DIE ZEIT: Nach seinen despektierlichen Bemerkungen über Frauen hat der Nobelpreisträger Tim Hunt binnen weniger Tage all seine Ämter verloren. Ist das ein Sieg für die Gleichberechtigung?

Ingrid Wünning Tschol: Natürlich waren Hunts Äußerungen schlimmer als nur ein dummer Witz. Darüber brauchen wir gar nicht zu reden. Was sich daraus allerdings entwickelt hat, scheint mir reichlich übertrieben.

ZEIT: Meinen Sie den Shitstorm auf Twitter oder die Reaktionen der Universität London und anderer Gremien?

Wünning Tschol: Was im Netz lief, war ja zum Teil lustig. All die Forscherinnen, die sich in ironisch verführerischen Posen in ihren Laborkitteln oder Schutzanzügen zeigten oder vorgaben, ganze Pfützen von Tränen aufzuwischen. Diesen weltweiten Spott, aber auch die zu Recht empörten Reaktionen im Netz hat Hunt wirklich verdient. Aber wie sich die wissenschaftlichen Institutionen verhalten, hat aus meiner Sicht etwas ziemlich Scheinheiliges.

ZEIT: Weil auch viele andere Forscher so denken wie Hunt, das aber besser kaschieren?

Wünning Tschol: Ja. Fakt ist doch, dass der gender bias, die Benachteiligung von Frauen, noch immer weit verbreitet ist – auch in der Wissenschaft. Das ist nur heute, politisch ganz korrekt, weniger sichtbar geworden. Und wehe, jemand steht zu seinen Vorurteilen öffentlich: Dann wird er prompt gesteinigt. Mir scheint, Tim Hunt wird hier als willkommener Sündenbock in die Wüste geschickt, am generellen Missstand ändert sich nur langsam etwas.

ZEIT: Sie sind in der europäischen Wissenschaft ja gut vernetzt und kennen Tim Hunt persönlich. Ist er so ein verbohrter Frauenfeind, wie es jetzt den Anschein hat?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 18.6.2015.

Wünning Tschol: Ich habe Hunt ein paarmal getroffen und kann nur sagen: Frauenfeindlich habe ich ihn nicht erlebt; er ist sympathisch, ein wenig skurril, und er hat einen schrägen Humor. Der ist offenbar mit ihm durchgegangen. Dabei hätte er eigentlich wissen müssen, dass er als Nobelpreisträger eine besondere Verantwortung trägt und dass solche Bemerkungen – zumal im Kreis von Journalisten – alles andere als geistreich sind.

ZEIT: Ein naives Opfer also?

Wünning Tschol: Natürlich waren seine Äußerungen nicht akzeptabel. Dass er dafür aber derart abgestraft wird, sendet die falschen Signale: Nicht die verbreiteten Vorurteile werden geächtet, sondern er wird geächtet, weil er sie sichtbar gemacht hat. Das Problem ist ja nicht nur Tim Hunt, sondern die verbreitete Benachteiligung von Frauen.