeln sein, bis sie zur Schikane werden?

Marie erzählt, sie habe früher große Schulangst gehabt. Irgendwann sei sie einfach nicht mehr zum Unterricht gegangen, tagelang abgetaucht, ihren Eltern entglitten. Das Jugendamt habe sie schließlich in den Friesenhof geschickt.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 24 vom 11.6.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Zunächst kam Marie ins Camp Nanna, ein Aufnahmeheim am Rand des Dorfs Wrohm nahe der Nordsee – das Haus mit der Tenne. Den Alltag dort empfand sie als Ansammlung von Schikanen. Als sie einmal ihren Arm in Gips trug, weil sie ihn gebrochen hatte, hätten die Betreuerinnen sie gezwungen, trotzdem ihren Putzdienst zu versehen. Als Vegetarierin sei sie zum Fleischessen gezwungen worden. Mitten in der Nacht sei sie zum Sport geweckt worden.

Manchmal, wenn ein besonders renitentes Mädchen zur Räson gebracht werden sollte, sei "Bernd" aus der Zentrale in Büsum gerufen worden, erzählt Marie. "Er ließ uns Liegestütze und Sit-ups machen, bis uns schlecht wurde."

Marie hat das Jugendheim längst verlassen, heute ist sie in ambulanter Therapie. Aber was sie erzählt, deckt sich mit zahlreichen Beschwerden, die sich beim Landesjugendamt Schleswig-Holstein häuften – bis Beamte Anfang des Jahres die Friesenhof-Heime überprüften. Danach erließ das Jugendamt eine Verfügung. Sie enthält auf fünf Seiten Auflagen für das Personal, zum Beispiel: "Die Anfertigung von Film- und Fotoaufnahmen von Betreuten ist unzulässig." Sollten solche Regeln nicht eigentlich selbstverständlich sein? Barbara Janssen findet die Frage unfair. Sie habe damals nicht persönlich Stellung nehmen dürfen, sagt sie. Und nur weil ein bestimmtes Verhalten verboten werde, heiße das nicht, dass es vorher auch tatsächlich praktiziert worden sei.