Einige Historiker können es nicht fassen, aber das städtische Publikum hat den Skandal kaum bemerkt. Im siebzigsten Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden Beiträge zur Kapitulation des NS-Regimes in Hamburg vorgelegt, die mehr als peinlich sind. Vor 30 Jahren postulierte der damalige Erste Bürgermeister Klaus von Dohnanyi: "Es ist Zeit für die ganze Wahrheit!" Heute meinen manche offenbar wieder, die halbe tue es auch: Zurück in die fünfziger Jahre!

Jahrzehnte intensiver Forschung, Hunderte von Büchern und Aufsätzen werden schlicht ignoriert, um eine altbackene Heldengeschichtsschreibung in neuem Gewand zu kreieren. Sie trägt märchenhafte Züge und lautet sehr simpel: Es war einmal eine böse Naziherrschaft, die dem Hamburger Bürgertum und den militärisch Verantwortlichen herzlich zuwider war. Sie waren bei Kriegsende die Helden, die die Hansestadt vor dem endgültigen Untergang bewahrten. Ihnen gebührt Ruhm und Ehre.

Erstes Beispiel für diese "Geschichtsschreibung" ist der Auftakt einer Serie zum Kriegsende im Hamburger Abendblatt (18. April 2015). Das Stück kennt drei Helden, den "Kampfkommandanten" Alwin Wolz, den Gauleiter Karl Kaufmann und den Generaldirektor der Harburger Phoenix-Werke, Albert Schäfer: Schäfer verhandelte mit den britischen Offizieren über eine Feuerpause und über eine Verschonung seines Werks, das auch als Hilfslazarett diente. Wolz und Kaufmann deckten diese Verhandlungen, die den Weg zur bedingungslosen Kapitulation ebneten. Am 3. Mai konnte Hamburg deshalb kampflos übergeben werden.

Als seine Quelle nennt der Verfasser das Buch Das letzte Kapitel von Archivdirektor Kurt Detlev Möller aus dem Jahr 1947, eine Auftragsarbeit des damaligen Senats, in dem genau diese Gloriole um die Rettung der Stadt ausgebreitet worden war. Was nicht mitgeteilt wird: Dieses Buch führte zum ersten Aufarbeitungsskandal in der Stadt. Abgeordnete aller Fraktionen der Bürgerschaft waren empört über die Dreistigkeit, mit der Granden und Günstlinge des NS-Regimes als Retter der Stadt präsentiert wurden.

Die wichtigste Botschaft des Buches lautete, dass Hamburg durch eine Reihe heldenhafter Retter vor dem Schlimmsten bewahrt worden sei, indem diese Helden der Stadt einen sinnlosen Endkampf ersparten. Das alles wird jetzt wieder aufgetischt.

War aber nicht mit den Bombenangriffen des Sommers 1943, als die Hälfte der Stadt in Trümmer gelegt und 37.000 Menschen getötet wurden, "das Schlimmste" bereits passiert? Lag es nicht im ureigensten egoistischen Interesse der lokalen Führung, zu kapitulieren? Immerhin lebten die "Retter" alle noch Jahrzehnte als angesehene Bürger der Bundesrepublik. Der entscheidende Punkt aber ist, dass nicht gefragt wird, was sie denn in den zwölf braunen Jahren gemacht haben. So war Kaufmann persönlich für die Verfolgung und den Tod von Regimegegnern verantwortlich und in das Holocaust-Verbrechen durch eigene Initiativen verstrickt. Noch vor den ersten Deportationen aus Hamburg war er 1941 "nach einem schweren Luftangriff an den Führer herangetreten mit der Bitte, die Juden evakuieren zu lassen", um ihre Wohnungen Bombengeschädigten zur Verfügung stellen zu können.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 24 vom 11.6.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Das zweite Beispiel im Gedenkjahr 2015 ist das Buch Hanseaten unter dem Hakenkreuz, eine Auftragsarbeit der Handelskammer, die aus Anlass ihres 350. Jubiläums löblicherweise ihre eigene Geschichte im "Dritten Reich" zu thematisieren wünschte. Doch während es heute zum Standard gehört, dass Ministerien, Behörden und Unternehmen für die Aufarbeitung wissenschaftliche Institute oder unabhängige Historikerkommissionen bestellen, beauftragte die Handelskammer einen Einzelautor, den langjährigen Welt-Journalisten Uwe Bahnsen. Er hatte bereits 1995 zum 50. Jahrestag des Kriegsendes eine Ausstellung Hamburg 1945 in der Handelskammer realisiert.

Das Buch kann hier nicht rezensiert werden. Unzweifelhaft ist nur, dass es, vorsichtig formuliert, nicht in allen Teilen dem aktuellen Forschungsstand entspricht und nur wenige Quellen präsentiert. Es skizziert zwar den Verbrechenskomplex der "Arisierung" auf Basis von Frank Bajohrs Standardwerk, aber insgesamt dominiert eine sehr günstige Bewertung des Verhaltens der Hamburger Wirtschaftselite.

Das eigentliche Ärgernis ist das Vorwort der Handelskammer. Dort heißt es, sie, in jener Zeit Gauwirtschaftskammer, sei "weithin gegen ihren Willen vom NS-Regime in die Rolle eines Vollzugsorgans staatlicher Anordnungen gedrängt worden". Zwar "musste" sie sich 1933 von einem jüdischen Mitarbeiter trennen, doch finanzierte sie ihm "noch 1941" die Reisekosten in die USA; auch die Handelskammer sei so "in einer dunklen Zeit den Geboten der Menschlichkeit" gefolgt. In der Einleitung des Autors wird eingeräumt, dass die Geschichte der Handelskammer in jenen Jahren "bedrückende Beispiele fehlender Zivilcourage" kenne, "aber genauso" gebe es "erhebende Beispiele für Mut und Verantwortungsbewusstsein in schweren Tagen und Stunden". Einleitung und Vorwort wären ein Leckerbissen für Linguisten. Mit dem "aber genauso" wird die wohltätige Unwahrheit einer Ausgeglichenheit von Licht und Dunkel erzeugt, die mit der Kumpanei von NS-Regime und privater Wirtschaft nichts zu tun hat. Sollte die Führung der Handelskammer meinen, mit diesem Buch eine seriöse Aufarbeitung der eigenen Geschichte umgehen zu können, dürfte sie sich auf längere Sicht – hoffentlich – getäuscht haben.