So etwas sieht man nicht alle Tage: Die protokollarische Nummer zwei im Staat kommt praktisch im Dauerlauf angerannt. Im Moment, stellt Bundestagspräsident Norbert Lammert fest, könne er machen, was er wolle: Im Hinblick auf die Erwartungen sei alles "suboptimal". Hinter ihm an der Wand hängen riesige Fotoszenen aus übersichtlicheren Zeiten: aus der Bonner Republik und aus dem Zweiten Weltkrieg, als ein Krieg noch mit einer Kriegserklärung begann. Lammerts Kommando unterstehen 300 Polizisten, nur nützt ihm das gerade nichts. Seit vier Wochen hat er es mit einem Angriff zu tun, den man nicht sehen, nicht hören und mit klassischen Mitteln nicht bekämpfen kann. Das Schlimme ist: Man weiß nicht mal, ob der Feind noch da ist.

Lammert sieht sich als Hüter des Parlaments, er verteidigt die Rechte des Bundestags gegen unverschämte Griechen, unangemessen gekleidete Abgeordnete und das Verfassungsgericht. Nun aber steht der Vorwurf im Raum, ausgerechnet er habe das Parlament schlecht geschützt, als es angegriffen wurde, ja, er habe womöglich den Angreifern sogar in die Hände gespielt, weil er zu spät reagierte.

Bereits vor Wochen war bekannt geworden, dass der Bundestag Ziel eines Hackerangriffs war. Das für Datensicherheit zuständige Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) bemüht sich seither, den Eindruck zu erwecken, als handele es sich um einen mäßig aufregenden Fall. Doch inzwischen steht fest: Es geht nicht um "normale" Viren, es geht auch nicht nur um einige Computer. Die Angreifer hatten über die 15 bis 20 einzelnen betroffenen Geräte Zugang auf das gesamte Netzwerk des Bundestags, rund 20 Gigabyte Daten sollen abgeflossen sein. Die betroffenen Computer müssen verschrottet, die gesamte Software muss ausgetauscht werden. In der Sommerpause wird damit begonnen. Mindestens bis dahin gilt wohl: Das Hohe Haus ist nicht sicher. Was das in letzter Konsequenz für die Arbeitsfähigkeit des Parlaments bedeutet, ist noch gar nicht absehbar.

Er sei auf diesem Gebiet "alles andere als ein Spezialist", bekannte Anfang der Woche Wolfgang Bosbach, Vorsitzender des Innenausschusses. Einerseits ist auch das Teil des Problems: Diejenigen, die technisch etwas von der Sache verstehen, denken oft nicht politisch. Und diejenigen, die politisch zuständig sind, verstehen wenig von der Sache. Andererseits muss auch ein Verkehrsexperte nicht wissen, wie ein Motor funktioniert.

Wenn Thomas Jarzombek, Netzexperte der CDU, im Wahlkreis erklären soll, was nun eigentlich passiert ist, erzählt er die Geschichte von seinem 3er BMW. Vor vier Wochen wurde er aufgebrochen und das Radio geklaut. Man könne nun, so klärte ihn die Werkstatt auf, für 250 Euro das Schloss auswechseln. Habe der Dieb sich aber womöglich in die Elektronik gehackt, dann könne er auch danach jederzeit wieder einsteigen. Jarzombek entschied sich für die einfache Lösung, sein BMW ist schon älter.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 18.6.2015.

Dummerweise ist das auch das, wofür sich zunächst der Bundestag entschied. Zu den Vorwürfen, denen Norbert Lammert ausgesetzt ist, gehört auch, er habe als stolzer Hausherr zu viel Distanz zu den Nachrichtendiensten gehalten – und dadurch womöglich Aufklärung und Schutz erschwert. Das will Lammert nicht auf sich sitzen lassen: "Wir haben die Sicherheitsarchitektur des Bundestags gemeinsam beschlossen, das hat uns niemand von außen aufgenötigt." Die Abgeordneten selbst hätten entschieden, sich nicht dem relativ sicheren Regierungsnetz IVBB anzuschließen.

Erst durch Experten des Bundesamts für Verfassungsschutz erfuhr der Bundestag, dass es sich bei den Störungen, die zunächst bei zwei Computern festgestellt worden waren, keineswegs um einen "normalen" mittelgroßen Hack handelte, wie er in allen größeren Unternehmen vorkommt und ausweislich des Protokolls des Ältestenrats schon acht- bis zehnmal im Bundestag vorgekommen ist, sondern um einen Angriff, hinter dem womöglich ein fremder Geheimdienst steckt. Und bei dem wahrscheinlich ein weiterer Geheimdienst zugeschaut hat.