Ein kleines, feines Jubiläum ist in diesen Wochen nahezu unbemerkt vorbeigezogen. 15 Jahre ist es nun her, dass Angela Merkel Bundesvorsitzende der CDU Deutschlands wurde. Eine sehr lange Zeit, eine Ära geradezu – die umso erstaunlicher anmutet, wenn man bedenkt, wie die Geschichte zwischen Merkel und ihrer Partei einst begann.

"Ich geh in die Politik", sagte Merkel Anfang 1990, als sie sich von ihren engsten Kolleginnen am Institut für Physikalische Chemie in Berlin-Adlershof verabschiedete. "Die Politik fasziniert mich." Wohin genau sie gehen wollte, stand da noch nicht fest. Fest stand zu dieser Zeit für Merkel nur eines – und dieser Satz ist verbürgt: "Mit der CDU will ich nichts zu tun haben."

Über die Gründe dafür lässt sich nur spekulieren.

Die Ablehnung kann an der Ost-CDU gelegen haben, die als Blockpartei verrufen war und deren Führungsfiguren als Marionetten der SED agiert hatten. Verständlich, dass sich die Partei für Leute, die im Wendeherbst einen politischen Neubeginn anstrebten, wenig eignete.

Die Abneigung kann aber auch direkt mit Helmut Kohls West-CDU zu tun haben. Diesen Gedanken entnehme ich Gesprächen mit Bärbel Bohley, der Mitbegründerin des Neuen Forums. "Wir Bürgerrechtler waren in gewisser Weise blöd", sagte Bohley. "1989 hätten wir durchaus die Möglichkeit gehabt, selbst nach Bonn zu fahren und das nicht Günther Krause, dem Chefverhandler des Einigungsvertrags, oder Innenminister Peter-Michael Diestel zu überlassen. Da waren uns unsere eigenen Scheuklappen im Weg. Aber" – und das könnte durchaus auch bei Angela Merkel so gewesen sein – "wir wollten ja mit der CDU nichts zu tun haben. Die Indoktrination in der DDR hatte schon so gegriffen, dass wir das selbst gar nicht bemerkt haben."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Nr. 25 vom 18.6.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Hinzu kommt: Wenn sich DDR-Bürger im Herbst 1989 vorstellten, wie eine gerechtere Welt aussehen könnte, dachten viele nicht gerade an die CDU; eher an alternative und grüne Kreise. Viele hegten Vorurteile gegenüber dem westdeutschen Kapitalismus, den sie nicht mit sozialer Marktwirtschaft verbanden, eher mit dem Gefühl, dass auch dort vieles nicht in Ordnung sei – ein Gefühl freilich, das sich bei den meisten schnell relativierte, als sie den Westen kennenlernten.

Lothar de Maizière (CDU), der letzte DDR-Ministerpräsident, meinte einmal, Merkel sei nur zufällig in die CDU geraten, eigentlich passe sie gar nicht dahin. "Für mich ist es erstaunlich, dass die Angela eine Konservative ist – vielleicht auch in Abgrenzung zum Vater, der eine sehr starke Persönlichkeit und immer sehr links war."

Der DDR-Bürgerrechtlerin und CDU-Politikerin Vera Lengsfeld erzählte Merkel einmal, sie habe sich nach dem Mauerfall aufgemacht, um zu schauen, welcher der neu gegründeten Parteien sie sich anschließen könnte. Merkel habe ihr anvertraut, sie habe nicht direkt beim Demokratischen Aufbruch (DA) begonnen, sondern zunächst einen Umweg über die Sozialdemokraten gemacht. Einen ganz kurzen.

Merkel war also zunächst bei der DDR-SPD vorstellig. Aber da habe ihr die Referentin nicht gefallen, zudem sei ihr dort alles zu chaotisch gewesen. Auch das Genossen-Duzen habe ihr widerstrebt. Interessantes Gedankenspiel, sich vorzustellen, was aus Angela Merkel und aus der SPD geworden wäre, wenn sie geblieben wäre.

In Wirklichkeit schloss sich Merkel dem Demokratischen Aufbruch an. Und ihre ablehnende Meinung gegenüber der CDU korrigierte sie bald. Andreas Apelt, Berliner Landeschef des DA, erinnert sich, dass er und seine Pressesprecherin Merkel Anfang 1990 dieselbe Linie verfolgten, nämlich schnellstmöglich die Vereinigung mit der Westberliner CDU anzustreben. Diese Linie verfolgten parteiintern nicht alle. Sogar nach der Volkskammerwahl im März 1990 (mit nur 0,9 Prozent Stimmen für den DA) wollten manche selbstständig weitermachen, gleichsam als Widerstandskämpfer. "Aber Merkel und ich waren überzeugt, dass wir nicht allein weitermachen können, sondern uns mit den Partnern arrangieren müssen", sagt Apelt. "Wir hatten ja nach dem Wahldebakel kein Geld, keine Mitarbeiter und keine Zukunft."

Kann es sein, dass Angela Merkel, die heute wie kein anderer aktiver Politiker für die CDU steht, dieser Partei nie formgerecht beigetreten ist? Alles spricht dafür, dass Merkel sozusagen beigetreten wurde. Schon ihr Beitritt zum DA erfolgte nicht durch Ausfüllen eines Formulars, sondern lediglich auf Zuruf in einer Versammlung, in der einfach alle Anwesenden in die Mitgliederliste eingetragen wurden. Als dann der DA in der "Allianz für Deutschland" aufging und diese anschließend von der CDU absorbiert wurde, rutschte Merkels formlose Mitgliedschaft automatisch mit. Infolge der Fusion wurde ihr irgendwann ein CDU-Parteibuch ausgestellt und ausgehändigt.

Ihrem Biografen Gerd Langguth sagte Merkel, in der Mitgliederdatei der gesamtdeutschen CDU werde sie seit dem Fusionsparteitag am 1./2. Oktober 1990 geführt. Langguth bezweifelte einen solchen rechtlichen Automatismus und hielt ihr den Eintrag im Handbuch des Deutschen Bundestages entgegen, wonach sie erst im Dezember 1990 in die CDU eingetreten sei. "Rechtlich kann ich das nicht bewerten", antwortete ihm Merkel. "Ich sage nur, wie es war."