Es ist ein schönes Paradox des Kinos: Die Kamera wird zum Star eines Films, indem sie verschwindet. Sie zeigt, indem sie unsichtbar wird. In dem Film Die Lügen der Sieger setzen der Regisseur Christoph Hochhäusler und der Kameramann Reinhold Vorschneider sie so klug ein, dass sie nicht nur ein Mittel, sondern das eigentliche Medium der Erzählung ist. Wenn die Helden des Films, zwei junge Journalisten, durch Berlin gehen und sich über ihre Enthüllungsstory unterhalten, dann wird hier nicht einfach eine Szene in Einstellungen aufgelöst. Es wird ins Bild gesetzt, was die Gegenwart, die mediale Wirklichkeit, die Welt ausmacht, in der sich die Figuren und ihre Recherche über eine Giftmülldeponie bewegen: Vorschneider zeigt sie vermittelt, durch Glasscheiben und Glastüren, mehrfach kadriert durch Fenster und andere Rahmen. Und plötzlich als ferne Spiegelung in einer schrägen Scheibe des U-Bahnhofs Friedrichstraße.

Unbeteiligt wirkt diese Kamera manchmal, so als sei sie ein Scanner oder ein Überwachungsauge, das die Menschen nur zufällig in seinem Wahrnehmungsradius erfasst. Für Die Lügen der Sieger haben Vorschneider und Hochhäusler eine Ästhetik des anonymen Auges erfunden. Und wehe dem, der plötzlich dennoch in ein Visier gerät. Zum Beispiel weil seine Daten ein suspektes Raster bilden. Oder weil seine journalistische Arbeit wie in Die Lügen der Sieger den Zielen einer Lobbyismus-Agentur in die Quere kommt. Die Agentur arbeitet gerade für die Entsorgungsindustrie und wird sich des Reporters Fabian Groys bedienen, wird ihn anzapfen und schließlich benutzen.

Gespielt wird der Journalist von Florian David Fitz. Seine Figur ist ein ausgebuffter, einzelgängerischer Journalist, Mitarbeiter eines Nachrichtenmagazins und Besitzer eines Oldtimer-Porsches. Dieser sehr selbstbewusste Typ mit dem lässigen Gang hat auf nichts weniger Lust, als sich um die neue Volontärin zu kümmern, die es seinem Chef angetan hat. Um sie abzuwimmeln, lässt er sie einer Meldung hinterherrecherchieren, die es auf die Titelseite einer Boulevardzeitung geschafft hat: Ein Mann hat sich umgebracht, indem er ins Löwengehege des Gelsenkirchener Zoos gesprungen ist. Die Volontärin besitzt den Stolz der Unterschätzten und bringt Erstaunliches ans Tageslicht: Der Selbstmörder war ein Afghanistanveteran. Seinen letzten Job hatte er als Arbeiter auf einer Giftmülldeponie. Was könnte das bedeuten?

Schnitt. Genauso begeisternd wie die Kamera dieses Films ist die rhythmische Montage von Stefan Stabenow. Mit Vorschneiders Bildern verbindet sie sich zu einer Choreografie, in der die knappe Staffelung der Ereignisse genauso Platz hat wie die spielerische Assoziation und das harte Aufeinanderprallen der Worte und Gesten. Scharf und schnörkellos ist die Kommunikation in den gläsernen Räumen der Lobbyismus-Agentur. Hier geschehen in einer Architektur der Transparenz undurchsichtige Dinge. Eine zuchtmeisterliche Beraterin im Businesskostüm (Ursina Lardi) probt mit einem Industrievertreter das anstehende Mittagessen mit dem Wirtschaftsminister. Es geht um die Senkung von Schadstoffgrenzwerten. Bis in die Nuancen der Betonung wird an den Sätzen gefeilt, die in der folgenden Szene im Restaurant gesprochen werden: "Herr Minister, ich möchte Ihnen ein Projekt vorschlagen, das uns alle angeht."

Die Lügen der Sieger ist keine journalistische Heldengeschichte wie Alan J. Pakulas berühmter Thriller Die Unbestechlichen, in dem Dustin Hoffman und Robert Redford als Reporter die Watergate-Affäre aufdecken. Oder wie Richard Brooks’ Film noir Die Maske runter mit Humphrey Bogart in der Rolle eines aufrechten Chefredakteurs. "That’s the press, baby, and there is nothing you can do about it", sagt Bogart in einer Szene, die Hochhäusler kurz als Ausschnitt zeigt. Dieser fast romantische Glamour der Presse hat sich in Die Lügen der Sieger verloren. Hier geht es nicht um den aufklärerischen Kampf gegen die Mächtigen. Sondern um die Methoden einer Beeinflussungsindustrie, die dem Journalisten zumindest in dieser Geschichte immer einen Schritt voraus ist. Ihre Vertreter, die chiffrenhaft für all die PR-Agenturen, Kommunikationsbüros und Lobbyisten dieses Landes stehen, thronen über den Straßen Berlins und über der Berliner Republik.

Ähnlich imperial blickte Robert Hunger-Bühler in der Rolle eines Investmentbankers in Hochhäuslers Film Unter dir die Stadt (2010) aus einem Frankfurter Hochhausturm nach unten. Auch in diesem Film ging es um zunehmend immaterielle Arbeitsprozesse, die wie abgekoppelt sind von denen, auf die sie sich auswirken. Und auch hier wurden die gläsernen Büros zu den Schauplätzen einer Macht hinter der Macht. In Die Lügen der Sieger begreift der Journalist zu spät, dass seine Recherche manipuliert und in die falsche Richtung geleitet wurde.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 18.6.2015.

Leider gibt es in diesem Film eine Leerstelle: die beiden Hauptfiguren. In ihrer stereotypen Anlage – cooler Profi, ehrgeiziger Hüpfer – entwickeln sie zu wenig Eigenwillen. Es gibt keine Spannung oder Reibung zwischen dem Journalisten und seinem weiblichen Gegenüber. Zu viel unironische Jungsromantik durchsetzt die Geschichte ("Gute Nacht, Porschefahrer!"), manche Wendungen sind arg konstruiert, manche Dialoge wirken verkünstelt, behauptet, aufgeschrieben. Man möchte Florian David Fitz und Lilith Stangenberg schütteln, um ihnen die Energie einzuverleiben, die ihnen Drehbuch und Regie nicht geben können – während die Nebenfiguren allesamt elektrisieren. Umso erstaunlicher ist es, dass ein Film, dessen wichtigste Gestalten sich nicht mit Leben füllen, dennoch so intensiv in Erinnerung bleibt.

Das mag, wie gesagt, an der überragenden visuellen Gestaltung, an Schnitt und Kamera liegen. Aber auch am geradezu tragischen Scheitern des Helden. Fabian Groys ist zwar ein journalistischer Profi, der alle Recherchetricks kennt, aber ihm fehlt etwas. Man kann es das innere Glühen nennen oder die Haltung oder auch Berufung. Ein wenig pathetischer gesagt: Ihm fehlt der Idealismus. Also das, was ihn wesenhaft von seinen Gegenspielern unterscheiden müsste, die ja auch alle Spielregeln beherrschen und heute für die eine und morgen für die andere Interessengruppe arbeiten. In der Republik der Lobbyisten, das sagt uns dieser Film, ist kritischer, unabhängiger Journalismus wahrscheinlich wichtiger denn je. Er muss aber seine Daten besser schützen. Und etwas moderner werden angesichts seiner sehr modernen, sehr flexiblen Gegenspieler.

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