DIE ZEIT: Herr Eilenberger, Ihre beiden Leidenschaften sind die Philosophie und der Fußball. Überlegen Sie, nach den täglichen Schlagzeilen über den Korruptionsskandal bei der Fifa, sich vom Fußball abzuwenden?

Wolfram Eilenberger: Nein. Die Pauschalverurteilung der Fifa teile ich auch nicht. Es gibt durchaus Aspekte, die ich an dieser Organisation schätze.

ZEIT: Zum Beispiel?

Eilenberger: Den Regelkonservatismus. Die Fifa hat das Regelwerk des Spiels gegen Neuerungsvorschläge verteidigt. Fußball muss einheitlich sein, damit er sich weiter global ausbreiten kann, das war in den vergangenen 25 Jahren die Voraussetzung für seinen Aufstieg zum Spiel der Welt. In mancher Hinsicht zeigt sich die Fifa als eine effektive und erfolgreiche Organisation – nicht zuletzt in wirtschaftlicher.

ZEIT: Dies soll teilweise mit unlauteren Mitteln geschehen sein. Heiligt der Zweck die Mittel?

Eilenberger: Die Hauptaufgabe der Fifa ist der Schutz und die Förderung des Spiels. Nur aus einem Machtmonopol heraus kann sich die Fifa gegen die ständigen Forderungen nach Regeländerungen wehren. Wer weiß, vielleicht würde ohne die Fifa in Deutschland ein anderer Fußball gespielt als in China, Katar oder Lateinamerika. Möglicherweise gäbe es Werbepausen, alle 15 Minuten wie beim American Football. Wollen Sie das? Ich sehe die Fifa als eine Art katholische Vertretung.

ZEIT: Wie bitte?

Eilenberger: Die Fifa versteht sich als Fußballvatikan. Wenn Sie Sepp Blatter begreifen wollen, dann müssen Sie ihn als Katholiken betrachten. So interpretiert er auch sein Amt, nämlich papstähnlich. Blatter steht für die Einheit des Glaubens aller Gläubigen.

ZEIT: Einheit des Glaubens mit mafiosen Zügen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 18.6.2015.

Eilenberger: Unbestritten, aber das steht nicht im Widerspruch zur Effektivität der Organisation. Die Mafia ist ja auch machtpolitisch extrem effektiv und erfolgreich. Der entscheidende Faktor ist der finanzielle Überfluss. Bereits in den Monaten vor den Verhaftungen der Fifa-Mitglieder in Zürich kam mir bei den Auftritten Blatters das Zentralkomitee der SED im Sommer 1989 in den Sinn. Auch das stand damals vor dem Zusammenbruch – und wusste es natürlich nicht. Doch die Situationen der Fifa und die der späten DDR unterscheiden sich in einem wesentlichen Punkt: Die DDR war eine Mängelverwaltung. Blatter verwaltet hingegen den permanenten Überschuss und kann noch immer Schweigegeschenke verteilen.

ZEIT: Wird alles gut, wenn Blatter weg ist?

Eilenberger: Das glaube ich nicht. Die Probleme der Fifa sind die Probleme einer klassischen globalen Organisation. Die UN haben ähnliche Sorgen, auch NGOs sind davon geplagt. Viele der 209 Fifa-Mitglieder sind nicht mal eigenständige Länder. Es ist keine so leichte Sache, in El Salvador oder in Äquatorialguinea auf transparentem und sauberem Weg ein Stadion zu bauen. Wenn Blatter sagt, er könne nicht für jeden die Hand ins Feuer legen, mag das eine durchsichtige Verteidigungsstrategie sein – doch es ist leider auch eine strukturelle Wahrheit. Unsere Empörung birgt auch einen europäischen Narzissmus der Standards. Wir wollen nicht wahrhaben, dass es viele Regionen auf der Welt gibt, in denen andere Bedingungen herrschen.

ZEIT: Blatter scheint das erkannt zu haben und klug für sich zu nutzen.

Eilenberger: Die Fifa ist ein Gebilde mit 209 Stimmen. Das wirkt auf den ersten Blick demokratisch. Faktisch ist es dominanzanfällig. Blatter hat es geschafft, die pseudodemokratischen Strukturen zu seinen Gunsten zu monopolisieren, und bringt damit insbesondere die Europäer und Nordamerikaner gegen sich auf. Für seinen Machterhalt unterläuft er die öffentlichen Standards seines Kulturkreises, um sich den Rest der Organisation gefügig zu machen. Dass er vielleicht sogar trotz Rücktrittsankündigung Präsident bleiben könnte, sagt doch alles. Kaum jemand aus Afrika oder Asien kann Interesse an einer Aufklärung haben.

ZEIT: Transparency International forderte den sofortigen Rücktritt, der britische Premierminister David Cameron auch. Täglich erscheinen kritische Zeitungskommentare. Blatters Ruf ist nicht viel besser als der eines Mörders. Woher kommt dieser Zorn?