Das Sturmbrausen im Kopf, das Rieselgeräusch in den Ohren nahm zunächst kein Arzt ernst. Als man Melanie Schneiders* Hirntumor schließlich entdeckte, musste es schnell gehen. Die Operation dauerte zwei Stunden. Danach, im Klinikbett, mit Titanplatten in der Schädeldecke, setzte die Angst vor dem Einschlafen ein. "Ich habe", sagt sie, "nur noch von Blut geträumt." Sie sitzt auf einem Holzstuhl, die Hände im Schoß gefaltet, im Fenster hinter ihr stehen die Schweizer Alpen.

"Damals", sagt sie, "ging die Krankenschwester abends über die Station und fragte: 'Wer braucht noch was zum Schlafen?'" Das Medikament war herrlich, es breitete sich in Melanie Schneider aus, nahm ihr die Angst, ließ sie einschlafen.

Auch Barbara Voss hatte Angst, eine rätselhafte, die sie nicht verstand. Immer wenn ihr Mann beruflich unterwegs war, kroch die Panik in ihr hoch. "Ich weiß noch, wie ich abendelang bei anderen Leuten saß, weil ich nicht allein mit den Kindern zu Hause sein konnte", sagt sie. Sie steht im Zimmer ihres inzwischen verstorbenen Mannes. "Er war Kirchenkantor." Durch die Fenster fällt Sonnenlicht, an der Wand lehnt eine Bratsche, und im alten Holzschrank stehen vergilbte Notenhefte. Auch Barbara Voss, so schien es zunächst, wurde durch ein wunderbares Medikament von ihren Gespenstern befreit.

Menschen, die in eine Krise geraten, brauchen Hilfe. Viele suchen sie bei Ärzten. Die Frau, die sich nach ihrer Hirn-OP vor der Nacht fürchtete, bekam das Schlafmittel Stilnox. Die Frau, die Angst hatte, mit ihren Kindern allein zu sein, erhielt das Beruhigungsmittel Adumbran.

1957, ein Labor in Nutley, New Jersey: Ein Helfer räumt auf, auch zur Seite gestellte Versuchsschalen soll er wegwerfen. In einer dieser Schalen erblickt er besonders schöne Kristalle. So viel Anmut will er nicht vernichten und zeigt seinen Fund anderntags den Wissenschaftlern. Die Moleküle, die aus den schönen Kristallen entwickelt werden, sind bald sehr begehrt. Eines davon heißt: C16H13ClN2O. Das Labor gehört der Pharmafirma Roche, und das Molekül wird bald berühmt unter dem Namen Valium.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 24 vom 11.6.2015.

Valium und Adumbran haben eine sehr ähnliche Molekülstruktur, man nennt sie Benzodiazepine. Stilnox ist eine sogenannte Z-Substanz, eine Weiterentwicklung des C16H13ClN2O-Moleküls. Die Stoffe entfalten eine enorme Wirkung, auch gesellschaftlich. Jedes Jahr werden sie millionenfach verschrieben und geschluckt. Allein 2014 wurden in deutschen Apotheken 18,7 Millionen Packungen derartiger Schlaf- und Beruhigungsmittel verkauft. Das zeigt die Auswertung aktueller Daten, die Insight Health der ZEIT exklusiv zur Verfügung stellt. Das Institut sammelt regelmäßig flächendeckend Daten zur Versorgungsforschung in Deutschland.

Der Hirntumor von Melanie Schneider, 39, ist bereits seit acht Jahren entfernt. Bei ihrer Entlassung gibt man ihr die Packung mit den Stilnox-Tabletten sicherheitshalber mit nach Hause. "Es kam ein richtiges Freudengefühl auf, wenn ich sie eingenommen habe", sagt sie. Auf den Hirntumor folgt die Scheidung, Schneider bleibt allein mit Tochter Selma, damals zehn Jahre alt. Die Tochter kommt in die Pubertät, zu früh, findet die Mutter. Selma wird schwierig. Gegen den Stress nimmt Frau Schneider Stilnox.