Zu den seltsamsten Gedanken, mit denen Theologen und Philosophen die aufgeklärte Vernunft herausfordern, gehört die Vorstellung, alle Menschen seien untereinander verschuldet. Wenn das stimmt, wenn wir immer schon in der Schuld des anderen stehen: Müsste es uns dann nicht leichterfallen, anderen zu verzeihen?

Beyond Punishment heißt der Film, in dem der Regisseur Hubertus Siegert versucht, die Angehörigen von Gewaltopfern mit Tätern ins Gespräch zu bringen. In Berlin trifft er den bewundernswerten Patrick von Braunmühl, dessen Vater von RAF-Terroristen erschossen wurde und der mit den Brüdern seines Vaters den Kontakt zu den (bis heute unbekannten) Mördern gesucht hat. Siegert arrangiert ein Treffen zwischen Patrick von Braunmühl und dem Polizistenmörder Manfred Grashof, einem "Gründungsmitglied" der RAF, der nach zwanzig Jahren Haft begnadigt wurde. "Das Abballern von irgendwelchen Leuten", behauptet der, sei "ursprünglich nicht vorgesehen gewesen", und in seinen Stummelsätzen dröhnt noch der Zombie-Sound der Revoluzzer. Müde und tonlos erzählt er, wie seine Freundin an einer Polizeisperre durch einen Kopfschuss getötet wurde. Einmal habe er sich mit der Witwe seines Opfers treffen wollen, doch dazu sei es leider nicht gekommen.

In Norwegen lebt Stiva, der seine 16-jährige Freundin Ingrid erschossen hat, nachdem sie ihm ausgemalt hatte, was sie im Bett mit seinem Nebenbuhler anstellen werde. Siegert versucht, den damals minderjährigen Mörder mit Ingrids Vater zusammenzubringen, aber Eric ist ein Stein aus Trauer und Verlust. Für ihn ist es unerträglich, dass der Täter bald wieder in seiner Nähe wohnen wird. Stiva, der junge Mann mit dem stechenden Blick, versteht Eric; seine Sätze sind von schneidender Klarheit. Wie soll ihm der Vater verzeihen, wenn er sich nicht einmal selbst verzeiht?

In der New Yorker Bronx trifft Siegert auf die Afroamerikanerin Leola, deren Sohn Darryll bei einem Streit von dem jungen Einwanderer Sean erschossen wurde. Ihre Tochter Lisa war damals neun Jahre alt. Siegert versucht, mittels Videobotschaften einen Kontakt zwischen den Angehörigen und dem Täter herzustellen, aber er scheitert. Wie solle man mit jemandem reden, der nicht einmal seine Tat gesteht? Sean, der verurteilte Mörder, sitzt in Wisconsin in einem Hochsicherheitsgefängnis, fünfzig Häftlinge teilen sich einen Schlafraum, nach ihrer Käfighaltung werden die meisten von ihnen dieses Gebäude nur im Sarg wieder verlassen. Lisa weiß, dass der Mörder ein Produkt der verrohten US-Klassengesellschaft ist. Ein Mörder bleibt er trotzdem.

Beyond Punishment verbreitet eine einfache Wahrheit, und sie lautet: Angehörige dürfen nicht vergeben, nur die Opfer könnten es, doch sie sind tot. Für diese Wahrheit hat keiner so ein Gespür wie Lisa. In einer der erschütterndsten Szenen schildert sie, wie sie hin- und hergerissen ist zwischen Hass und Vergebung. Der Hass ist ihr Dämon, er hetzt und würgt sie, und wenn Lisa dem Mörder ihres Bruders vergeben würde, dann hätte ihre Seele endlich Ruh. Nein, fällt sich diese großartige junge Frau selbst ins Wort, das wäre ein Tauschhandel, eine billige Ökonomie des Verzeihens, mit der sie ihren Bruder verraten würde.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 18.6.2015.

Philosophen fragen oft nach der Möglichkeit des Verzeihens, zuletzt Klaus-Michael Kodalle (Verzeihung denken, Fink Verlag). Beyond Punishment bewegt sich auf Augenhöhe dieser Fragen, doch mit sanfter Unerbittlichkeit zerstört der Film jede Hoffnung auf ein Verzeihen des Unverzeihlichen. Der Tod eines Angehörigen ist das Niewiedergutzumachende, jemand fehlt, und er fehlt für immer. Auf Erden gibt es keine rettende Gerechtigkeit, es gibt allein das Sprechen über das Unerträgliche, das Wortesuchen und Wortefinden. Die Toten sind tot, und sie bleiben es.