Griechen protestieren vor dem Parlament in Athen gegen die Sparpolitik. © dpa

Wenn griechische Arbeitslose ihren Zorn rauslassen, hört man oft das, was schon Politiker im Fernsehen gesagt haben: Die EU ist an allem schuld. Ganz anders Marina. Ihre Wut richtet sich gegen die eigene Regierung. "Sie haben uns für ein paar Monate Hoffnung gegeben und dann alles wieder genommen!", ärgert sie sich. Marina, eine kräftige 33-Jährige, trägt Leggings, eine schwarze weite Bluse mit großen Knöpfen, blondes Haar, in dem eine weiße Sonnenbrille steckt. Früher war sie Köchin, nun ist sie seit drei Jahren arbeitslos. Hilfe vom Staat hat sie lange nicht erhalten. Erst in diesem Jahr bekam sie ein garantiertes Grundeinkommen, eine Art griechisches Hartz IV. Die letzte Zahlung erhielt sie Ende März. Seitdem leben ihr Mann, ihr dreijähriger Sohn und sie wieder von dem, was die Eltern von ihrer Rente abgeben können.

Marina sitzt in einer Suppenküche in Chalkida. Menschen holen sich Plastikschüsseln mit Linsensuppe und Weißbrot ab, eine pro Person. Marinas Heimatstadt Chalkida ist eine der Städte, die am schwersten von der Krise getroffen wurde. In der Hauptstadt der Insel Euböa leben rund 60.000 Einwohner, doch man sieht sie fast nicht. Die Innenstadt wirkt verwaist, viele Läden stehen leer, der zentrale Marktplatz ist verwahrlost, das Dach der Markthalle verrostet. Am Golf von Euböa stehen Zementwerke, Rohr- und Ziegelsteinlager. Die Stadt hat einst von der Bauindustrie gelebt. Auf der Insel werden Marmor, Asbest und Eisen gewonnen. Aber gebaut wird in Griechenland leider nicht mehr. Nur abgebaut.

Marina und ihr Mann, ein Kellner, bekochten und bedienten die Arbeiter. Doch wer nicht arbeitet, kann sich keine Bedienung leisten.

Marinas Leben zeigt, dass das simple Bild von der hartherzigen EU, die immer kürzen will, und den Linken, die doch den Bedürftigen helfen wollen, so nicht stimmt. Das Elend von Marinas Familie wurde nicht allein durch die Sparpolitik, sondern auch durch die Unfähigkeit der neuen Regierung zur Reform verursacht. In Athen verschleppt eine linke Regierung eine linke Idee: das Grundeinkommen. Im Ringen zwischen EU und Griechenland um Reformen geht es um die künftige Gestalt des Landes in Europa. Dazu gehört auch die Idee einer umfassenden sozialen Grundsicherung, die es fast überall in der EU, aber nicht in Griechenland gibt.

Als im Februar der Regierungswechsel anstand, hofften die Europäer, dass die neue Syriza-Regierung von Alexis Tsipras alte Strukturen bekämpfen und neue Wege gehen würde. Immerhin sind da keine Politdynastien mehr an der Macht, es regiert eine neue Linkspartei. Beim Umbau des griechischen Sozialsystems muss Syriza nun beweisen, ob sie das kann und will.

Marinas Fall ist exemplarisch. Sie ist jung und hat weder beim Staat noch in gesicherten Arbeitsverhältnissen gearbeitet. Deshalb fällt sie durch das großmaschige Netz griechischer Sozialkassen. Also hat sie versucht, sich selbst zu retten. Sie wollte sich selbstständig machen. An einer Schule, wo die Kinder nichts zu essen bekamen, wollte sie eine kleine Küche eröffnen. Gute Idee, fanden alle. Es scheiterte am Staat. Der wollte allein 450 Euro von ihr monatlich für Sozialabgaben – unabhängig vom Einkommen. Wer das nicht zahlt, dem drohen Geldstrafen und sogar Haft. "Das hätte meine Einkünfte aufgefressen. Also keine gute Idee", sagt sie.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 18.6.2015.

Deshalb war das Grundeinkommen so wichtig für sie. Als Mutter eines Sohnes bekam sie 350 Euro im Monat und plante damit. Sie unterschrieb einen neuen Vertrag mit der Stromgesellschaft. Sie beantragte eine Umschulung. "Das Grundeinkommen gab mir meine Würde zurück, ich hatte etwas Geld, über das ich selbst entscheiden konnte." Jetzt, da das Geld ausbleibt, wurde erst der Strom wieder abgeschaltet, und seither ist es auch mit der Würde so eine Sache.

Seitdem die Linken an der Macht sind, bekommt Marina kein Geld mehr

Wir wollen herausfinden, warum das so ist und machen uns auf nach Athen. Die Fahrt mit dem Bus von Chalkida dauert etwa eine Stunde. In Athen sitzen die Regierung, die Opposition, die EU-Vertreter, der Internationale Währungsfonds, die Weltbank. Wir treffen deren Vertreter und erfahren: Das Programm, das Marina zu ihrer Würde verhalf, hat die Weltbank entworfen. Die EU hat es unterstützt, die alte Regierung aus der konservativen Nea Dimokratia und der sozialistischen Pasok hat es umgesetzt. Die EU hat 1,75 Millionen Euro an technischer Hilfe bereitgestellt. Die Weltbank hat ein Pilotprojekt für 13 Regionen entworfen, eines davon in Chalkida. Marina gehörte zu den Ersten, die davon profitierten.