An vielen anderen Orten hätte dieser Titel selbstherrlich geklungen: Globale. Ein überdimensioniertes Ausstellungsereignis, das seinem Namen nach sogar über die klassischen Weltausstellungen und Biennalen hinausgeht, wäre in den Schaltzentren der kapitalistischen Globalisierung wie Shanghai, New York, Singapur oder London wohl als Indiz für megalomanische Machtansprüche, ja für einen Rückfall in die Zeiten von Zentrum und Peripherie gewertet worden: Was Globalisierung ist, wird hier bestimmt!

Beruhigend also, dass die erste Globale an einem Ort stattfindet, der nicht Zentrum, aber auch nicht wirklich Peripherie ist – in der so beschaulichen wie kulturell, akademisch und technologisch ambitionierten Barockstadt Karlsruhe. Das dortige Zentrum für Kunst- und Medientechnologie (ZKM), welches unter der Leitung von Peter Weibel die Globale ausrichtet, ist zwar ein Global Player unter den Kunstinstitutionen und bei Fachleuten in den Vereinigten Staaten oder in China besser bekannt als unter manchen Karlsruhern. Doch gerade seine, von den globalen Machtzentren aus betrachtet, provinzielle Lage prädestiniert es für einen wenn nicht neutralen, so doch weniger hybrisverdächtigen Blick auf die Globalisierung. Wir sind auf dem Weg von einer mono- zu einer multipolaren Welt – diese These wird von der Globale, die an diesem Wochenende beginnt, aufs Schönste belegt.

Was aber verbirgt sich überhaupt dahinter? Weibel und sein Team wollen ganz unbescheiden die wichtigsten Tendenzen des 21. Jahrhunderts in verdichteter Form erlebbar machen: die digitale Revolution ebenso wie die damit einhergehende "Infosphäre", die Konvergenzen von Kunst und Wissenschaft ("Renaissance 2.0") sowie die "Exo-Evolution", die menschengemachte Evolution. Beispielsweise werden die japanischen Architekten von Tetsuo Kondo mit dem deutschen Energieunternehmen Transsolar im ZKM eine reale Wolke erzeugen, um die heutigen Möglichkeiten des climate engineering (der gezielten Veränderung des Klimas) zu verdeutlichen. Die Wolke als diffuses Sehnsuchtsgebilde, das schon unzählige Künstler in der Vergangenheit als Verbindung zwischen Himmel und Erde deuteten, wird dergestalt auf den Boden der Tatsachen heruntergeholt – ein weiterer Schritt hin zur Konsolidierung des "Anthropozäns" (Paul Crutzen und Eugene F. Stoermer), des Zeitalters der umfassenden Umgestaltung der Natur durch den Menschen.

So richtet die Globale ihr Sensorium klar auf Gegenwart und Zukunft aus – die Vergangenheit, womit hier die Moderne gemeint ist, soll gleich zu Beginn in einem "Tribunal gegen die Verfehlungen des 20. Jahrhunderts gegen Mensch, Tier und Natur" abgewatscht werden, unter Mitwirkung etwa von Antonio Negri, Saskia Sassen oder Peter Sloterdijk. Amüsanterweise knüpft die Globale mit ihrer "Tribunal"-Rhetorik, wohl unwillentlich, an den Meisterdenker der Moderne Immanuel Kant an, der alles und jeden vor den "Gerichtshof der Vernunft" zerren wollte. Zudem zeigt sich die Globale paradoxerweise gerade in ihrem Zukunftseifer als ein Kind der Moderne. Sie ist, wie sich zeigt, tief in der Geschichte der Großausstellungen verwurzelt.

Das vielleicht Auffälligste an der Globale ist zunächst einmal, wie lokal sie ist. Als der heutige Direktor des Münchner Hauses der Kunst, Okwui Enwezor, 2002 die documenta 11 in Kassel organisierte, gesellte er ihr Plattformen in Wien, Berlin, Neu-Delhi, auf St. Lucia und in Lagos bei. In Karlsruhe indes holt man sich die Welt nach Hause und verzichtet auf Satelliten da draußen im Kosmos des Globalen. Damit steht die Karlsruher Ausstellung einerseits in der problematischen Tradition der imperialen Weltausstellungen, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert Erzeugnisse aus aller Welt in den Metropolen Europas und Amerikas konzentrierten und präsentierten – wie ein barocker Fürst, der seine Wunderkammer öffnet und damit seine Macht demonstriert. Andererseits ist dieser Schritt zurück hinter Enwezor, diese buchstäbliche "Glokalisierung" (Roland Robertson), nur folgerichtig mit Blick auf unsere digitale Gegenwart. Diese bringt die Welt nicht nur symbolisch, sondern faktisch, also verbunden mit Handlungsoptionen, in die Wohn- und Arbeitszimmer. Ein Mausklick in Oberursel kann über einen Job in Ouarzazate entscheiden, die Zuschauerquoten bei Kriegsberichterstattung beeinflussen den Ausgang des Krieges unter Umständen mit.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 18.6.2015.

In seinen Analysen der Technikkultur sah der Theoretiker Marshall McLuhan diese Entwicklung schon in den 1960er Jahren voraus: "Alte kommunale, regionale und nationale Einteilungen erweisen sich als unbrauchbar. Nichts liegt dem Geist der neuen Technologie ferner als ›ein Platz für alles und alles an seinem Platz‹. Es gibt keinen Weg zurück."

Kein Weg zurück – das scheint auch für die dezidiert avantgardaffine Globale festzustehen. Die dialektischen Reaktionen auf die Globalisierung, etwa der sich in Form handgeschöpften Biojoghurts konkretisierende Hang zur Gute-alte-Zeit-Nostalgie, die mal gefühlige, mal terroristische Rückkehr der Religionen oder die sich nicht nur in Asterix auf Sächsisch abzeichnende Verklärung der Mundart spielen keine Rolle. Auf den alten Weltausstellungen war das noch anders. Um 1900 konterkarierte man die industrielle und kulturelle Leistungskonkurrenz gerne in "Völkerschauen" mit Original-Lebendexponaten aus den Kolonien und frönte auch anderweitig Vorformen von Roman Herzogs "Laptop und Lederhose".

Die Globale übt sich lieber in der Kunst der Komplexität und Selbstüberforderung – alles andere wäre ihrem Gegenstand, eben der Globalisierung, nicht angemessen. Man taucht in die immersiven Klang-Bild-Welten von Ryoji Ikeda ein, die mit Wissenschaftlern der Europäischen Organisation für Kernforschung entwickelt wurden, diskutiert in der Global Lounge über "Humor, Utopie und Optimismus im künstlerischen Widerstand", simuliert im Workshop Biomodd die Aufhebung des Gegensatzes von Natur und Technik durch die Kombination von Computernetzwerken und Ökosystemen, wohnt einem Symposium über die Bedeutung des Theoretikers Vilém Flusser für die Künste bei und reist in der Ausstellung Allahs Automaten zurück ins technologisch-kulturell avancierte Mesopotamien der Zeit vom 9. bis zum 13. Jahrhundert – und dazwischen man selbst, ein Häuflein Fleisch, Knochen, Träume, Geldsorgen und Fußpilz.

So knüpft die Globale wiederum an einen Charakterzug herkömmlicher Großausstellungen als Überfrachtungsmaschinen an, den man mit dem Begriff des "Erhabenen" umreißen könnte. Erhaben ist die zugleich anziehende und abstoßende Erfahrung des Gewaltigen, Mächtigen, Überwältigenden. Mit Kant lässt sie sich als "negative Lust" beschreiben. Wer das vor imposanten Begriffen nur so flirrende Programm der Globale liest, wird sich vielleicht so winzig vorkommen wie einst Caspar David Friedrichs Mönch am Meer. Doch gerade das führt im besten Fall zu einer Rückbesinnung auf die eigene Freiheit im Denken und Fühlen – weil eine Einzelperson das Globale in seiner sinnlichen Totalität weder erleben noch in seinen intellektuellen Dimensionen durchdringen kann, muss sie selbst kritisch abwägen, auswählen, Schwerpunkte setzen. Anders gesagt: Die Globale muss in ihren globalen Ansprüchen scheitern, um der Globalisierung gerecht zu werden.

Die "Globale" beginnt am 21. 06. 2015 und läuft bis weit ins nächste Jahr (zkm.de/globale)