Cannabis sativa © Pablo Porciuncula/AFP/Getty Images

Als die Polizei das erste Mal zu Alex Kristen ins Geschäft kam, hatte er damit gerechnet. Als die Polizei das zweite Mal kam, war er gut vorbereitet. Als die Polizei das dritte Mal kam, nahm sie eine seiner Pflanzen mit. Monatelang wusste er nicht, ob er weitermachen kann. Er durfte.

Kristen ist ein Geschäftsmann, und doch hat er mehr Geschichten über Stress mit den Behörden auf Lager als mancher Kleinkrimineller. Er klingt kein bisschen verbittert, wenn er sie erzählt, nur genervt vielleicht. "Es strengt an, wenn man ständig seine Rechtsauffassung durchkämpfen muss." Der 44-Jährige wirkt nicht wie einer, der einen Kampf scheut. Seinen 1,91 Metern sieht man den ehemaligen Leistungssportler an. Und er wusste ja, warum die Polizei kommen würde – aus demselben Grund wie seine Kunden: Er verkauft Cannabispflanzen. Nicht unter der Ladentheke. Ganz offiziell, Tausende in der Woche. Vier Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet Kristens Firma Flowery Field. So absurd es klingt: Man kann in Österreich kein Marihuana konsumieren, ohne eine Straftat zu begehen, aber mit den Pflanzen ein Riesengeschäft machen. Nur den Ruch des Kriminellen, das musste Kristen erfahren, wird man schwer los.

An der Eingangstür seines Ladens in der Schottenfeldgasse mitten im Wiener Bobo-Revier des 7. Bezirks prangt ein offizieller Aufkleber: "Blumenbüro Österreich – Qualifizierter Fachbetrieb". Kristen muss schmunzeln. "Irgendwie mussten die uns einsortieren, also sind wir Floristen." In der Tat kann man bei Flowery Field auch Lavendel und Bergpalmen kaufen, die Kunden nehmen aber vor allem Hanfstecklinge mit, junge Zweige einer Cannabispflanze. In diesem Zustand taugen sie noch nicht für einen Rausch. Der Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) entfaltet sich erst in den Blüten. Wer aus Kristens Pflanzen Cannabis gewinnen will, muss sie erst zum Blühen bringen – und macht sich damit strafbar.

Es liegt nahe, dass Kristen weiß, was seine Kunden mit den Pflanzen machen. Sagen darf er es nicht, dafür ist die rechtliche Lage zu vertrackt. "Wenn man zehn Jahre lang mit einem Bein im Gefängnis stand, wird man vorsichtig", sagt er. In diesen Momenten wird aus dem eloquenten Kristen ein Wortklauber. Also, die Leute werden die Pflanzen wohl kaum kaufen, um das Raumklima im Wohnzimmer zu verbessern? "Ich halte das ernstlich für möglich", sagt Kristen. "Aber ich finde mich nicht damit ab." Er zitiert, genau so steht es in einem Beschluss des Oberlandesgerichtes Wien aus dem Dezember 2014, mit dem zehn Jahre Rechtsunsicherheit ihr Ende fanden. Im Rahmen dieses Beschlusses ist Kristens Handel völlig legal. Es reicht ein Zettel am Kassentresen mit dem Hinweis, dass nur Zierpflanzen verkauft werden. Beratung "zu anderen Zwecken" können die Verkäufer nicht geben. Damit ist Kristen aus dem Schneider.

In seiner Hanffarm in Brunn am Gebirge, südlich von Wien, brennt 18 Stunden am Tag das Licht. So werden die Cannabispflanzen am Blühen gehindert. Flowery Field hat vier Lagerhallen angemietet, jede groß und hoch genug, um darin eine Partie Volleyball spielen zu können. Kristen schaut regelmäßig herein. Die Schneider trennen die Triebe von den Mutterpflanzen, die Setzer pflanzen sie in einen Steinwollwürfel. Es ist Fließbandarbeit.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 25 vom 18.6.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Vor elf Jahren in seinem ersten Laden, hat Kristen das mit seinem Schwager gemacht. Heute ist er Chef von 30 Mitarbeitern in drei Läden. Den Geschäftsmann sieht man ihm nicht an: Das glatt rasierte Gesicht wirkt jünger als seine 44 Jahre, er trägt eine Kappe auf den kurzen Haaren, Dreiviertelhose und graues Jeans-Shirt. Seine Mitarbeiter duzt er, die Hierarchien sind flach, aber nicht eben: "Echte Demokratie gibt es hier nicht. Wir sind ein normales Unternehmen, kein politisches Projekt."

Trotzdem liegt der Verdacht nahe, dass eine Firma, die mit Cannabispflanzen handelt, nicht normal ist – sondern persönliche Überzeugung dahintersteht. Von Konsumenten für Konsumenten sozusagen. Kristen seufzt. Er überlegt, sucht nach Worten, vielleicht nach einem Paragrafen, den er vortragen kann, aber gegen einen solchen Verdacht gibt es keinen Gesetzestext. "Natürlich habe ich mich geoutet", sagt er schließlich. "Klar, dass ich zu Cannabis keine Berührungsängste habe."