Mein letztes persönliches Treffen mit Wolfgang Herrndorf liegt schon etwas zurück. Es war im Juni des Jahres 2007, eine gemeinsame Freundin hatte eine Sprachschule am Rosenthaler Platz eröffnet, direkt über dem St. Oberholz, dem Abenteuerspielplatz des digitalen Prekariats. Die Einweihungsfeier tobte, ich ging zum Rauchen auf den kleinen Balkon. Da saß Herrndorf allein mit einer Flasche Bier und beobachtete die kleine Nachtdemo, die sich gerade unten auf der Straße formierte.

Wir sahen uns nicht oft, waren aber schon ziemlich lange ziemlich lose befreundet und machten uns zur Begrüßung ziemlich höfliche, nur leicht verlogene Komplimente für unsere letzten Bücher. Bald fragte ich Herrndorf, ob er denn eigentlich noch male oder zeichne. Er schüttelte den kahlen Kopf. Meine Phrase, dass dies bei seinem ungeheuren Können ja geradezu ein Vergehen an der Kunst sei, quittierte er gekonnt mit "Feuilletonistenscheiße", dann schlitterten wir zügig in die uralte ut pictura poesis-Diskussion über Kompetenzen und Grenzen von Malerei und Dichtung: was die eine könne und die andere nicht, welche Kunstform wo unmittelbarer und stärker wirke, warum man nicht beides gleichzeitig betreiben könne oder solle.

Jedes Mal, wenn ich für die Malerei punkten konnte, glich er mit der Schreiberei aus und ging dann deutlich in Führung. Außerdem, sagte er, als sich die Polizei da unten wieder aus dem Geschehen entfernte und die Demonstranten enttäuscht zurückließ, sei die Malerei eine ziemlich "dumme" Kunst. Habe man ein Bild einmal komponiert und angelegt, zähle nur noch das Handwerk. Reflexion und Logik seien dann nicht mehr groß gefragt, Schraffuren oder Lasuren könne man auch bekifft oder angesoffen hinlegen, das Hirn habe da weitgehend Sendepause. "Und", so schloss der Kahle, "was mich interessiert, kann ich eh nicht malen."

Was das genau sei, das könne er schlecht sagen, es gehe ihm "irgendwie um das Große", vielleicht sogar um "das große Gefühl". Malerei habe er studiert, weil er etwas ganz Bestimmtes habe schaffen wollen, Welten, Kosmen, Systeme – und weil ihm Bilder verehrter Maler etwas zu geben vermocht hätten, was ihm die Literatur nicht bot. Ironischerweise konnte er an den Akademien nicht das erlernen, was ihn interessierte – altmeisterliche Techniken der Bildgestaltung, Lichtführung, Lasurauftrag –, sodass er es mühsam alleine an den alten Meistern studieren musste. Seine Lehrer hießen Holbein und Dürer, van Eyck und Vermeer.

Gegen Humor im Bild habe er prinzipiell nie was gehabt, im Gegenteil, neben seiner möglicherweise ernsthaft zu nennenden Malerei habe er ja auch immer die komische betrieben, sich an Zeichnungen, Cartoons und Comics versucht. An Pointen sei er aber immer wieder gescheitert. "Witze zu machen, fand ich irgendwann doof", sagte er, erhob sich und überließ mir den Balkon. "Von einer gewissen Komik hätte ich gern mehr gehabt", warf er noch hinterher, "und mehr von dem Großen sowieso." Als er das sagte, wussten wir beide noch nicht, was er Jahre später ohne Feder und Pinsel an Großem schaffen würde – Tschick und Sand waren da noch dümpelnde Projekte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 24 vom 11.6.2015.

Dass er erst wieder anfing zu malen, als er schon todkrank war, ist wohl eine der vielen Ironien in Herrndorfs an bitteren Ironien nicht gerade armem Leben. Am 23. März 2010 notiert er in seinem Blog Arbeit und Struktur: "Eine Stunde warten auf die zweite Bestrahlung. Zeichne einen Mitwartenden mit Kugelschreiber in mein Notizbuch. Erstes Porträt seit, ich glaube, Tina, seit fünfzehn Jahren. Nicht gut, ich habe den abstrakten Zugang zu den Linien und Winkeln nicht mehr, aber daß ich überhaupt wieder Freude am Zeichnen habe: eine der vielen Merkwürdigkeiten der letzten Wochen."

Als er ein Jahr später mitteilte, er habe Materialien seines Lebens – "31 Jahre Briefe, 28 Jahre Tagebücher" – in der Badewanne eingeweicht, und am nächsten Tag ein Belegfoto veröffentlichte, war ich schockiert. Ich weiß noch, dass ich darüber nachgrübelte, ob wohl auch die Sachen beschädigt oder zerstört waren, die ich noch kannte: Bilder, die früher mal in der Titanic erschienen waren. Seine ersten gedruckten Arbeiten.