Das ehemalige Kreiswehrersatzamt an den Sophienterrassen in Hamburg-Harvestehude © dpa

"Ich habe noch keinen hier getroffen, der gegen Flüchtlinge ist. Aber auch fast keinen getroffen, der die jetzige Größe des Vorhabens gut findet", sagt der Mann.

Der Mann trägt einen hellen Anzug, das Hemd ohne Krawatte. Er spricht in druckreifen Sätzen. Er bestellt sein Steak medium-rare. Wir sitzen im Blockhouse am Mittelweg. Keiner sollte im Vorfeld von diesem Treffen wissen, keiner durfte mitkommen. Der Mann im hellen Anzug gilt als einer von Hamburgs drei meistgehassten Flüchtlingsfeinden. Mit zwei Nachbarn hat er das Flüchtlingsheim an der Sophienterrasse bisher juristisch verhindert. Doch sosehr er die Öffentlichkeit bewegt – so sehr scheut er sie.

"Man will offensichtlich diesen hässlichen Reichen, die ja laut Aussage der Behörde keine Ausländer und keine Kinder bei sich haben wollen, ein Gesicht geben. Dafür steht keiner von uns zur Verfügung", sagt er.

Nach langem Ringen hat er sich dann doch zum Gespräch mit der ZEIT bereit erklärt, es ist das erste Mal, dass er oder einer seiner Mitstreiter sich öffentlich äußert. Die Bedingungen: Man darf nicht schreiben, wie er heißt, was er macht, wo er wohnt. Bilder sind verboten. Sein Anwalt muss dabei sein. Womöglich nimmt man in Harvestehude die Warnungen des Hamburger Verfassungsschutzes vor der wachsenden Gewaltbereitschaft der linksextremistischen Szene besonders ernst. Erst im Mai mussten drei Grünenpolitiker Farbbeutelwürfe auf ihre Häuser erdulden – "den Aufenthalt der Lampedusa-Gruppe durchsetzen!" hieß es in einem Bekennerschreiben. Also hat der Mann von der Sophienterrasse vorgesorgt: Es ist, als träfe man einen hochrangigen Whistleblower. Wie darf man ihn nennen, den "Anonymus"? Den "Kläger"? Das sei falsch, sagt der Anwalt. Man habe ja nur einen Antrag gegen die Genehmigung des Heims gestellt. Nennen wir ihn also "Mandant". Warum so konspirativ?

"Wir müssen uns zurückziehen, weil sich keiner mit uns inhaltlich auseinandersetzen möchte ... Wissen Sie, meine Kinder studieren im Ausland, ich bin selber genug im Ausland, das hat überhaupt nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun. Ich habe auch keine Angst, dass mir morgen einer die Radkappe abschraubt. Ich weiß nicht, wie weit ich die Tür noch aufsperren soll. Aber macht es bitte so, dass es hier reinpasst", sagt der Mandant.

Die Stadt muss bis Ende des Jahres 10.000 neue Flüchtlinge unterbringen – bei 3500 weiß sie noch nicht, wo. 220 von ihnen sollten nach dem Willen des Bezirksamts Eimsbüttel ins umgebaute Kreiswehrersatzamt an der Sophienterrasse ziehen. Das sei zu viel für das Areal zwischen Alsterkamp, Sophienterrassen und Mittelweg, findet der Mandant.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 25 vom 18.6.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

"Es wohnen ja nur 250 Menschen in unserem Areal", sagt er. Sein Anwalt fügt hinzu: "Es interessiert die Presse überhaupt nicht, was wir sagen. Wir haben immer mitgeteilt, dass wir nicht gegen die Flüchtlingsunterkunft als solche sind, sondern nur gegen die Größe."

Gero Tuttlewski, Fachanwalt für Verwaltungsrecht bei der Kanzlei Klemm & Partner, ist Mitglied einer großen Volkspartei. Doch die und auch die anderen Oppositionsparteien scheuen den Kontakt zu den 16 Anwohnern aus der "Anwohnerinitiative Sophienterrasse", aus deren Kreis die Kläger kommen. Nicht mal die AfD hat sich bei Harvestehudes Wutbürgern blicken lassen. Nur der SPD-geführte Bezirk hat versucht, mit ihnen zu verhandeln, gezwungenermaßen.

"Eine kleine soziale Einrichtung von 45 bis 60 Personen wäre dort rechtlich zulässig, in einem solchen Falle würden wir unseren Antrag sofort zurückziehen. Bei 125 Personen hätten wir zehn Jahre zugestanden oder 170 bei acht Jahren. Die Stadt wollte 190 Personen auf zehn Jahre zugestehen – und das ohne eine verbindliche Zusage zur Nachnutzung. Da haben wir abgelehnt. Das ist ja auch kein Entgegenkommen", sagt Gero Tuttlewski.

Das Steak kommt, die Kellnerin ist freundlich, niemand hier erkennt den Anwalt und seinen Mandanten, auch wenn ihr Anliegen in den vergangenen Wochen deutschlandweit Aufsehen erregt hat. Zuletzt Ende Mai, als das Oberverwaltungsgericht die Position der Anwohner bestätigt und den Einspruch der Stadt zurückgewiesen hat: Das Leben in einem Flüchtlingsheim sei eben kein Wohnen, sondern bloß "wohnähnlich". Es fehle an der "Freiwilligkeit des Aufenthalts". Weil die Kläger ihre Anonymität verteidigen, behalfen sich viele TV-Sender mit Bildern von Luxuslimousinen in protzigen Einfahrten. Ein bisschen Reichen-Neid durfte es schon sein. Eine Bildsprache, die für den Mandanten zur "Symbolpolitik" des Senats passt.

"Wenn es um die Flüchtlinge geht, können sie morgen kommen. Stattdessen gibt die Stadt 20 Millionen für dieses Heim aus und macht damit reale Flüchtlingshilfe in dieser Höhe unmöglich", ruft er. "Welches andere Bauvorhaben in der Stadt wird mit einer solchen Vehemenz vorangetrieben, mit einer solchen Aggressivität kommuniziert und mit solchen diffamierenden Angriffen auf die Anwohner begleitet?", fragt sein Anwalt.