Sieben Wissenschaftler klagen an: Wir lehren vergeblich, wir verkaufen unsere Seele

Barbara Zehnpfennig: Nur was sich zählen lässt, hat Wert

Die Universität sieht sich heute zunehmend unter Wettbewerbsdruck – unter dem Druck eines internationalen Wettbewerbs. Sie muss sich immer stärker nach außen profilieren und "zeigen". Daraus entsteht das, was ich den "Terror des Sichtbaren" nennen möchte.

Die immer wieder geforderte "Sichtbarkeit" besteht etwa darin, dass man als Professor viele internationale Kontakte hat, nur noch in Netzwerken forscht, interdisziplinär arbeitet und viele Drittmittel einwirbt. Das sind Dinge, die man nach außen präsentieren kann, weil sie quantifizierbar sind. Man kann zählen, wie viele Auslandskontakte man hat, wie viele Kollegen aus verschiedenen Fächern an einem Projekt arbeiten, wie viel Geld man dafür bekommt.

Aber die internationale und interdisziplinäre Vernetzung, die gegenwärtig als allein seligmachende Art des wissenschaftlichen Arbeitens gehandelt wird, ist nicht in jedem Fall sinnvoll. Warum soll ich als Platonforscher mit Ethnologen, Naturwissenschaftlern und Informatikern zusammenarbeiten? Was hilft es mir, ständig Tagungen mit brasilianischen, amerikanischen und chinesischen Kollegen zu veranstalten, wenn ich einfach nur einen Text verstehen will? Die fremdsprachige Literatur ist mir auch so zugänglich, und wenn im Text ein naturwissenschaftliches Problem auftaucht, kann ich den zuständigen Kollegen immer noch ansprechen. Zusätzliches Geld brauche ich so ebenfalls nicht, denn der Gang in die Bibliothek und das Schreiben einer E-Mail sind völlig kostenfrei zu haben.

Allerdings: Das Ganze ist nicht sichtbar. Insofern findet hier – folgt man der herrschenden Logik – auch keine Forschung statt. Genau dies ist eine der problematischen Folgen jenes Drucks, Sichtbares zu produzieren: das Nichtsichtbare gerät in Rechtfertigungsnot. Nun ist aber das, was zumindest nach meinem Verständnis das Entscheidende der Universität war und ist, gerade nicht sichtbar: der Geist.

Welchen Rang hat das Geistige eigentlich noch in einem Umfeld, das von unentwegter äußerer Aktivität gekennzeichnet ist? Denn natürlich sind internationale und interdisziplinäre Vernetzung mit reger Reisetätigkeit, der Veranstaltung zahlreicher Konferenzen und dem Schreiben von Anträgen verbunden. Kommt bei dieser ganzen Umtriebigkeit eigentlich so viel heraus, wie man sich davon erhofft? Das zu beurteilen setzte allerdings wieder einen qualitativen Maßstab voraus, den zu verwenden man sich in einer Zeit, in der primär die Quantität zählt, scheut.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 24 vom 11.6.2015.

Das ist kein generelles Plädoyer gegen Vernetzung. Es ist eine Kritik an der Veräußerlichung des Umgangs mit Wissenschaft, die sich einstellt, wenn Breite statt Tiefe, Aktivismus statt Reflexion, Kollektivgeist statt Einzelverantwortung Einzug halten. Gute Forschung, gute Lehre sind immer auf die einzelne Forscherpersönlichkeit angewiesen. Diese muss erst einmal die Ruhe und die konzentrierte Arbeitsatmosphäre haben, um für sich einen wissenschaftlichen Stand zu gewinnen. Das kann die Kooperation mit anderen natürlich einschließen, aber nur in der Form, über die jeder selbst entscheiden muss, und nicht als allein verbindliche Maxime.

Eine forcierte Vernetzung um der Sichtbarkeit willen führt hingegen sachlich oft nicht weiter, zumal dann nicht, wenn die Grenzen zwischen den Disziplinen unüberwindbar sind. So hat der Dialog zwischen Hirnforschung und Philosophie, den man vor Jahren zur Frage der Willensfreiheit geführt hat, nur gezeigt, dass man zu keiner gemeinsamen Sprache findet. Jeder blieb bei seinen Prämissen (der Mensch ist neuronal bestimmt versus der Mensch entscheidet selbst über sein Tun). Das ist natürlich auch ein Ergebnis, aber wohl nicht das erwartete.

Wenn ein Bewerber für einen geistesgeschichtlichen Lehrstuhl, wie geschehen, mit dem Argument abgelehnt wird, er sei ein "Gelehrter", läuft etwas entschieden falsch. Doch wenn der Gelehrte an der Uni den Wissenschaftsmanagern, den Drittmittelfürsten, den Jetset-Professoren zu weichen hat, dann ist das nicht mehr der Ort, an dem ich arbeiten möchte. Noch ist das nur eine Gefahr. Aber Gefahren begegnet man am besten, indem man sie rechtzeitig benennt.

Barbara Zehnpfennig lehrt Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Passau