Der 83-jährige John R. Searle, einst Rhodes-Stipendiat und Dozent in Oxford, lehrt seit 50 Jahren Philosophie in Berkeley. Seine Seminare sind beliebt wegen seiner Klarheit, seiner kämpferischen Rhetorik – und weil er einfach ein sehr guter Lehrer ist. Immer noch. In der Moffitt Library geht es zwei Stockwerke abwärts zum fensterlosen Raum 106. Studenten unterhalten sich, spielen mit ihren iPhones. John R. Searle verkabelt sich selber, ein Assistent verteilt mögliche Examensfragen für die Semesterprüfung. Studenten tröpfeln weiter rein, auch nach 9.30 Uhr, mittlerweile sind es 50. Neben mich rutscht ein tätowierter, blond gefärbter Chinese.

Searle kritzelt in Rot auf die weiße Tafel: Prisoner’s Dilemma. Ein beliebtes Thema der Spieltheorie. Entweder einer von zwei Gefangenen gesteht die Tat und der andere tut es nicht, dann ist der Geständige als Kronzeuge frei, während der andere fünf Jahre aufgebrummt kriegt. Wenn beide gestehen, bekommen beide je drei Jahre. Gesteht keiner, kassieren beide je ein Jahr Strafe. Searle spielt alle Varianten durch, mokiert sich über die Theoretiker, die mit dem Mangel an Kooperation unter Menschen rechnen und dies für rational halten. Im vorliegenden Fall hieße Rationalität dementsprechend, dass beide Gefangenen gestehen und je drei Jahre im Gefängnis sitzen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 24 vom 11.6.2015. Lesen Sie im runderneuerten Chancen-Teil außerdem ein Spezial zu den Bedingungen an deutschen Unis mit Gastbeiträgen von sieben Professoren.

"Menschen kooperieren mehr, als man annimmt. Rationalität ist mathematisch schön, das ist der Grund, warum sie menschliche Beweggründe gar nicht in Betracht zieht", sagt Searle. Eine Studentin fragt, was passiert, wenn die Gefangenen Geschwister sind oder anderweitig verwandt. Eine kleine Debatte folgt. Searle verweist auf John Rawls, der die Intuition der Menschen in Bezug zur Theorie setzte und die Idee des reflective equilibrium entwickelte. Ein bisschen David Hume, ein bisschen Max Weber. Searle erklärt, dass es einen Typ von Macht in der Gesellschaft gebe, der nicht kodifiziert, vielleicht sogar größtenteils unbewusst sei. "Ich nenne es kurz background power." Die Studenten machen handschriftlich Notizen, Laptops sind ausdrücklich nicht erwünscht. "Background ist die Ursache vieler Missverständnisse. So hat Hitler nie verstanden, warum Roosevelt Kanada nicht annektiert hat. In Amerika haben sie sich darüber kaputtgelacht."

Nach 90 Minuten und manchem Lacher rücken die Hörer aus dem fenster- und luftlosen Raum ab. Searle entkabelt sich, ein Student befragt ihn noch zur kollektiven Intentionalität. "Ich liebe meine Studenten", sagt John R. Searle und stapft über den Campus davon.

In unserer neuen Kolumne "Hörsaal", die zeitgleich in der gedruckten Ausgabe der ZEIT erscheint, schildern Autorinnen und Autoren der ZEIT Woche für Woche ihre Eindrücke von Vorlesungen an Hochschulen in Deutschland und im Ausland. Wir sind gespannt auf Ihre Diskussionen.

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