Es ist wieder Mittwoch, es ist wieder 11.20 Uhr, es ist wieder Redaktionskonferenz. Auf dem Tisch steht wieder was Süßes: Sandgebäck mit Rosenwasser und Pistazien, gebrannte Mandeln.

Alles ist wie am 7. Januar.

Nichts ist wie am 7. Januar.

Vor der gläsernen Tür des Großraumbüros sitzen sieben Personenschützer. Drinnen sind sie zu zehnt, also: zu wenige. Es fehlen: die Toten. Die Verletzten. Die Redakteure, die nicht die Kraft haben zu kommen oder nicht die Kraft zu streiten.

Da sind: der Herausgeber, der eine Kugel in die Schulter bekam. Die Zeichnerin, die von den Attentätern gezwungen wurde, am Hauseingang den Türcode einzugeben. Die Gerichtsreporterin, zu der einer der Terroristen sagte: "Hab keine Angst, wir töten keine Frauen", was nicht stimmte. Der Enthüllungsjournalist, der überlebte, weil er unter einen Tisch kroch. Die streng bewachte arabischstämmige Redakteurin, deren Tod sich Islamisten im Internet ausmalen.

Und da ist die Neue: Solène Chalvon.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 18.6.2015.

Solène Chalvon ist 28. Eine schöne junge Frau in einem bodenlangen, fließenden Kleid. Große Sonnenbrille im Haar. Sie raucht Zigaretten im Slim-Format. Sie nennt sich eine radikale Linke, aber auf den ersten Blick sieht sie nicht besonders radikal aus. Eher würde man vermuten, dass sie gern shoppen geht und mit ihrer Freundin, der streng bewachten Reporterin, die jetzt links neben ihr sitzt, über Männer quatscht. Was kein falscher Eindruck ist. Bloß ein sehr unvollständiger.

11.20 Uhr, um diese Uhrzeit hielt am 7. Januar der schwarze Citroën C3 der Brüder Saïd und Chérif Kouachi vor der Pariser Redaktion von Charlie Hebdo. Um 11.30 Uhr wurden sie von Zeugen gefilmt, wie sie riefen: "Wir haben Charlie Hebdo getötet!"

Seit dem Attentat ist die Charlie-Redaktion zu Gast bei der Tageszeitung Libération. Die Kollegen haben aus Solidarität die achte Etage ihres Verlagsgebäudes geräumt. Jetzt sagt der Charlie-Herausgeber, die Lesebrille bis zur Nasenspitze heruntergeschoben: "Ach, nicht schon wieder ein IS-Artikel!"

Vor sich hat er einen Plan mit den Themen für die nächste Ausgabe liegen. Die Seiten zwei und drei sind noch leer. Und auf den "Islamischen Staat", über den sie gerade diskutiert haben, hat er keine Lust. Er überlegt laut, ob die Rekordarbeitslosigkeit in Frankreich ein Thema wäre. Oder der belgische Komiker, der dem Philosophen Bernard-Henri Lévy eine Cremetorte ins Gesicht warf. Am Tisch versuchen sie ein paar Witze: Und wenn wir eine Liste machen, wen man noch mit einer Torte bewerfen sollte?

Keiner lacht.

Seit vier Monaten ist jede Zeile, die in Charlie Hebdo erscheint, getränkt vom Blut des Attentats. Die Arbeit ist zur Schreibtherapie geworden. Manchmal ist es nur ein Halbsatz, der auf das Massaker verweist. Manchmal sind es ganze Texte der Schwerverletzten, am Krankenbett in den Computer getippt. Dann wieder ist der IS dabei, die syrische Oasenstadt Palmyra zu zerstören, und der Herausgeber kommentiert das selbst. Er will endlich mal was anderes als Islamismus im Blatt haben.

Solène Chalvons Leben dreht sich um den Islamismus.

Als sie am 1. April, knapp drei Monate nach dem Attentat, ihre Unterschrift unter ihren Arbeitsvertrag setzte, hat sie sich für ein Leben als Zielscheibe entschieden. Sie weiß, wie so etwas enden kann. Für ihre Freundin, die Redakteurin Zineb El Rhazoui, ist ein ganzer Trupp von Personenschützern abgestellt. Zineb wird von ihnen sogar innerhalb des Redaktionsgebäudes bis zum Klo eskortiert.

Solène ist seit sieben Jahren mit Zineb befreundet. Zineb, 33, sagt: "Wir Alten können nicht mehr. Wir müssen jetzt durchhalten, bis wir eine neue Mannschaft aufgebaut haben. Unsere Nachfolger sind es, die die neue Charlie Hebdo machen müssen."

Bis zum Herbst soll ein neues Konzept entwickelt werden, Charlie will sich neu erfinden. Von den Nachfolgern zu sprechen, im Plural, die die Zeitung fortführen sollen – das ist allerdings etwas übertrieben. Es gibt ja erst ein einziges neues Redaktionsmitglied: Solène Chalvon. Eine Frau, drei Jobs: Redakteurin, Therapeutin, Diplomatin. Sie schreibt Artikel und denkt sich Überschriften aus, sie spricht ihrer Freundin Zineb Mut zu, und sie vermittelt zwischen den zerstrittenen Fraktionen innerhalb der Zeitung.

Solène soll die Zukunft der Zeitung sein. Falls es die neue Charlie Hebdo je geben wird. Falls Solène diese Redaktion aushält, die manchmal mehr als mit dem Zeitungmachen mit sich selbst beschäftigt ist. Mit der Trauer und mit dem Streit.

Das Schicksal der Redaktion, die inneren Krisen und Auseinandersetzungen, verfolgt die französische Öffentlichkeit seit dem Attentat wie eine Vorabend-Soap im Fernsehen. Allein die Geschichten über die ungezählten Witwen des getöteten Herausgebers Stéphane Charbonnier, genannt Charb, haben in Frankreich einige Wochen lang nicht nur für Anteilnahme gesorgt, sondern auch für Unterhaltung. Charb war auch privat ein libertärer Mann. Die breite Masse hat mit seiner Redaktion gelitten, mit diesen Anarchisten, die ihr politisch so fremd waren. Die Nation hat davon geträumt, die Brüderlichkeit neu zu entdecken. Für ein paar Wochen, vielleicht auch nur Tage war es, als seien sie alle eine große Gemeinschaft. Dieser Traum ist vorbei. Bloß die Soap läuft weiter. Und Solène Chalvon ist jetzt mittendrin.

Am 7. Januar, dem Tag des Attentats, ist Solène mit dem Herausgeber Charb verabredet. Sie ist nur zu Besuch in Paris, sie lebt in Abidjan an der Elfenbeinküste, wo sie als freie Journalistin arbeitet. Dort ist sie mit dem Mann hingezogen, den sie bald heiraten will. Er ist Büroleiter bei einer Nachrichtenagentur. Solène hat an der Sorbonne Literatur studiert und war Sprecherin einer feministischen Initiative. Sie reist gern in Länder, in denen kaum Journalisten unterwegs sind: Myanmar, Bangladesch, Afghanistan. So geriet sie, eher zufällig, ans Schreiben. Inzwischen ist sie gut im Geschäft. Meist arbeitet sie für Libération und ab und zu für Charlie Hebdo, auch wenn es etwas nervt, dass sie da auf ein Honorar von 300 Euro mitunter vier Monate lang warten muss. An diesem 7. Januar hat sie einen Artikel fertig, den sie Charb persönlich übergeben möchte, danach wollen sie zu Mittag essen. Solène und er sind befreundet. In Charbs Büro, hinter seinem Schreibtisch, hängt ein Foto von Solène, auf dem sie verschleiert in sexy Pose abgelichtet ist, ein Facebook-Gag. Es muss kurz nach elf sein, als sie eine Nachricht an Charb schickt, dass es bei ihr etwas später wird. Er antwortet: "OK. Komm um 12 zur Redaktion." Dann klingelt ihr Mobiltelefon. Solènes Freundin Zineb, gerade im Urlaub in Marokko, ist dran. "Charb ist tot!"

Solène fährt zur Charlie-Redaktion. Sie steht vor dem Haus, oben liegen noch die toten Kollegen. Sie geht nicht rein, weil sie das nicht sehen will. Hinter ihr baut die Polizei Barrieren auf. Solène hockt auf dem Bürgersteig und telefoniert immer wieder mit Zineb und mit Gérard Biard, dem Chefredakteur, der gerade in London ist. Wer hat was von wem gehört? Sie versuchen, sich einen Reim zu machen aus den SMS, die sie bekommen, und aus den Zahlen, die in den Nachrichten gemeldet werden: Wer ist tot, wer lebt? Es dauert Stunden, bis sie Klarheit haben. Der Rest des Tages verschwimmt im Nebel. "Ich habe am Abend bestimmt 18 Joints geraucht", erinnert sich Solène.

Am Tag nach dem Attentat gibt Zineb, die von Marokko nach Paris geflogen ist, Fernsehinterviews auf Französisch und Arabisch. Sie verurteilt den Terrorismus, sie verteidigt die Freiheit, Religionen zu kritisieren. In der Sendung Shabab Talk auf Deutsche Welle TV fragt sie: "Wer beschädigt das Image des Islams? Sind es die Karikaturen von Charlie Hebdo oder die Terroristen, die ihre Verbrechen im Namen des Islams begehen?" Der Sender überträgt ihre Worte in die arabische Welt. An Tag zwei nach dem Attentat beginnen Solène und Zineb, an der Ausgabe der Überlebenden mitzuarbeiten. Der verbliebene Rest der Redaktion will, mithilfe von Freunden und freien Mitarbeitern, am nächsten Mittwoch unbedingt wie jede Woche eine Zeitung herausbringen. Solène schreibt einen Artikel über die internationalen Reaktionen auf das Massaker. Es ist ein Wahnsinn, den sie sich zumuten, eine Selbstvergewisserung: Wir leben noch. Fünf Tage Nervenzusammenbrüche, Tränen und auch: Lachen.

Beim historischen Gedenkmarsch, als in ganz Frankreich vier Millionen Menschen auf die Straße gehen, ist Solène in den Reihen der Überlebenden und Hinterbliebenen dabei, als gehörte sie schon dazu. Die Presse in der ganzen Welt druckt Bilder, auf denen sie zu sehen ist.

Die Chefredaktion sucht bisher erfolglos nach Zeichnern

Die Ausgabe der Überlebenden mit einem weinenden Propheten Mohammed auf der ersten Seite ist gerade erschienen, da erhält Zineb über Facebook die erste Morddrohung, auf Arabisch: "Du hast durch Zufall überlebt. Wir werden kein Auge schließen, bis wir dir den Kopf abgeschnitten haben."

Solène hat ihren Vater und ihren Bruder am Telefon. Sie brüllen auf sie ein: Warum steht dein Name unter deinem Artikel? Bist du wahnsinnig?

Solène fährt zurück nach Afrika. Für eine lange geplante Recherche über Hexerei reist sie nach Guinea. Dort kann sie sich nicht auf ihre Gesprächspartner konzentrieren, immer schieben sich die Toten und die Lebenden von Charlie ins Bild. So weit weg war Afrika noch nie.

Aus Paris treffen Mails von Zineb ein. Sie schreibt, dass auf Twitter zwei Hashtags erschienen sind: #killZinebElRhazouitovengetheprophet und #localizeZinebElRhazouitokillher. "Tötet Zineb El Rhazoui, um den Propheten zu rächen", "Findet Zineb El Rhazoui, um sie zu töten". In den Sozialen Netzwerken kursieren Google-Maps-Karten, auf denen markiert ist, wo sich Zineb in den vergangenen drei Jahren aufgehalten hat. Ein Foto vom Arbeitsplatz ihres Mannes in Casablanca wird verbreitet.

Im Februar meldet sich Gérard Biard, der Chefredakteur von Charlie Hebdo, bei Solène. Er entscheidet jetzt zusammen mit dem neuen Herausgeber Laurent Sourisseau, genannt Riss, über die journalistischen Fragen bei Charlie. "Wir brauchen Leute", sagt Biard. "Wir brauchen dich."

Vor einiger Zeit arbeitete Solène Chalvon ein Jahr lang alleine in Kabul, als freie Reporterin ohne eine feste Redaktion, ohne Sicherheitspersonal. Sie ging gern nachts auf die Straße, ihr Kopftuch gab oft den Blick auf ihr Dekolleté frei. Zwischendrin flog sie nach Dubai, kaufte Abtreibungspillen, warf Verpackung und Beipackzettel weg und kratzte die Beschriftung der Tablettenstreifen ab. In Kabul gab sie die Pillen weiter an Jurastudentinnen, die sie an vergewaltigte Mädchen verteilten.

Der Chefredakteur Gérard Biard weiß, wie mutig Solène ist. Aber als er sie fragt, ob sie nach Paris kommen kann, sagt sie zunächst ab. Freunde und Kollegen haben ihr abgeraten. "Diese Redaktion hat keine Chance", hat ein Freund schon am Tag nach dem Attentat zu ihr gesagt. Er ahnte bereits, dass Solène gefragt würde. "Halte Distanz", riet er ihr. "Was auch immer die tun, es wird falsch sein. Sie werden selbst zum Thema werden, alles wird sich um sie drehen und nichts mehr um den Inhalt der Zeitung." Ein anderer Freund sagte: "Was willst du bei denen? Das ist kein Journalismus." Solène ist das alles egal, als sie in Abidjan über die Bitte des Chefredakteurs nachdenkt. Sie hat bloß Angst um ihre Beziehung. Dann aber sagt Joris, dass er sie unterstützt, wenn sie gehen will. Es wäre zu viel, zu behaupten, dass er sie drängt. Aber er ermutigt sie.

Joris und Solène haben sich in Kabul kennengelernt. Er hat miterlebt, wie leichtsinnig sie sein kann. Doch Joris und der Islamismus, das ist auch eine persönliche Angelegenheit. In Kabul haben Islamisten einen Freund von ihm erschossen. Den Freund und auch dessen Frau, die flehte, man möge ihre drei Kinder verschonen. Die Täter töteten zwei von ihnen, der Zweijährige überlebte mit fünf Kugeln im Rücken. Joris sagt, dass er Solène in jenen Tagen in Abidjan an einem Scheideweg sah: Steht sie für die gemeinsame Überzeugung ein? Er glaubt, dass sie es sich nicht verzeihen würde, wenn sie bliebe. Wenn Solène wirklich die Frau ist, die er liebt, entscheidet sie sich für Charlie: für den radikalen Gedanken, dass die Freiheit über allem steht. Und für Zineb, ihre Freundin.

Als Solène und Zineb sich zum ersten Mal trafen, waren sie noch keine Journalistinnen, sondern Aktivistinnen. Solène wollte junge muslimische Frauen aus den Pariser Vorstädten retten, die zwangsverheiratet werden sollten, Zineb engagierte sich für Bürgerrechte in Marokko, wo sie damals lebte. Zineb war in Marokko eine bekannte Figur. Eine Religionssoziologin, die sich gern mit den Autoritäten anlegte. Solène lud Zineb zu einer Konferenz nach Paris ein und holte sie mit dem Taxi vom Flughafen ab. Zuvor hatten sie bloß Mails ausgetauscht. Bevor sie in der Stadt ankamen, wussten sie schon gegenseitig über ihre bevorzugten Sexpraktiken Bescheid. Giggelnd und voller Stolz auf ihre Freizügigkeit erzählen sie von dieser Begegnung. So nah sind die beiden einander, dass Solènes Lebensgefährte Joris manchmal, wenn Solène ihm einen Vortrag hält, sagt: "Da höre ich Zineb." Und manchmal sagt Zinebs Mann, wenn seine Frau redet: "Das hast du doch von Solène."

Solène und Joris werden erst mal nicht heiraten. Solène hat das Gefühl, sie können jetzt kein Fest feiern. Sie geht zu Charlie Hebdo, Joris bleibt an der Elfenbeinküste. Im Mai kommt er für ein paar gemeinsame Tage nach Paris. Am Tag vor seinem Rückflug nach Afrika, für den Abend ist ein Grillfest geplant, sagt Joris: "Solène hat keine Angst, zu sterben für das, woran sie glaubt. Zum Glück nicht. Leider nicht."

Zineb sagt über den Entschluss ihrer Freundin: "Man muss sehr romantisch sein, um sich dafür zu entscheiden, Teil einer solchen Mannschaft zu werden."

Was es bedeutet, Teil dieser Mannschaft zu sein, erfährt Solène schnell. Noch vor ihrem ersten Arbeitstag fragen die neuen Kollegen, ob sie einen offenen Brief unterzeichnen will. Den Brief wollen sie in Le Monde veröffentlichen, Titel: "Für die Neugründung von Charlie Hebdo". In dem Brief steht der Satz: "Wie können wir dem Gift der Millionen entkommen?" Damit ist das Geld gemeint, das durch den Verkauf der Überlebenden-Ausgabe mit ihrer Sensationsauflage von acht Millionen sowie durch Spenden und Abonnements eingenommen wurde – das Geld, das "in den Taschen von Charlie gelandet" sei. Im offenen Brief steht auch: "Wir lehnen es ab, dass eine Handvoll Personen die Kontrolle über die Zeitung übernimmt."

Die Handvoll Personen, damit sind die Aktionäre gemeint: die Eltern des erschossenen Charb, der Herausgeber Riss, Finanzdirektor Éric Portheault. Über wie viel sie genau verfügen, ist unklar. Es kursiert die Zahl von 30 Millionen Euro. Die Leitung von Charlie spricht von 12 Millionen Euro Erlösen aus dem Verkauf der Zeitung, vor Abzug von Steuern. Dazu kämen 4,3 Millionen Euro Spenden. Die Unterzeichner des offenen Briefs wollen, dass alle Redakteure Aktionäre werden. Die Zeitung soll einer Stiftung gehören.

Der Presse in Frankreich geht es zurzeit sehr schlecht, manche Zeitungen siechen dahin. Charlie aber ist plötzlich reich. Eigentlich könnten die Besitzer unzählige neue Mitarbeiter einstellen. Nicht nur das Geld hätten sie, auch den Platz. Vor Kurzem haben sie neue Redaktionsräume gefunden. Es war nicht einfach, denn die Böden müssen ausreichend stabil sein, um die Sicherheitsschleusen tragen zu können, die bald eingebaut werden. Es wäre jetzt alles bereit für neue Leute. Die Chefredaktion sucht vor allem nach Zeichnern. Bisher erfolglos.

Am 1. April hat Solène ihren ersten Arbeitstag, am Tag zuvor ist der offene Brief erschienen, unterzeichnet von 15 Mitarbeitern. Das ist der Großteil der Redaktion. Die drei Verletzten sind dabei, die noch immer im Krankenhaus behandelt werden, und Solènes Freundin Zineb. Nicht dabei: ein paar Zeichner und Kolumnisten, die sich nicht positionieren wollen – und Solène. Was räumt ihr das Recht ein, so einen Brief zu unterschreiben? "Ich verstehe die anderen, aber ich stecke da nicht drin." Es ist auch nicht ihre Art, solche Kämpfe in der Öffentlichkeit auszufechten. Während Zineb "keinen Filter" hat, wie Solène sagt, und jeden Widerspruch sofort nach außen trägt, ist sie selbst vorsichtiger. Sie nimmt sich vor, neutral zu bleiben. Für ihre Freundschaft kann das schwierig werden, das spürt sie. Mit Zineb vereinbart sie, dass sie sich gegenseitig alles erzählen. Keine Geheimnisse.

An der Glastür der Redaktion klebt ein Aushang: Herausgeber, Finanzdirektor und Personalchefin bitten um strikte Vertraulichkeit des Austauschs innerhalb der Redaktion.

Die Zweifel sind da, aber die Zuversicht überwiegt

Charlie war mal eine kleine Zeitung in der Nische. Jetzt ist sie ein Unternehmen mit einer Personalchefin. Ihr Schreibtisch steht leicht erhöht vor der Fensterfront der Redaktion. Die Personalchefin überreicht Solène ihren Arbeitsvertrag mit den Worten: "Die Polizisten können dich nach der Arbeit nach Hause begleiten. Wenn du das Gefühl hast, dass irgendwas nicht stimmt, sag es uns."

Solène lehnt einen Personenschutz ab. Sie will nicht leben wie Zineb. Sie schmeißt ein paar Facebook-Freunde raus, die sie nach der Veröffentlichung der Überlebenden-Ausgabe als "Nutte" bepöbelt haben, und schreibt in den Sozialen Netzwerken nichts mehr darüber, wo sie arbeitet und wo sie sich gerade aufhält. Sie hofft, das reicht.

Vor dem Attentat hatte Charlie Hebdo zuletzt eine Auflage von 33.000. Jetzt sind es 350.000. Nach Angaben der Chefredaktion hält sich die Auflage stabil auf diesem Niveau. Gehaltsverhandlungen musste Solène nicht führen. "Wie viel willst du?", fragte der Finanzdirektor.

Das war einfach. Die Texte sind auch kein Problem. Solène sagt: "Den Charlie-Ton hab ich drauf." Ein Ton der Empörung, sehr links, laizistisch, voilà. "Das liest du einmal, dann hast du’s verstanden." Die Artikel gehen ihr leicht von der Hand. Das ist gut, denn die Redaktion braucht Buchstaben, Worte, Sätze. Die Besonderheit von Charlie Hebdo waren die Karikaturen, daneben gab es aber auch immer Artikel: Kolumnen, Polemiken, Reportagen. Jetzt sind fünf Zeichner tot. Solange keine neuen da sind, muss die Zeitung den Platz mit Text füllen.

Ein Dienstagmorgen Anfang Mai. Solène hat ihren ersten Monat in der Redaktion hinter sich. In dieser Zeit ist sie von einem Gästebett zum nächsten gezogen, kreuz und quer durch Paris. Nicht alle Freunde, bei denen sie untergeschlüpft ist, besitzen eine Waschmaschine, weshalb Solène auf dem Weg zum Café rasch ins Kaufhaus springt: "Ich muss noch ein paar neue Unterhosen kaufen."

Wie es läuft in ihrem neuen Job? Sie komme zurecht, sagt sie, auch wenn es sehr anstrengend sei. Emotional anstrengend. Zineb zum Beispiel fühle sich oft nicht in der Lage, in die Redaktion zu kommen, sie schaffe es nicht, ihre Geschichten aufzuschreiben. Sie leide darunter, dass sie ihren Job nicht mehr machen könne wie früher – wie soll man als Reporterin recherchieren und andere beobachten, wenn man von Leibwächtern umringt ist?

Kürzlich wurde Simon, der Webmaster, in die Redaktion gerollt, in einem Gefährt, das man nicht mal einen Rollstuhl nennen kann, eher eine Liege auf Rädern. Er wurde beim Attentat an der Wirbelsäule verletzt, seine Lunge wurde durchlöchert. Demnächst wird seine Freundin ihn heiraten – "obwohl er wirklich ein ...", Solène sucht nach dem richtigen Wort, "... sehr anderer Mensch geworden ist". Solène fühlte sich fremd bei dieser Begegnung. Es hatte etwas Intimes, etwas Verbotenes. Sie spürt nun, dass es etwas gibt, das sie immer von den anderen trennen wird. "Die Vergangenheit von Charlie gehört mir nicht."

Solène ist jetzt verantwortlich für eine Interview-Rubrik. Dafür wollte sie ein Gespräch mit Dieudonné führen, dem Schauspieler und Theatermann, der sich vom Links- zum Rechtsextremisten gewandelt hat und die Öffentlichkeit gern mit antisemitischen Äußerungen schockiert. Nach den Attentaten hatte er die jüdischen Opfer des dritten Terroristen von Paris, Amedy Coulibaly, verhöhnt: "Heute Abend fühle ich mich wie Charlie Coulibaly." Dieudonné wurde festgenommen und wegen Verherrlichung des Terrorismus angeklagt.

Gérard Biard, der Chefredakteur, wollte nicht, dass Solène dieses Interview macht. Kein Forum für Typen wie Dieudonné. Solène fände aber genau das interessant. "Man muss doch mit seinen Feinden reden. Man muss sie doch verstehen."

Wenn sie es sich genau überlegt an diesem Mittag, ist sie jetzt doch nicht mehr so sicher, ob der Charlie-Esprit wirklich ihrer ist. "Eigentlich weiß ich gar nicht, was ich bei Charlie Hebdo soll. Ich kann nicht zeichnen. Meine Artikel sind nicht witzig. Sie sind nicht mal polemisch."

Die Zweifel sind da, aber die Zuversicht überwiegt. Über die Auseinandersetzungen in der Redaktion sagt Solène: "Ich habe das Gefühl, das renkt sich wieder ein." Inzwischen haben die Chefs zugesagt, dass ein Rat von Weisen ernannt werden soll, der über die Verwendung der Spenden entscheiden werde. Mit dem Geld sollen die Angehörigen der Opfer unterstützt werden. Was die Besitzverhältnisse bei der Zeitung betrifft, gibt es Gespräche zwischen dem Kollektiv, das den offenen Brief unterzeichnet hat, und den Aktionären.

Solènes Zuversicht hält nicht lange.

In der Redaktion zeigt ihr Zineb einen Brief, den die Personalchefin ihr überreicht hat. "Madame", steht in dem Brief, "wir sehen uns gezwungen, wegen schwerer Vergehen Ihre Entlassung vorzubereiten." Gezeichnet: "hochachtungsvoll". Die Chefs beschweren sich wegen Zinebs ständiger Abwesenheit. Sie gebe ihre Artikel nicht rechtzeitig ab. Sie verreise ohne Ankündigung, um bei Konferenzen über Pressefreiheit, Menschenrechte und den Islam aufzutreten, aber in der Redaktion sei sie kaum präsent.

Als sie den Brief gelesen hat, fängt Solène an zu weinen. Sie geht zu den Chefs und fordert sie auf, die Kündigungsdrohung zurückzunehmen. Jedem aus der Redaktion, der ihr über den Weg läuft, sagt sie: "Ich weiß nicht, ob ich unter diesen Bedingungen hierbleiben kann."

Solènes Neutralität – vorbei.

Früher, als die Toten noch lebendig waren, hätte man Zineb mit üblen Schimpfwörtern belegt. Charb hätte sie angeraunzt: "Du blöde Nutte, was soll das, komm gefälligst zur Konferenz." Das war der Charlie-Ton, der gesprochene. Danach hätte man sich umarmt, und Zineb wäre eben zur Konferenz gekommen und hätte ihre verdammten Artikel abgegeben.

Aber ein Brief: hochachtungsvoll?

Die Chefs können Briefe schreiben, doch Zineb, Frau ohne Filter, hat schärfere Waffen. Sie geht ins Fernsehen, in die Sendung Le Petit Journal des Senders Canal+. Der Streit dreht eine neue Runde, und die Nation freut sich über eine weitere Folge der Charlie-Soap. Am Morgen hat der Zeichner Luz seinen Rückzug aus der Redaktion bekannt gegeben. Er war es, der die Seite eins der Ausgabe der Überlebenden gezeichnet hat, den weinenden Mohammed mit der Zeile "Alles ist vergeben".

Die Chefs haben zwar schnell einen weiteren Brief hinterhergeschickt: "Aufhebung der Disziplinarmaßnahme". Trotzdem liest Zineb im Fernsehen genüsslich das erste Schreiben vor und erzählt, was man ihr vorwirft.

"Mir mit Rauswurf zu drohen – welche Botschaft ist das an die Islamisten, an die Feinde unserer Werte?"

Die Sicherheit nimmt ihr die Luft zum Atmen

Sie nutzt die Gelegenheit, noch einmal auf die Forderungen des Kollektivs hinzuweisen. "Das Geld, das Charlie bekommen hat", sagt sie, "ist ein Blutpreis. Es müsste ein Gemeingut sein." Und sie grüßt die Verletzten des 7. Januar. Sie litten sehr unter der neuen Leitung der Zeitung.

"Jetzt", sagt Solène, "ist Zineb unkündbar." Es klingt, als sei es Solène selbst, die einen Sieg errungen habe.

Drei Tage nach Zinebs Fernsehauftritt treffen sich die Charlie-Leute bei einer kleinen Feier in einem Haus außerhalb von Paris, das sie für den Abend gemietet haben. Eine private Gedenkveranstaltung für die Überlebenden und die Angehörigen der Opfer. Ohne Politiker, ohne Journalisten. Die Eltern von Charb sind da und andere Hinterbliebene, der Großteil der Charlie-Bande, auch Zineb. Es gibt Livemusik, Saxofon-Rock. Solène wird später erzählen, Zineb und sie hätten wild getanzt. An jenem Abend, sagt sie, hätten sie den Streit bei Charlie vergessen können. Doch es ist ein oberflächlicher Frieden.

Die Atmosphäre in der Redaktion ist katastrophal." Solène sitzt in der Lobby des Dan-Panorama-Hotels in Jerusalem. Ein Vier-Sterne-Haus. Es ist spät am Abend, sie kommt von der Eröffnung einer mehrtägigen Konferenz des Jerusalem Press Club, zu der sie als Vertreterin von Charlie eingeladen ist. Als sie das letzte Mal in Jerusalem war, wohnte sie in einem kakerlakenverseuchten Hostel im muslimischen Teil der Stadt. Aber den Luxus, den ihr neuer Job mit sich bringt, kann sie nicht genießen.

Solène ist nervös. Wenn sie redet, überholt ein Wort das andere. Hektisch tippt sie auf ihrem Smartphone herum. Seit Tagen schon wartet sie vergeblich auf eine Nachricht von Riss, dem Herausgeber. "Ich muss unbedingt mit ihm sprechen."

Solène hat ihm ein Thema vorgeschlagen. Wenn die Konferenz zu Ende ist, will sie mit Freunden in den Gazastreifen fahren. Sie haben ihr angeboten, sie in einem Konvoi mitzunehmen. Riss aber schweigt. "Autist", sagt Solène. Sie bemüht sich nicht mehr um Loyalität.

Solène sagt: "Wenn die kein Mitgefühl mit Zineb haben, was habe ich in dieser Redaktion verloren?"

Das Mitgefühl, es scheint in diesen Tagen aufgebraucht zu sein. Nicht nur das Mitgefühl der Chefs ihrer Mitarbeiterin gegenüber. Es scheint, als hätten alle, auch die Öffentlichkeit, keine Lust mehr, vorsichtig zu sein, Rücksicht zu nehmen. Als der P.E.N.-Club Charlie Hebdo Anfang Mai mit einem Preis für Meinungsfreiheit auszeichnet, protestieren 145 Schriftsteller, inzwischen haben 1.116 Autoren unterschrieben. Die Karikaturen der Zeitung verletzten religiöse Gefühle. In Frankreich erscheint das Buch Qui est Charlie?, "Wer ist Charlie?", des Soziologen Emmanuel Todd, in dem er anhand von Datenmaterial beweisen will, dass all die Menschen, die für Charlie demonstrierten, sich von rassistischen, antimuslimischen Gefühlen leiten ließen. Die Kritik, Charlie sei rassistisch, ist nicht neu, man hatte sie aber im Taumel der großen Gefühle vergessen. Von Charb kommt, posthum, ein Buch heraus, in dem er sich gegen den Vorwurf der Islamophobie wehrt. Es wirkt, als wollte er aus dem Grab heraus an der aktuellen Debatte teilnehmen.

"Gibt es Grenzen der Pressefreiheit?", lautet der Titel der Diskussionsrunde beim Jerusalem Press Club. Auf dem Podium sitzt ein islamischer Religionsgelehrter, der sanft erklärt, die Freiheit der Rede sei im Islam ein hoch geschütztes Gut, diese Religion kenne keine Bestrafung für Diffamierung. Solène rutscht auf ihrem Stuhl nach vorn und klatscht. Dann aber sagt der Religionsgelehrte: "Es gibt für alles eine Grenze. Es gibt schlechte Witze."

Auf dem Podium sitzt auch noch eine israelische Fernsehmoderatorin, die von der großen Verantwortung ihres Senders spricht: "Es ist schlauer, Karikaturen nicht zu zeigen, die Gefühle verletzen können."

Aus dem Publikum meldet sich jemand: "Religion ist ein irrationales Terrain, es hat keinen Sinn, sich darüber lustig zu machen."

Solène lässt sich das Saalmikrofon geben und hält mit tränenerstickter Stimme eine kleine Rede über ihre toten Freunde. Sie habe Mitgefühl nicht mit den Gläubigen, sagt sie, "sondern vor allem mit denjenigen, die verfolgt werden, weil sie für einen säkularen Staat eintreten!"

Der Religionsgelehrte, immer noch sehr sanft, sagt: "Warum bringen Sie sich selbst in Schwierigkeiten? Seien Sie objektiver. Seien Sie weise." Später vergleicht er islamistische Eiferer mit Betrunkenen: Denen gehe man doch auch besser aus dem Weg.

Und ausnüchtern muss man sie nicht, die Betrunkenen?

Solène hat keine Lust, weise zu sein. Sie ist jung und radikal, seit vier Monaten hat sie Schlafstörungen, gegen die keine Tabletten mehr wirken. Sie kann nicht fassen, dass nach der großen Je suis Charlie- Woge nun ein ebenso großes "Selber schuld!" über sie und ihre Freunde hereinbricht. Sie dachte, sie sei aus Solidarität nach Jerusalem eingeladen worden. Sie hat sich getäuscht.

Sie hat diese Konferenz satt, sie muss raus. Solène setzt sich ins Taxi und lässt sich nach Mea Shearim fahren, ins Viertel der ultraorthodoxen Juden. Es ist einer dieser Orte, von denen sie sich zugleich angezogen und abgestoßen fühlt. Orte, an denen die Liebe zu Gott zum Hass auf Menschen wird.

Mea Shearim ist ein dreckiges Viertel, weil sich die Menschen dort einzig und allein dem gottgefälligen Leben widmen. Arbeiten gehört für viele nicht dazu. Wandanschläge fordern dazu auf, nur koschere Internetseiten zu besuchen und auf korrekte Kleidung zu achten.

Ein Ultraorthodoxer im schwarzen Kaftan und mit Schläfenlocken unterm Hut will Solène verjagen, weil ihre Arme nicht ausreichend bedeckt sind. Kinder schreien ihr entgegen: "Hure, Hure!" Durch die Straßen von Mea Shearim wandeln Frauen in Gewändern, die auch bei den Taliban durchgehen würden. Verheiratete Frauen, die nicht verschleiert sind, verstecken ihre Haare unter Perücken. Über diese Perücken will Solène eine Geschichte für Charlie recherchieren.

Auf dem Weg zu einem Perückenladen klingelt ihr Handy. Gérard Biard ist dran.

"Kuckuck, Gérard", flötet Solène. Sie hofft, dass er gute Nachrichten für sie hat wegen der Gaza-Recherche. Vielleicht ist diese Israel-Reise ja doch nicht so schlecht.

Aber der Chefredakteur ruft an, um ihr die Fahrt in den Gazastreifen zu verbieten. Sicherheitsgründe.

Solène versucht, ihn zu überzeugen. "Hier weiß doch keiner, dass ich von Charlie Hebdo bin."

Keine Chance.

Sicherheit, Sicherheit. Die Sicherheit nimmt ihr die Luft zum Atmen.

"Es gehen immer mehr Türen zu"

In der Woche zuvor wollte Solène eine Reportage über eine Schule in Südfrankreich schreiben. Eine Schule mit vielen Migrantenkindern mitten im Stammgebiet des rechtsextremen Front National. Alle Termine waren abgesprochen, da teilte die Schulleitung mit: Weder der Ort noch die Schule dürften in dem Artikel erkennbar sein. Lehrer und Schüler müssten anonym bleiben. Die Schule wollte nicht mit Charlie Hebdo in Verbindung gebracht werden. Es war nicht das erste Mal, dass Solène die Arbeit an einem Artikel wegen solcher Einwände abbrechen musste. Auch Ausstellungen und Podiumsdiskussionen wurden abgesagt.

"Die Leute halten sich jetzt lieber fern von uns", sagt Solène. "So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich dachte, dass Türen aufgehen. Es gehen aber immer mehr Türen zu."

Als Solène einmal über Flüchtlinge berichten wollte, die eine alte Kaserne besetzt hatten, baute sich eine Gruppe von jungen Frauen vor ihr auf. Sie gehörten zu einer linksextremen Partei, die sich für die Flüchtlinge einsetzte. "Dreckige Charlie-Hündin!", brüllten sie. "Islamophobe Schlampe!" Solène hatte Angst, dass die Situation eskalieren würde, und verschwand.

"Es ist anstrengend, sich gegen alle Seiten verteidigen zu müssen", sagt sie.

Am Abend ist Solène in Jerusalem mit ein paar französischen Kollegen verabredet. Einer arbeitet bei Le Figaro, in Frankreich ist die Tageszeitung die Stimme der Konservativen. Vor einigen Jahren wurde der Figaro-Mann 124 Tage lang von irakischen Islamisten als Geisel festgehalten. Er hat lange in Jerusalem gelebt und führt Solène und die anderen in ein stadtbekanntes schickes Hotel im Kolonialstil aus. Im grünen Innenhof werden Mezze aufgetragen: Hummus, Falafel, Taboulé. Solène fragt, ob man, bitte, an diesem Abend nicht über Charlie reden könne, aber das Thema ist zu spannend. Schnell entspinnt sich die Debatte, die Solène auswendig kennt: Warum bloß musstet ihr in der Ausgabe der Überlebenden noch mal einen Mohammed drucken? Warum müssen diese Karikaturen unbedingt sein, wenn die Muslime sich so sehr beleidigt fühlen?

Solène ist genervt. Die Muslime? Sie kenne eine Menge Muslime, sagt sie, auch eine Menge, die froh seien, wenn man Kritik an ihrer Religion üben dürfe. Und vor welchen Regimen seien wohl all die Menschen auf der Flucht, die ihr Leben auf dem Mittelmeer riskierten? Solènes Eltern waren beruflich ständig unterwegs. 17 Jahre ihres Lebens hat sie in islamischen Ländern verbracht. So sehr liebt sie das Leben dort, dass sie es keine drei Jahre am Stück in diesem langweiligen, westlichen Frankreich aushalten würde. Ihrem Kind, wenn sie eines hätte, würde sie einen arabischen Vornamen geben, das weiß sie jetzt schon. Am Tisch überlegen sie, wie das Kind heißen könnte. "Charlie!", ruft der Figaro-Mann. "Haha!"

Solène sitzt mit vier Menschen an einem Tisch und ist trotzdem allein. Sie hat Sehnsucht nach Joris, der auf einer Recherche in Niger ist und von dem sie seit Tagen nichts gehört hat. An diesem Abend in diesem schönen Hotel fühlt sich alles falsch an. Das Taboulé ist mit zu wenig Zitronensaft gemacht.

Es gibt Tage, die sind lustiger. Der 8. Mai zum Beispiel, in Frankreich ein Feiertag. Solène und Zineb haben nichts vor, sie hängen bei der Freundin rum, bei der Zineb Quartier bezogen hat. Es wird Abend, und die drei jungen Frauen trinken etwas. Sie trinken noch ein bisschen mehr, und wie oft, wenn sie zusammensitzen und ein bisschen mehr getrunken haben, schnappen sie sich gackernd ein Handy.

Sie rufen bei ein paar Leuten an: bei Zinebs Exfreund, bei einem ihrer Personenschützer, bei einem von Solènes Brüdern. Sie wählen auch die Nummern von zwei Charlies: die eines Kolumnisten und die von Finanzdirektor Éric Portheault.

Die Freundin von Solène und Zineb gibt sich als Mitarbeiterin des Energieversorgers EDF aus. Mit maghrebinischem Akzent sagt sie: "Da ist ein Leck bei Ihnen!"

Solène wird später sagen, die Freundin habe von einem "Wasserleck" gesprochen und von einem "Leck in der Hose". Der Akzent sei vollkommen übertrieben gewesen, der Tonfall vulgär. Nie und nimmer habe man diesen Anruf für echt halten können.

Der Finanzdirektor aber bekommt Angst. Er ruft die Polizei. Spezialeinheiten im Alarmmodus. Rückverfolgung des Anrufs. Die Polizisten sagen zu Zineb: Na, da habt ihr uns ja eine schöne Wochenendarbeit eingebrockt.

Wer ist dem Wahnsinn näher – der verängstigte Finanzdirektor oder die jungen Frauen, die sich aus einer verrückten Lebenssituation oder auch nur aus Langeweile in einen Scherz retten wollen? Oder die Medien, die den Vorfall aufblähen?

Das Nachrichtenmagazin Le Point bringt eine Meldung über einen Drohanruf, in dem von einem "Gasleck" die Rede gewesen sei.

"Wir haben nicht kapiert, dass er wirklich Panik hatte", sagt Solène, "das war sicher nicht besonders schlau von uns."

Karikaturen, Witze waren der Ursprung der Tragödie, die sie erlebt haben. Nicht jeder von ihnen kann noch Witze machen, und nicht alle können einen Witz noch von Ernst unterscheiden. Vor allem weiß man nie, in welchem Moment das Trauma aufbricht.

Chefredakteur Gérard Biard hat keinen Job, um den man ihn beneiden muss. Chef einer Zeitung zu sein, die sich auf die Verspottung von Autoritäten spezialisiert hat, ist sowieso keine leichte Aufgabe. Jetzt muss er einen Haufen Anarchisten bändigen, die nicht nur streitlustig sind, sondern auch noch psychisch beschädigt. Und er muss seine eigene Angst bändigen. Kürzlich wurden zwei Verdächtige verhört, die Fotos vom Eingang zu Riss’ Wohnhaus gemacht hatten. Riss, der Herausgeber, wird oft mit Biard, dem Chefredakteur, verwechselt. Riss hat Mohammed gezeichnet, weswegen ein Kopfgeld von 200.000 Dollar auf ihn ausgesetzt wurde. Biard hat Mohammed nicht gezeichnet, er schreibt bloß. Können die Terroristen den Herausgeber und den Chefredakteur auseinanderhalten? Oder nehmen sie ihn sowieso in Mithaftung?

Gérard Biard muss, zusammen mit Riss, dafür sorgen, dass Charlie überlebt. Er weiß, dass das Blatt nicht bleiben kann, wie es ist. Es hatte sich schon überlebt, bevor das Attentat geschah. Radikal war Charlie immer. Modern jedoch war die Zeitung lange nicht mehr. Es ist die Katastrophe, die ihr das Leben gerettet hat.

Bloß: was für ein Leben?

Gérard Biard ist ein schmaler, grauer Mann Ende 50. Halbglatze, Brille, Handy am Hosengürtel. Rein optisch würde er als Buchhalter durchgehen. Biard, höflich, fragt, ob man gern einen Kaffee hätte. Er stellt die Kaffeemaschine an, lässt den Espresso in einen Plastikbecher laufen, reicht ein schwarzes Zuckerpäckchen mit dem Aufdruck "Je suis Charlie". Dann sagt er, dass er, trotz der Bedrohungen, jederzeit wieder einen Mohammed auf der Seite eins drucken würde, wenn ein aktuelles Ereignis Anlass dazu gäbe. Ihm fällt kein logischer Grund ein, warum er das nicht tun sollte.

Leise beginnt er zu erzählen: dass talentierte Zeichner heute nicht mehr zur Zeitung wollen, sondern sich lieber bandes dessinées ausdenken – lange, fast romanhafte Geschichten. Dass der Redaktion ständig Zeichnungen angeboten werden, die allermeisten aber zu schlecht sind, um sie zu drucken. Dass sich Leute beworben haben, die als Erstes fragten, ob es eine Anwesenheitspflicht bei der Redaktionskonferenz gebe. Dass er zu den Auseinandersetzungen in der Redaktion nichts sagen werde, dass es die Konflikte mit Zineb aber schon lange vor den Attentaten gegeben habe. Dass Solène sehr fleißig sei. Dass sie versuchen, wirklich versuchen werden, im September eine renovierte Charlie Hebdo rauszubringen.

Der September, das ist in Frankreich La Rentrée, die Heimkehr: Nach den großen Ferien fängt das Leben wieder an. So soll es auch für Charlie sein. Bis zum September wollen sie sich auf eine neue Struktur für die Redaktion geeinigt haben. Solène war inzwischen ein paarmal bei den Treffen des Kollektivs, ohne offiziell Mitglied zu sein. Sie hat den Eindruck, dass sich die Stimmung zwischen dem Kollektiv und den Aktionären ein wenig entspannt hat. Aber es ist noch ein weiter Weg. Sie haben viel Zeit verloren durch die Streitigkeiten, und mit jedem Krach ist die Zeit knapper geworden. Und die normalen Ausgaben müssen ja auch gemacht werden. Woche für Woche.

Die Chefs haben Angst vor einem Attentat. Und sie haben Angst, ihre Seiten nicht vollzubekommen. Manchmal lässt sich nicht genau sagen, welche Angst größer ist.

Es ist wieder Mittwoch, es ist wieder Redaktionskonferenz. Die Redakteure blättern durch die neue Ausgabe, die seit diesem Morgen an den Kiosken liegt. Im Hintergrund sitzt die Personalchefin an ihrem Computer. Was wird nächste Woche auf den Seiten zwei und drei stehen? Solène erzählt von ihrer Recherche in Mea Shearim, und Riss sagt: Wenn diese Geschichte was für uns sein soll, musst du sie lustig aufschreiben, du musst übertreiben.

Was Lustiges. Den wirklich wahnsinnigen Wahnsinn der Wirklichkeit noch wahnsinniger machen, das ist schwierig. Solène will es versuchen.