Es sind Fragen, die nachdenklich machen: Wie nervös werden Sie, wenn Ihre Geldanlage an Wert verliert? Mit welcher Rendite fühlen Sie sich wohl? Wie finanzieren Sie größere Ausgaben? Für wie lange wollen Sie Ihr Geld anlegen? Können Sie ruhig schlafen, wenn Sie größere Risiken eingehen? Spüren Sie Nervenkitzel, wenn Sie Aktien kaufen?

Anlageberater müssen so etwas fragen, bevor sie die erste Empfehlung aussprechen. Das Wertpapierhandelsgesetz schreibt ihnen vor, dass sie sich ein Bild von den Erfahrungen und Kenntnissen ihrer Kunden machen – also deren Risikoprofil abklären. Das soll verhindern, dass sie ihren Kunden zu den falschen Produkten raten: Wer konservativ sparen will, wird mit chinesischen Telekommunikationsaktien nicht glücklich; wer spekulieren will, der sollte sein Geld nicht auf einem Tagesgeldkonto sparen.

So die Theorie. Doch die eigene Risikobereitschaft zu ergründen ist schwer. Sie ist Intuition pur, teils genetisch vorbestimmt und teils in jungen Jahren erlernt, ein Teil unserer Persönlichkeit. Und in der Regel verändert sie sich während des weiteren Lebens nur marginal: Ebenso wenig wie aus einem introvertierten Menschen ein Party-Löwe wird, verwandelt sich ein scheuer Sparer allzu oft in einen tapferen Trader.

Deshalb sind die Anleger heute auch nicht weniger risikobereit als vor der Finanzkrise – trotz der großen Unsicherheit. Und deshalb waren die Anleger Ende der 1990er Jahre auch nicht mutiger, als sie ihr Geld in Aktien windiger Internetfirmen steckten: Sie hielten das einfach für eine sichere Sache. Erst die Krise und der Crash der New Economy machten ihnen deutlich, was sie aufs Spiel gesetzt hatten. Die Wahrnehmung der Risiken hatte sich also verändert – nicht aber die Bereitschaft, sie einzugehen und auszuhalten.

"Unsere Risikobereitschaft ist praktisch die psychologische Komfortzone, in der wir Verlustphasen angstfrei durchstehen. Nur innerhalb dieser Zone klappt es mit der langfristigen Anlagestrategie", sagt die Finanzpsychologin Monika Müller. Sie hilft mit ihrer Firma Vermögensberatern, die ihre Kunden besser verstehen möchten. Und sie coacht Menschen, die ihre Vermögensanlage neu ausrichten möchten und erst mal Klarheit brauchen, bevor sie sich auf Gespräche mit Anlageberatern einlassen. "Was soll eine Witwe ihrem Anlageberater sagen, wenn ihr verstorbener Ehemann bisher die Vermögensanlage organisiert hat, sie sich aber mit all den Aktien nicht wohlfühlt"?, fragt Müller. Erst einmal müsse die Frau sich selbst kennenlernen.

Aber auch wer die Risiken kennt und wer sich kennt, ist noch nicht am Ziel. Man sollte auch seine sogenannte Risikokapazität vermessen. Gemeint ist, wie viel Verlust wir finanziell aushalten können. Wer ein festes Einkommen hat und Single ist, kann 100.000 Euro Erspartes eben eher in riskante Anlagen investieren als jemand mit unsicheren Jobaussichten, der eine Familie ernähren muss – ganz gleich, wie gerne er etwas riskiert.

Wie bereit sind wir für Risiken, und was lässt unsere Situation zu? Erst wenn wir beides wissen, können wir unser Geld so anlegen, dass wir Verluste entspannt ertragen und panische Fehlentscheidungen vermeiden. Deshalb die Fragebögen. Bei den Antworten sollten Anleger nicht versuchen, die Erwartungen ihrer Berater zu erfüllen. Wer die Antworten manipuliert, verzerrt das Ergebnis und könnte sich den Test auch sparen. Denn mit unseren Antworten rutschen wir in eine von fünf Risikokategorien: von "sicherheitsorientiert" bis "sehr spekulativ". Jede dieser Klassen ist ein Korsett, dem ein passender Anlagevorschlag übergestülpt wird.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 24 vom 11.6.2015.

Wem die kurzen Fragebögen der Berater daher nicht reichen und die Kategorien zu diffus sind, der kann seine Risikobereitschaft intensiver durchleuchten lassen – mithilfe von psychometrischen Tests. Allerdings bieten nur wenige unabhängige Finanzberater, Banken und Vermögensverwalter solche wissenschaftlich fundierten Tests an.

Gefragt wird da zum Beispiel, wie jemand ganz generell Entscheidungen trifft: Wie fühle ich mich dabei? Fühle ich mich vor oder nach einer Entscheidung besser? Zögere ich unangenehme Arbeit hinaus, oder gehe ich sie zügig an? Ist mir Arbeitsplatzsicherheit wichtiger als ein besseres Gehalt? Wie leicht stelle ich mich auf neue Situationen ein?

Manche Tests fordern die Probanden sogar zu kleinen Spielen am Computer auf, um zu testen, wie weit sie Risiken ausreizen, damit sie einen bestimmten Gewinn ergattern. "Mit den Tests soll das unterbewusste Risikoverhalten des Menschen erfasst werden, um dann eine besser strukturierte, objektiv fundierte Entscheidung über Chance und Risiko treffen zu können", sagt Terry Thomson. Er führt Oxford Risk Research & Analysis, einen Ableger der Oxford-Universität, der psychometrische Tests entwickelt. Zum Beispiel für den Gesundheitssektor: Ärzte sollen die Risikobereitschaft von Patienten vor komplexen Operationen einschätzen können. Erst das brachte auch Banken auf den Plan – schließlich haften sie, wenn sie etwas empfehlen, was die Risikobereitschaft des Kunden überfordert.

Zu den Anbietern gehört das australische Unternehmen FinaMetrica. Wer bereit ist, mindestens 60 Euro zu investieren, kann dessen Verfahren online ausprobieren. Die Nutzer sollen dort zum Beispiel entscheiden, ob sie das Risiko einer Hausrenovierung eingehen würden, obwohl nebenan eine Schnellstraße gebaut wird – oder die Immobilien lieber rasch verkaufen würden.