Mein persönlicher Tiefpunkt kommt am späten Vormittag: Um auszunüchtern, mache ich ein paar Brustzüge in der noch maikühlen Adria. Leicht säuerlich schaukeln in meinem fast leeren Magen fünf Espressi und die vielen Aperitivi, die ich die Strandpromenade entlang von Stand zu Stand schnorrend in mich hineingetrunken habe. Eine Woge Meerwasser schwappt über meinen Kopf. Hunger, denke ich. Ich habe Hunger – die kleinen Obststückchen im Sangria, die immer so doof am Plastikbecherboden kleben, machen selbst in großen Mengen nicht wirklich satt.

Freitag in Riccione, ein paar Kilometer südlich von Rimini. Der Badeort feiert den Saisonbeginn in diesem Jahr mit einem radikalen Slogan: tutto gratis per un giorno. Pizza und Gelato, Spritz und Sangria, Taxifahrten und 1.034 Hotelbetten – einen Tag lang alles kostenlos am neu aus der Taufe gehobenen "Riccione Day".

Ein "großes Fest der Gastfreundschaft" also, wie es der Tourismusverband nennt? Oder doch eher der verzweifelte Marketing-Gag einer Urlaubsregion, deren Geschäfte unter der Konkurrenz aus Kroatien und der Türkei, der Krise in Italien und der Abwertung des Rubels zu leiden haben? Worauf hat Riccione sich da eingelassen? Wie viele Schnorrer verträgt ein Badeort mit 35.000 Einwohnern und sechs Kilometern Strand?

Schnorren ist keine Frage des Geldes, Schnorren ist Lifestyle. Ein unangenehmer, mit dem ich eigentlich abgeschlossen hatte. Ich ordere nicht mehr die Einladung zur Aktionärsversammlung, nur um an dem Tag kostenlos den öffentlichen Nahverkehr nutzen zu können. Ich mache meine Kinder nicht mehr jünger, als sie sind, um billiger in den Tierpark zu kommen. Und ich eröffne kein Bankkonto mehr, nur um es wenig später, am Zustellungstag der Werbeprämie, wieder aufzulösen. Schnorren – das ist Klauen für Schisser, sagte ich mir irgendwann und hörte damit auf.

Doch jetzt bin ich zurück. Ich, der Prämiengott, für einen Tag zumindest.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 24 vom 11.6.2015.

Halb neun Uhr morgens, außer mir ist noch fast niemand auf der Straße. In der Hand halte ich einen Stadtplan, in dem die 85 Gratis-Spots des Riccione Day eingetragen sind: Vegane Pizza gibt es und Lollipops, eine Barbier-Rasur, eine Schminkberatung und überall Aperitivi. Ich laufe die menschenleere Promenade entlang, links die Reihen der Hotels, rechts der Strand – meinem ersten Gratis-Espresso entgegen. Wie Schopftintlinge stehen die eingeklappten Sonnenschirme im Sand, daneben Batterien von akkurat ausgerichteten Sonnenliegen. Alle paar Hundert Meter wechseln Schirm- und Liegenfarbe.

An den Türgriff der Bar Luna sind orangefarbene Schleifen gewunden. Orange ist die Farbe des Riccione Day. Orange bedeutet, dass es etwas kostenlos gibt. "Darf es sonst noch was sein?", fragt der Barista. Ich studiere meinen Lageplan: "Bar Luna – einen Espresso für jeden", steht da. Die Hörnchen und Teilchen in der Barvitrine gehören nicht zum Gratisangebot. Ich schüttele den Kopf.

Die Idee zum Riccione Day hatte Stefano Giuliodori vom Tourismusverband der Stadt, den ich zwei Espressi später treffe. "Verrückt", nennt er den Einfall, aber an seinem Lächeln erkenne ich, dass er "genial" damit meint. Er hat alle Geschäftsleute von Riccione aufgefordert, irgendetwas zu geben. Einzige Bedingung: Es sollte ein echtes Geschenk sein, nicht nur ein Rabatt. Ein Drittel der rund 350 Hoteliers hat jeweils einige Zimmer spendiert, von den Ladenbesitzern nehmen mehr als hundert an der Aktion teil. Tutto gratis? Giuliodori schüttelt den Kopf. "Die Medien haben sich zu sehr auf diesen Slogan gestürzt. Ganz so war das nicht gemeint." Es gehe um Gastfreundschaft, um weit ausgebreitete Arme – nicht um Schnäppchen und Schnorren und alles kostenlos.