Es ist ein Symbol – und zwar kein gutes: An diesem Samstag lädt die Kommission "Lagerung hochradioaktiver Abfallstoffe" zum ersten Bürgerdialog nach Berlin – und ausgerechnet die Antiatombewegung wird nicht daran teilnehmen. Es geht um Kriterien für die Suche nach einem Endlager für die strahlenden Hinterlassenschaften der Atomindustrie. Und die Atomkraftgegner – der Teil der Öffentlichkeit, der am besten über dieses Thema informiert ist – treffen sich zu einer Parallelveranstaltung, nur fünf U-Bahn-Stationen entfernt. Man redet über- und nicht miteinander.

Dabei ist das gemeinsame Gespräch die entscheidende Voraussetzung für eine erfolgreiche Endlagersuche. Denn rein wissenschaftlich, davon ist die Kommission bereits überzeugt, lässt sich der beste Standort nicht bestimmen: Jedes Gestein hat im Zusammenspiel mit der jeweiligen Lagertechnik Vor- und Nachteile, eine rein objektive Rangliste ist unmöglich. Die vom Auswahlgesetz geforderte "bestmögliche Sicherheit" soll garantiert werden, indem die Standortsuche nach dem bestmöglichen Verfahren abläuft. Das ist der Plan der Kommission. Ohne aktive Beteiligung der Antiatombewegung wird er nicht aufgehen.

Doch die Kommunikation ist vergiftet, vor allem vom Thema Gorleben. 1977 hatte die Bundesregierung unter Helmut Schmidt zusammen mit Niedersachsens damaligem Ministerpräsidenten Ernst Albrecht das wendländische Dorf als Endlagerstandort ausgekungelt. Besonders sicher wäre der Atommüll dort nicht. Das wusste man schon damals und weiß es heute erst recht. Trotzdem ist Gorleben noch im Rennen, erst letzte Woche hat der Bundesrat beschlossen, die Option für weitere zwei Jahre offenzuhalten.

Gorleben aber steht für Massenproteste, Polizeigewalt, Betrug und persönliche Bedrohung, seit 38 Jahren tobt der erbitterte Kampf. Die Verletzungen sitzen tief – auf allen Seiten. Vor dem Neubeginn der Endlagersuche, den der Bundestag mit breiter Mehrheit beschlossen hat, muss die Vergangenheit aufgearbeitet werden. Der Ausstiegsbeschluss bietet die Chance dafür. Deutschlands Atomwirtschaft ist am Ende, die Trauerarbeit kann nun beginnen.

Alle Karten müssen offen auf den Tisch, Erklärungen, auch Entschuldigungen sind nötig. Gefragt ist daher erst mal keine Endlagerkommission, sondern eine Wahrheitskommission. Und es brauchte einen Anreiz, damit alle mitmachen. Tatsächlich gibt es ein Angebot, das einen Großteil der Anti-AKW-Szene zur Teilnahme bewegen könnte: Die Suche dürfte nicht auf einer vollkommen weißen Landkarte beginnen. Stattdessen müsste ein Ort schon vorab gestrichen werden: Gorleben. Nur so ist ein echter Neubeginn möglich.