Unter Druck: Ausgabe der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" nach dem Attentat im Januar © Eric Gaillard/Reuters

Es ist wieder Mittwoch, es ist wieder 11.20 Uhr, es ist wieder Redaktionskonferenz. Auf dem Tisch steht wieder was Süßes: Sandgebäck mit Rosenwasser und Pistazien, gebrannte Mandeln.

Alles ist wie am 7. Januar.

Nichts ist wie am 7. Januar.

Vor der gläsernen Tür des Großraumbüros sitzen sieben Personenschützer. Drinnen sind sie zu zehnt, also: zu wenige. Es fehlen: die Toten. Die Verletzten. Die Redakteure, die nicht die Kraft haben zu kommen oder nicht die Kraft zu streiten.

Da sind: der Herausgeber, der eine Kugel in die Schulter bekam. Die Zeichnerin, die von den Attentätern gezwungen wurde, am Hauseingang den Türcode einzugeben. Die Gerichtsreporterin, zu der einer der Terroristen sagte: "Hab keine Angst, wir töten keine Frauen", was nicht stimmte. Der Enthüllungsjournalist, der überlebte, weil er unter einen Tisch kroch. Die streng bewachte arabischstämmige Redakteurin, deren Tod sich Islamisten im Internet ausmalen.

Und da ist die Neue: Solène Chalvon.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 18.6.2015.

Solène Chalvon ist 28. Eine schöne junge Frau in einem bodenlangen, fließenden Kleid. Große Sonnenbrille im Haar. Sie raucht Zigaretten im Slim-Format. Sie nennt sich eine radikale Linke, aber auf den ersten Blick sieht sie nicht besonders radikal aus. Eher würde man vermuten, dass sie gern shoppen geht und mit ihrer Freundin, der streng bewachten Reporterin, die jetzt links neben ihr sitzt, über Männer quatscht. Was kein falscher Eindruck ist. Bloß ein sehr unvollständiger.

11.20 Uhr, um diese Uhrzeit hielt am 7. Januar der schwarze Citroën C3 der Brüder Saïd und Chérif Kouachi vor der Pariser Redaktion von Charlie Hebdo. Um 11.30 Uhr wurden sie von Zeugen gefilmt, wie sie riefen: "Wir haben Charlie Hebdo getötet!"

Seit dem Attentat ist die Charlie-Redaktion zu Gast bei der Tageszeitung Libération. Die Kollegen haben aus Solidarität die achte Etage ihres Verlagsgebäudes geräumt. Jetzt sagt der Charlie-Herausgeber, die Lesebrille bis zur Nasenspitze heruntergeschoben: "Ach, nicht schon wieder ein IS-Artikel!"

Vor sich hat er einen Plan mit den Themen für die nächste Ausgabe liegen. Die Seiten zwei und drei sind noch leer. Und auf den "Islamischen Staat", über den sie gerade diskutiert haben, hat er keine Lust. Er überlegt laut, ob die Rekordarbeitslosigkeit in Frankreich ein Thema wäre. Oder der belgische Komiker, der dem Philosophen Bernard-Henri Lévy eine Cremetorte ins Gesicht warf. Am Tisch versuchen sie ein paar Witze: Und wenn wir eine Liste machen, wen man noch mit einer Torte bewerfen sollte?

Keiner lacht.

Seit vier Monaten ist jede Zeile, die in Charlie Hebdo erscheint, getränkt vom Blut des Attentats. Die Arbeit ist zur Schreibtherapie geworden. Manchmal ist es nur ein Halbsatz, der auf das Massaker verweist. Manchmal sind es ganze Texte der Schwerverletzten, am Krankenbett in den Computer getippt. Dann wieder ist der IS dabei, die syrische Oasenstadt Palmyra zu zerstören, und der Herausgeber kommentiert das selbst. Er will endlich mal was anderes als Islamismus im Blatt haben.

Solène Chalvons Leben dreht sich um den Islamismus.

Als sie am 1. April, knapp drei Monate nach dem Attentat, ihre Unterschrift unter ihren Arbeitsvertrag setzte, hat sie sich für ein Leben als Zielscheibe entschieden. Sie weiß, wie so etwas enden kann. Für ihre Freundin, die Redakteurin Zineb El Rhazoui, ist ein ganzer Trupp von Personenschützern abgestellt. Zineb wird von ihnen sogar innerhalb des Redaktionsgebäudes bis zum Klo eskortiert.

Solène ist seit sieben Jahren mit Zineb befreundet. Zineb, 33, sagt: "Wir Alten können nicht mehr. Wir müssen jetzt durchhalten, bis wir eine neue Mannschaft aufgebaut haben. Unsere Nachfolger sind es, die die neue Charlie Hebdo machen müssen."

Bis zum Herbst soll ein neues Konzept entwickelt werden, Charlie will sich neu erfinden. Von den Nachfolgern zu sprechen, im Plural, die die Zeitung fortführen sollen – das ist allerdings etwas übertrieben. Es gibt ja erst ein einziges neues Redaktionsmitglied: Solène Chalvon. Eine Frau, drei Jobs: Redakteurin, Therapeutin, Diplomatin. Sie schreibt Artikel und denkt sich Überschriften aus, sie spricht ihrer Freundin Zineb Mut zu, und sie vermittelt zwischen den zerstrittenen Fraktionen innerhalb der Zeitung.

Solène soll die Zukunft der Zeitung sein. Falls es die neue Charlie Hebdo je geben wird. Falls Solène diese Redaktion aushält, die manchmal mehr als mit dem Zeitungmachen mit sich selbst beschäftigt ist. Mit der Trauer und mit dem Streit.

Das Schicksal der Redaktion, die inneren Krisen und Auseinandersetzungen, verfolgt die französische Öffentlichkeit seit dem Attentat wie eine Vorabend-Soap im Fernsehen. Allein die Geschichten über die ungezählten Witwen des getöteten Herausgebers Stéphane Charbonnier, genannt Charb, haben in Frankreich einige Wochen lang nicht nur für Anteilnahme gesorgt, sondern auch für Unterhaltung. Charb war auch privat ein libertärer Mann. Die breite Masse hat mit seiner Redaktion gelitten, mit diesen Anarchisten, die ihr politisch so fremd waren. Die Nation hat davon geträumt, die Brüderlichkeit neu zu entdecken. Für ein paar Wochen, vielleicht auch nur Tage war es, als seien sie alle eine große Gemeinschaft. Dieser Traum ist vorbei. Bloß die Soap läuft weiter. Und Solène Chalvon ist jetzt mittendrin.

Am 7. Januar, dem Tag des Attentats, ist Solène mit dem Herausgeber Charb verabredet. Sie ist nur zu Besuch in Paris, sie lebt in Abidjan an der Elfenbeinküste, wo sie als freie Journalistin arbeitet. Dort ist sie mit dem Mann hingezogen, den sie bald heiraten will. Er ist Büroleiter bei einer Nachrichtenagentur. Solène hat an der Sorbonne Literatur studiert und war Sprecherin einer feministischen Initiative. Sie reist gern in Länder, in denen kaum Journalisten unterwegs sind: Myanmar, Bangladesch, Afghanistan. So geriet sie, eher zufällig, ans Schreiben. Inzwischen ist sie gut im Geschäft. Meist arbeitet sie für Libération und ab und zu für Charlie Hebdo, auch wenn es etwas nervt, dass sie da auf ein Honorar von 300 Euro mitunter vier Monate lang warten muss. An diesem 7. Januar hat sie einen Artikel fertig, den sie Charb persönlich übergeben möchte, danach wollen sie zu Mittag essen. Solène und er sind befreundet. In Charbs Büro, hinter seinem Schreibtisch, hängt ein Foto von Solène, auf dem sie verschleiert in sexy Pose abgelichtet ist, ein Facebook-Gag. Es muss kurz nach elf sein, als sie eine Nachricht an Charb schickt, dass es bei ihr etwas später wird. Er antwortet: "OK. Komm um 12 zur Redaktion." Dann klingelt ihr Mobiltelefon. Solènes Freundin Zineb, gerade im Urlaub in Marokko, ist dran. "Charb ist tot!"

Solène fährt zur Charlie-Redaktion. Sie steht vor dem Haus, oben liegen noch die toten Kollegen. Sie geht nicht rein, weil sie das nicht sehen will. Hinter ihr baut die Polizei Barrieren auf. Solène hockt auf dem Bürgersteig und telefoniert immer wieder mit Zineb und mit Gérard Biard, dem Chefredakteur, der gerade in London ist. Wer hat was von wem gehört? Sie versuchen, sich einen Reim zu machen aus den SMS, die sie bekommen, und aus den Zahlen, die in den Nachrichten gemeldet werden: Wer ist tot, wer lebt? Es dauert Stunden, bis sie Klarheit haben. Der Rest des Tages verschwimmt im Nebel. "Ich habe am Abend bestimmt 18 Joints geraucht", erinnert sich Solène.

Am Tag nach dem Attentat gibt Zineb, die von Marokko nach Paris geflogen ist, Fernsehinterviews auf Französisch und Arabisch. Sie verurteilt den Terrorismus, sie verteidigt die Freiheit, Religionen zu kritisieren. In der Sendung Shabab Talk auf Deutsche Welle TV fragt sie: "Wer beschädigt das Image des Islams? Sind es die Karikaturen von Charlie Hebdo oder die Terroristen, die ihre Verbrechen im Namen des Islams begehen?" Der Sender überträgt ihre Worte in die arabische Welt. An Tag zwei nach dem Attentat beginnen Solène und Zineb, an der Ausgabe der Überlebenden mitzuarbeiten. Der verbliebene Rest der Redaktion will, mithilfe von Freunden und freien Mitarbeitern, am nächsten Mittwoch unbedingt wie jede Woche eine Zeitung herausbringen. Solène schreibt einen Artikel über die internationalen Reaktionen auf das Massaker. Es ist ein Wahnsinn, den sie sich zumuten, eine Selbstvergewisserung: Wir leben noch. Fünf Tage Nervenzusammenbrüche, Tränen und auch: Lachen.

Beim historischen Gedenkmarsch, als in ganz Frankreich vier Millionen Menschen auf die Straße gehen, ist Solène in den Reihen der Überlebenden und Hinterbliebenen dabei, als gehörte sie schon dazu. Die Presse in der ganzen Welt druckt Bilder, auf denen sie zu sehen ist.